24.12.1973

SKI WANDERNSchuppen Im Schnee

Skiwanderer können es leichter haben: Ein neuer Langlauf-Ski gleitet auch ohne Wachsbelag.
In der Sommerhitze Floridas grübelte William Bennett über den Winter. Der amerikanische Erfinder suchte den idealen Ski. Fische vor Miami gaben ihm die Lösung für das Problem im Schnee ein.
Bennett übertrug das Muster der Fisch-Schuppen auf die Gleitfläche des Ski. So beseitigte er das ärgste Übel des Skilangläufers: das Wachsen. Der aus seinem Patent entwickelte "Trak-Nowax Schuppen-Ski" ermöglicht, was bislang nur "die richtige Wachs-Zusammensetzung bewirkte -- Gleiten nach vorwärts. Halt nach rückwärts.
In den letzten Jahren hat sich der Trend zu Skiwandern und Langlauf deutlich verstärkt. "Langläufer leben länger". empfahl der Deutsche Ski-Verband, und der Sportarzt Dr. B. Grünwald pries die Kräftigung für "Herz. Kreislauf, Atmung und Stoffwechsel".
In Schweden beteiligten sich mehr als 10000 Langläufer am 85 Kilometer weiten Wasa-Lauf, bei den. Volksläufen in der Bundesrepublik glitten immerhin 3000 Langläufer durch den Schnee. Sowjetische Werke stellen jährlich zwei Millionen Paar Langlauf -Ski her.
Denn die Langlauf-Technik ist leichter zu erlernen als Wedeln und Schwingen für Abfahrtsläufe. Skiwanderer sind nicht auf überlaufene Skilifts angewiesen: sie ziehen ihre Spur in der Ebene. An Eleganz stehen sie zwar einem Slalom-Star wie Olympiasieger Jean-Claude Killy nach, aber ihr Gipsverbrauch ist erheblich niedriger: Das Verletzungsrisiko ist für Langläufer gering. Zudem kostet eine Ausrüstung etwa 250 bis 400 Mark, halb soviel wie das Zubehör eines alpinen Skiläufers.
Aber bevor ein Skiwanderer in die Spur glitt und pro Laufstunde etwa 700 Kalorien abbaute, mußte er seine Ski kunstvoll präparieren: Je nach Wetter. Temperatur und Schneebeschaffenheit trug er ein Trockenwachs für trockenen Schnee oder- einen für nassen Schnee geeigneten sogenannten Klister aus der Tube auf. Die Wachspalette enthält zehn und mehr nach Farben unterschiedene Pasten; gelbes Wachs ist etwa für Temperaturen wenig über Null bestimmt, olivfarbenes für sibirische Kälte bis zu 30 Grad unter Null.
Doch beim Wachs-Lotto tippten auch Meister falsch: Olympiasieger Georg Thoma aus dem Schwarzwald hatte bei den Olympischen Winterspielen 1964 wiederum im Skispringen gesiegt und galt als Favorit in der Nordischen Kombination. Aber im zweiten Wettbewerb. dem 15-Kilometer-Lang lauf, stürzte er dreimal, "was offensichtlich auf das falsche Wachs zurückzuführen" ("FAZ") war. Thoma fiel auf den dritten Platz zurück. Den Finnen war das gleiche Mißgeschick passiert.
"Die Zukunft des Skilaufens in Finnland: Schuppen-Ski", schrieb kürzlich die Tageszeitung "Sanornat" aus Helsinki. Finnlands erfolgreichste Skifabrik, Järvinen, die 1972 sieben von zehn Olympiasiegern mit Langlauf-Ski ausgerüstet hatte, verkauft den Nowaz-Ski. Sein Schuppenprofil wird in gleitfähiges Polyäthylen geprägt.
"Am ersten Tag, an dem ich die Post auf Ski aus dem Dorf holte", schwärmte der US-Autor William Lederer ("Der häßliche Amerikaner"), "begann meine Leidenschaft für das Skiwandern." Er schrieb einen Ratgeber für Skilangläufer und befürwortete den Schuppen-Ski für alle, die "nicht die Kunst des Wachsens lernen wollen".
In den USA erreichte der Schuppen-Ski schon 23 Prozent Marktanteil. 1972 gelangte das Patent in einige europäische Länder. Verkauf in der ersten Saison: 100000 Stück. Diesen Winter übernahmen auch bundesdeutsche Fachgeschäfte den Nowax-Ski (140 Mark).
Die ersten deutschen Leistungssportler auf Schuppen-Ski werden freilich keine Langläufer sein: Zur Vorbereitung auf die nächste Sommersaison sollen die Ruderer auf den wachslosen Brettern Kondition sammeln.

DER SPIEGEL 52/1973
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