24.12.1973

JAPANKleines Einmaleins

Aufgeschreckt vom Kaufhausbrand in Kumamoto haben japanische Brandschützer Warenhäuser inspiziert. Sie stellten fest: „Riesige Menschenfallen“.
Zur "nationalen Woche des Feuerschutzes" waren in Japan die letzten Tage des November ausgerufen worden. Am Ende der Woche zählten Leichenbeschauer 134 Flammentote.
103 Menschen waren allein bei einem Kaufhausbrand in Kumamoto umgekommen, über 100 wurden verletzt. Vorläufige Untersuchungen zeigten, daß es für die Nation keinen Grund gab, den Feuerschutz im Kumamotoer Taiyo-Kaufhaus noch in den großen "Depatos" anderswo zu feiern.
Ein achtlos weggeworfener Zigarettenstummel war im Taiyo Ursache des Flammeninfernos, doch es war, so ein Beamter des Innenministeriums, "keineswegs eine Tragödie, bei der man sich auf höhere Gewalt berufen kann".
Mochte Taiyo-Präsident Yamaguchi auch beschwören. "den Profit niemals höher als die Sicherheit des Kunden" bewertet zu haben -- die Polizei kam zu anderen Ergebnissen.
über den Ausbruch des Feuers wurden von der Firmenführung weder Polizei noch Feuerwehr benachrichtigt, keine Warnung, etwa über die hauseigene Lautsprecheranlage, erging an die 4500 Kunden, eine automatische Alarmanlage fehlte ebenso wie eine Löschanlage. Spezielle Nottreppen waren nicht vorhanden -- man hatte sie für einen Erweiterungsbau abgerissen.
Bauaufsichtsbehörde und Feuerwehr von Kumamoto kannten diese Mängel wohl, sie hatten. Präsident Yamaguchi auch mehrfach verwarnt. Dennoch wurde ihm der Ausbau seines Warenpalastes um weitere 4500 Quadratmeter genehmigt. "Gehört es nicht zum kleinen Einmaleins der Verantwortlichen, einen Laden zuzumachen. wenn der Feuerschutz nicht funktioniert", empörte sich das Massenblatt "Asahi Shimbun" und fragte nach "Lektionen", die ein Kaufhausbrand in Osaka (118 Tote) bereits hätte erteilen müssen.
Jetzt scheint die Tokioter Regierung endlich entschlossen, ihr Einmaleins zu lernen. Denn als das Zentralamt für Brandbekämpfung kürzlich knapp 600 Großverkaufsstätten im ganzen Land inspizierte, stellte es, so Amtschef Sasaki, "mit einigem Entsetzen" fest, daß über zehn Prozent über keinerlei automatische Lösch- oder Alarmanlage verfügten, bei der Hälfte waren die Schutzvorrichtungen "ungenügend.
Die Tokioter Feuerwehr mochte bei einer Untersuchung nur gut 30 von 16O getesteten Läden das Sicherheitsprädikat "ausreichend" verleihen, und ein am vorvergangenen Wochenende veröffentlichtes Ergebnis des Zentralamtes, abgestellt auf die riesigen Kaufhäuser Tokios und Osakas, klingt noch alarmierende;.
Zwölf der Groß-Kaufhallen, die gleichzeitig mehrere zehntausend Kunden fassen, verfügen nicht einmal über simpelste Sprinkler-Anlagen. "Kaum ausreichend bis völlig ungenügend" seien die Fluchtwege.
Im Katastrophenfall würden sich diese Häuser "mit größter Wahrscheinlichkeit in gigantische Menschenfallen verwandeln", prophezeit der Architektur-Professor und Katastrophenschutz-Experte Mitsumasa Okada. Unter der "fast unrealistischen Annahme. daß keine Panik ausbricht", rechnet Okada mit 70 Prozent Toten und Verletzten, und das bei 30000 Kunden, die sich im Schnitt jeweils in einem der großen Tokioter Depatos aufhalten.
Zudem sind Notausgänge, Treppenhäuser und automatische Brandschutztüren bei mehr als 50 Prozent der Großläden mit Warenstapeln verstellt. Fest installierte Löschvorrichtungen können im Feuerfall nicht helfen, weil Verkaufsstände laufend umgebaut werden und Angestellte die Orientierung verlieren. In einer Befragung konnten 60 Prozent des Verkaufspersonals nicht angeben, wo in ihrer Abteilung ein Schlauch oder Handlöschgerät hängt.
Unter dem Schock des Brandes von Kumamoto haben jetzt von der Feuerwehr vergatterte Kaufhauschefs den seit Jahren vernachlässigten Feuerdrill für die Belegschaft wieder aufgenommen, Nur einer wenige Tage zuvor erteilten Schulung ist es nach Meinung der Polizei zu verdanken, daß kein Mensch ums Leben kam, als vor drei Wochen in Tateyama das Kaufhaus Itoya bis auf die Grundmauern niederbrannte.
Dennoch bauen Brandschützer nicht allzu optimistisch auf schärfere Gesetze. Denn ein längst vorhandenes Gesetz zur Sicherheit von Kaufhauskunden wird permanent gebrochen.
Es beschränkt die zulässige Zahl von Kauflustigen auf fünf Personen pro zehn Quadratmeter. Dieser Wert wird täglich ein paarmal um 600 Prozent überschritten. "Daß Kunden wegen Überfüllung abgewiesen wurden", meinte resigniert ein Tokioter Feuerwehr-Sprecher, "ist natürlich noch nie vorgekommen"

DER SPIEGEL 52/1973
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