24.12.1973

KUBANoch nicht reif

Ungestümer als in irgendeinem anderen Land sollte in Kuba die kommunistische Zukunftsgesellschaft verwirklicht werden. Jetzt hat Fidel Castro diese Utopie aufgegeben.
Die Show im "Tropicana"-Nachtklub von Havana glänzt noch wie einst, als US-Touristen in weißen Dinnerjackets sieh dort amüsierten.
Doch im Parkett genießen jetzt kubanische Fabrikarbeiter und Behördenangestellte Musik, Tanz und ungewohnte Tafelfreuden, zum Sonderpreis von zehn Mark inklusive einem Bier. 800 Plätze hat Kubas Gewerkschaftsbund an Wochenenden jeweils reserviert: als Belohnung für verdiente Werktätige.
Denn nicht sozialistisches Bewußtsein allein, sondern mehr Lust und Lohn sollen die Kubaner künftig zu größerem Fleiß anspornen. Wo Kubas Castro bislang das Ideal des Neuen Menschen predigte, der als Gleicher unter Gleichen ans eigener Einsicht zum Wohle aller handelt, will er nun fehlende revolutionäre Moral durch materielle Anreize ersetzen.
Das Geld, das der Máximo Líder ganz abschaffen wollte, soll wieder Wertmaßstab der Leistung sein. Während Castro bislang stets das kommunistische Verteilungsideal -- "jedem nach seinen Bedürfnissen" -- pries, soll fortan "jeder nach seiner Leistung" entlohnt werden. Denn dieses Prinzip, so verkündete der Kuba-Premier im November vor 2200 Gewerkschaftern, sei "eines der unerbittlichen Gesetze beim Aufbau des Sozialismus".
Mit dieser dialektischen Kehrtwendung sagte er sich von sozialistischen Utopien los: Ungestümer als Lenin, hatte Castro in einem Jahrzehnt schaffen wollen, was den Sowjets auch nach mehr als einem halben Jahrhundert nicht gelungen ist den Sprung in den Kommunismus. Doch "unser Volk". so bekannte der Oberste Führer jetzt, ist "noch nicht reif für den Kommunismus". Und Fidel scheute sich nicht, eigenes Versagen einzugestehen: "Wir waren nicht fähig, in der Verwaltung wenigstens die gleiche Effizienz zu beweisen wie die Kapitalisten."
Desorganisation und groteske Fehlplanung bremsten Kubas Marsch ins sozialistische Schlaraffenland. Der Fehlschlag der voreilig zum Prüfstein der Revolution erhobenen "Großen Zuckerernte" des Jahres 1970 war es schließlich, der Castro zwang. das Steuer herumzuwerfen.
Kubas Wirtschaft hatte durch die Massenmobilisierung von einer halben Million Erntehelfern und fast sämtlicher Transportmittel etwa ein Viertel ihrer Jahresproduktion eingebüßt: Kuba geriet immer weiter in die Abhängigkeit von der Sowjet-Union, die dem Máximo Lider mit über zwei Millionen Dollar täglich hilft -- und mit einem Heer von Beratern. Mit fünf Milliarden Dollar steht Castro inzwischen bei den Sowjets in der Kreide.
Enttäuscht stellten die Kubaner fest, daß sich die Versorgung nach der "Großen Ernte" nicht besserte, sondern eher noch verschlechterte. Praktisch ohne Aussicht, über die karge Ration hinaus etwas kaufen zu können, verloren viele Kubaner jedes Interesse, zu arbeiten und Geld zu verdienen.
Zwar machte ein "Gesetz über Bummelei" bald Arbeit zur "sozialen Pflicht". Doch besser noch, so kalkulierte die Regierung, ließen sich Arbeitskräfte finden, wenn ihnen das Geld ausging: Sie brachte zusätzliche Konsumgüter zu hohen Preisen auf den Markt und schöpft damit Kaufkraft ab -- vier Milliarden Mark seit 1971,
So können Kubas Raucher neben ihrer Wochen-Ration von einem Päckchen Zigaretten (zu 65 Pfennig) zusätzliche Schachteln ä 4.15 Mark oder 6,25 Mark kaufen, Die Trinker freilich müssen für eine Flasche einheimischen Rum schon 40 bis 78 Mark bezahlen.
Fernsehgeräte (2720 Mark) und Kühlschränke (1760 Mark) dagegen werden ebenso wie Waschmaschinen. Fahrräder oder Nähmaschinen nur in Betrieben, an Arbeiter "mit der besten Einstellung zur Produktion", verkauft. Ein Facharbeiter verdient durchschnittlich knapp 500 Mark.
Die bislang sehr unterschiedlichen Einkommen -- ein Arbeiter mit einem hohen "historischen Lohn" aus der vorrevolutionären Zeit kann unter Umständen mehr verdienen als der Fabrikleiter -- werden künftig abgestuft nach Hierarchie und Leistung. So soll der erschlaffte Eifer der Genossen wieder angeregt werden. Die Wirtschaft des Landes kann nicht ertragen", so schimpfte Castro, "daß die Reparatur einer Zuckermühle, die in der kapitalistischen Epoche von 200 Arbeitern ausgeführt wurde, jetzt 700 erfordert.
Gleich einem kapitalistischen Arbeitgeber tut Kubas Partei-Boß es als "Irrtum" ab, "egalitäre Prinzipien auf die Arbeit anzuwenden". Er hat, so scheint es, Grund zu der Annahme, das Sein auf der sozialistischen Insel habe noch nicht allzu sehr auf das Bewußtsein seiner Landsleute abgefärbt: Seit es in den Autobussen keine Kontrolleure mehr gibt, klagte Fidel, nimmt die Zahl der Schwarzfahrer immer mehr zu.
Und die billige Lieferung von Strom sowie die kostenlose Abgabe von Wasser habe zu einer "unglaublichen" Verschwendung geführt: Viele machten sich gar nicht mehr die Mühe. die Hähne zuzudrehen.
Der Máximo Lider kündigte den Neubau einer Fabrik an -- für Wasserzähler.

DER SPIEGEL 52/1973
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