24.12.1973

NORWEGENSelber zahlen

Fur mehr als zwei Kinder soll kein Kindergeld mehr gezahlt werden -- wenn es nach „Norwegens Familienrat“ geht.
Die 760 Millionen Chinesen und die rund 570 Millionen Inder sollen auf staatlichen Wunsch weniger Kinder kriegen -- doch bald vielleicht auch die vier Millionen Norweger.
Die Staatsprämie für überdurchschnittlich fruchtbare Eltern müsse ab geschafft, das Wachstum des norwegischen Volkes gebremst werden, verlangte der staatlich finanzierte norwegische "Familienrat" ("Norges Familierád"). Rats-Direktor Rokkones und Vorstandsvorsitzender Carlsen in der Sendefolge "19 Uhr" des norwegischen Fernsehens: Das staatliche Kindergeld solle nur noch für erste und zweite Kinder gezahlt werden. Wer mehr Kinder wolle, müsse die Kosten selber tragen.
Nur so könne, glauben die Familienplaner, das norwegische Volk überleben, das gemeinsam mit den übrigen West-Nationen für den Raubbau an den materiellen Reserven der Erde verantwortlich sei:
Denn schon konsumieren die Industrieländer rund 80 Prozent aller Nahrungsmittel und Rohstoffe einschließlich des Erdöls, verbraucht ein norwegisches Kind zwanzigmal mehr als etwa ein noch gutgenährtes indisches. So gesehen, seien nicht die unter-, sondern die hochentwickelten Länder übervölkert und sollten deshalb ihre Geburtenrate drosseln.
Nach der neuesten Statistik bestehen in Norwegen 820 000 Ehen, von denen gut 100 000 kinderlos sind. Fast 300 000 Ehepaare haben mehr als zwei, in Extremfällen bis zu 15 Kinder. Die vier Millionen Norweger wachsen jährlich um rund 30 000 Menschen.
Sie verzehren Nahrungsmittel. die nur zu 29 Prozent aus dem eigenen Land kommen, nur drei Prozent dieses Landes sind landwirtschaftlich nutz· bar. Und nur durch die Einfuhr hochwertiger Futtermittel läßt sich die Selbstversorgung auf 40 Prozent bringen.
Um die Ansprüche auf die eigenen und die Ressourcen der Welt nicht steigen zu lassen, möchte der Familienrat Norwegens derzeitige Bevölkerungsziffer "stabilisieren". Rokkones: "So etwas ist bei uns noch nicht diskutiert worden."
Nur Eltern, die vor einem Inkrafttreten der vorgeschlagenen Reform mehr als zwei Kinder hatten, sollen nach wie vor alle Staatszuschüsse bekommen: für das erste bis vierte Kind jährlich 250 bis 1130 Mark, vom fünften an 1220 Mark.
Wer aber nach der Reform noch eine große Familie stiften will, kann für das dritte Kind und alle weiteren Nachkommen das derzeit übliche Staatsgeld nur noch auf Kredit erhalten -- er muß es nach 20 bis 30 Jahren voll zurückzahlen.
Allen jungen Paaren soll daher vor der Trauung erläutert werden, daß es für mehr als zwei Kinder kein Geld mehr gibt -- jedenfalls nicht geschenkt.
Es war der bisher schärfste Angriff. der in einem westlichen Land gegen Wohlstandswelt und Kinderreichtum geführt wurde -- und der Familienrat hatte über diese Thesen anderthalb Jahre lang nachgedacht, bevor er sich an die Öffentlichkeit traute.
Dennoch erregte er einen Proteststurm. Denn in Norwegen wird die Familie wie allenthalben im Abendland als soziale Institution der Gesellschaft definiert. Und der Familienrat. 1964 unter Beteiligung vieler gesellschaftlicher Gruppen vom Gewerkschaftsbund bis zum Arbeitgeberverband -- gegründet. sollte sich für die Förderung, nicht die Dezimierung der Nor weger-Familie einsetzen.
Ex-Regierungschef Lars Korvald von der Christlichen Volkspartei: "Es geht nicht an. die Richtung unserer bisherigen Familienpolitik ins Gegenteil zu verkehren"

DER SPIEGEL 52/1973
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