24.12.1973

Das Buch zur Krise: Kohlenklau faksimile

Energiekrise nostalgisch: Wer kennt ihn wieder, NS-Deutschlands "Kohlenklau"
jenen stoppelbärtigen Bösewicht, der einst in Zeitungsinseraten als Licht- und Wärmeverschwender angeprangert wurde, den aber das Volk dem Endsieg zuliebe mit Kochkiste und halbgefüllter Badewanne leicht fröstelnd ("Nicht mehr als 16 Zimmertemperatur!") in die Flucht schlug. Der Künstler und Verleger Y. Fongi im bayrischen Margarethenried läßt die Symbolfigur faksimile wiederaufleben (Paperback 112 Seiten, 9,80 Mark), fügt auch Kohlenklaubezugliche Industrie-Annoncen bei und verfremdet bisweilen die Originale. So mahnt er etwa, das Radio nicht sinnlos einzuschalten, "wenn Löwenthal kommt", und Kohlenklau trägt öfter die Züge von Franz Josef Strauß. Das hätte Fongi lassen können, denn die insistierende Sparpropaganda spricht ebenso für sich wie die Verlautbarung einer Wirtschaft, die auch im Notstand weiterwirbt, zähneknirschend: begnügen wir uns einsichtsvoll mit weniger Osram-Lampen", oder auch freudig angepaßt: "Zum Ankleben abdichtender Stoffreste oder Filzstreifen eignet sich ausgezeichnet Uhu." Eine hübsch gruselige Lektüre, von der Friderichs, Ehmke und die Ölgesellschaften noch lernen können.

DER SPIEGEL 52/1973
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