24.12.1973

Welches Wasser

Rekorde auf der neuen Eisschnellauf-Bahn bei Alme Ata behielten die Sowjets sich bislang selber vor. Doch der Weltverband erkannte ihre Bestleistungen nicht an.
Monatelang durchforschten zwei sowjetische Eisexperten die Gebirge ihres Landes. Bei Alma Ata taten sie den ersten Spatenstich zum idealen Stadion: Konstant in Kudrjawzew und Jurij Iwaschkin begründeten ein Mono-Pol ihrer Eisschnelläufer auf Weltrekorde.
In 1700 Meter Höhe eröffnete die UdSSR 1951 ihre Medeo-Piste in Kasachstan. Der in der Höhe verminderte Luftwiderstand begünstigte die Läufer gegenüber den Bedingungen auf Flachlandbahnen. Zudem vermochte Wind nur durch eine Gebirgsschlucht einzufallen: er beflügelte die Eisläufer stets als Rückenwind.
Von 1951 bis 197(3 zeigten Stoppuhren in Medeo 46 Weltrekorde an. Mit ihnen "begann der Aufstieg des sowjetischen Eisschnellaufsports zur absoluten Weltspitze. schrieb das Ost-Berliner "Sportecho". Außer einigen norwegischen Eisflitzern und befreundeten Ostblock-Läufern räumten die Sowjets allerdings keinem Konkurrenten die Möglichkeit zu Bestleistungen in Alma Ata ein. Sie richteten dort auch keine Europa- oder Weltmeisterschaften aus. bei denen Ausländer Weltrekorde hätten brechen können.
Doch 1966 brach eine neue Kunsteisbahn in Inzell (700 Meter Höhe) das Rekord- Monopol der sowjetischen Natureisbahn: Inzell erhielt alsbald Konkurrenz in Davos (1500 Meter). Die russische Eiszeit endete: Von 17 gültigen Weltrekord-Leistungen sind 12 in Davos, die restlichen in Inzell erzielt worden -- 1970 verschüttete ein Erdrutsch das Stadion bei Alma Ata.
Doch im vergangenen Winter erobert te die UdSSR die Macht auf dem Eis zurück: im Dezember 1972 eröffnete sie eine neue Medeo-Bahn. Das Stadion für 12 000 Zuschauer befindet sich 1711 Meter hoch, Lawinenmauern sichern es gegen das Alatau-Gebirge. Dort können Eisschnelläufer sieben Monate pro Jahr auf Eis trainieren.
Die Piste bietet rekordträchtige Eigenschaften: Das Kunsteis entsteht aus weichem, salzarmem Wasser des Almatinka-Flusses und bildet bei Sonneneinstrahlung eine seifige, besonders gleitgünstige Oberfläche. Tatsächlich unterboten sowjetische Eis-Athleten auf der neuen Bahn unweit der chinesischen Grenze mehrmals die Weltrekordzeiten auf der 1500- und 3000-Meter-Distanz.
Sowjetische Eisläuferinnen. verbesserten vier von sechs bestehenden Weltbestleistungen. Tatjana Awerina spurtete die 1000 Meter in 1:26,1 Minuten -- 1,2 Sekunden schneller als die US-Weltrekordlerin Anne Henning.
Eisschnelläufer der UdSSR okkupierten wieder die Jahres-Weitranglisten. Auf der 1 500-Meter-Strecke belegten sie die ersten elf Plätze -- dank der Medeo-Piste. Aber die Sowjets mochten den Rekordsegen "ihrer zweiten Eiszeit nicht teilen. Bislang ließen sie allenfalls zweitklassige Ostblock-Läufer in Alma Ata zu. Der Schweizer Beat Häsler, Generalsekretär des Weltverbandes Isu, durfte die eisige Pracht wenigstens besichtigen. Häslers Urteil: "Auf dieser Bahn ist mit Weltrekordfluten zu rechnen, wenn sie erst einmal allen guten Läufern der Weit offenstehen wird."
Solange Konkurrenten aus Holland und Schweden, aus Finnland und der Bundesrepublik in Alma Ata nicht willkommen sind, trübt der Fachverband Isu den Sowjets allerdings die Freude über ihre Monopol-Bahn: Weltrekorde erkennt der Verband nur an, wenn das Rennen drei Wochen vor dem Termin und international ausgeschrieben worden ist.
Deshalb prangen die bisherigen, auf der neuen Medeo-Bahn erzielten Eis-Zeiten nur in sowjetischen Rekordlisten. Überdies gelangten Vorschläge an die Öffentlichkeit, Weltbestleistungen nur noch in Höhen bis zu 1000 oder 1500 Meter anzuerkennen.
Nun lenkten die Sowjets ein. Zum Zeichen des guten Willens veranstalten sie im Februar 1974 in Medeo die Europameisterschaften der Frauen, bei denen sich der bundesdeutschen Olympiasiegerin Monika Pflug eine Rekordchance bietet. Für den März 1974 lud der UdSSR-Verband zudem Norwegen zu einem Länderkampf ein.

DER SPIEGEL 52/1973
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