24.12.1973

BIOGRAPHIENAnalyse des Analytikers

Sigmund Freud habe seine Todestrieblehre nur deshalb entworfen, weil er mit dem Problem des eigenen Todes nicht fertig wurde, behauptet Freuds Arzt Max Schur in seinen jetzt veröffentlichten Aufzeichnungen.
Vor mehr als einem halben Jahrhundert überraschte Sigmund Freud seine Freunde und Feinde in der Schrift "Jenseits des Lustprinzips" mit der Behauptung, der Mensch werde nicht nur von Eros, dem Lebenstrieb, sondern auch von Thanatos" dem Todestrieb. beherrscht.
Freuds Anhänger suchten nach Entschuldigung: Bei der Konstruktion des Todestriebes sei des Meisters Freude an der Spekulation. wenn nicht gar sein Hang zur "Phantastik" mit ihm durchgegangen. Die Gegner hingegen sahen sich nun endgültig in ihrer Ansicht von der Dekadenz der Freudschen Lehre bestätigt. Rätselhaft blieb Freuds Todestrieblehre für alle.
Jetzt bemüht ein Biograph erstmals Freuds eigene Lehre, um Freud zu begreifen. Die Psychoanalyse des Psychoanalytikers unternahm Max Schur. Freuds Leibarzt in dessen letzten Lebensjahren. Aus unveröffentlichten Briefen und eigenen Kenntnissen rekonstruierte er die Krankengeschichte seines berühmten Patienten und verglich Freuds physischen Leidensweg mit allen erreichbaren Selbstzeugnissen des Seelenarztes zum Thema Krankheit und Tod*.
Das Ergebnis der Schurschen Analyse ist ebenso überraschend wie einst die Konzeption des Todestriebes: Nicht aus theoretischen Erwägungen gelangte Freud zur Überzeugung vom Vorhandensein des Todestriebes, sondern im Gefolge einer ernsthaften Erkrankung-Erst "die Aufdeckung eines Todestriebes", meint Schur, habe "es Freud buchstäblich erlaubt, mit der Realität des Todes" zu leben.
Laut Schur erkrankte Freud 1893. Der 37jährige litt unter Herzbeschwerden. Während Ernest Jones, Freuds bedeutendster Biograph, die Ansicht vertritt, die Beschwerden seien "Aspekte von Freuds Psychoneurose" gewesen, ermittelte Schur. daß Freud damals wirklich krank gewesen sei. Seine Diagnose: "Anfälle von Tachykardie (Steigerung der Herzfrequenz) mit tollster Arhythmie (unregelmäßige Herztätigkeit), Brustschmerzen, die in den linken Arm ausstrahlten, und Dyspnoe (Atemnot)".
Diese Beschwerden hatten allerdings neurotische Folgen und waren, meint Schur, die Ursache für die damals zum ersten Male bei Freud aufgetretene To-
* Max Schur: "Sigmund Freud. Leben und Sterben. Suhrkamp Verlag. Frankfurt; 696 Seiten: 32 Mark.
desangst. Freud selbst scheint den Zusammenhang geahnt zu haben. Er schrieb im April 1894 an seinen damaligen Arzt. daß "Toten- und Abschiedsmalereien, die "gangbaren Beschäftigungsdelirien" ersetzten,
Seit dieser Zeit, so glaubt Schur. sei bei Freud "eine zwanghafte Beschäftigung nicht nur mit dem Tod allgemein" aufgetreten, "sondern mit dem Sterben in einem ganz bestimmten Lebensalter". Er begann. seinen eigenen Todestermin zu errechnen. und bediente sich dabei zufälliger Zahlenreihen. Diese Manipulationen machten auf Schur einen "zwanghaften" Eindruck.
Anfangs glaubte Freud, er werde mit 41 oder 42 "Jahren sterben, später war ei auf das 51. Lebensjahr fixiert. Im Jahre 1899 sprach er plötzlich davon, er rechne damit. 61 oder 62 Jahre alt zu werden, und 1936 setzte er sein Erdenda sein auf 81 Jahre fest.
Freud berechnete jedoch auch andere wichtige Termine seines zukünftigen Lebens mit Hilfe merkwürdiger Zahlen-Operationen. So gelangte er 1899. im Alter von 43 Jahren, zu der Überzeugung, er werde mit 67 Jahren pensioniert werden. Damals hatte er -- vermutlich im Spaß -- seinem Freund Wilhelm Fließ geschrieben, sein Buch "Die Traumdeutung" (erschienen 1900) wer de "2467 Fehler" enthalten. Ein Postskriptum läßt erkennen, daß Freud sich nach der Niederschrift Gedanken dar über machte, warum ihm gerade die Zahlen 24 und 67 eingefallen seien.
Er erinnerte sich, mit 24 Jahren einem Oberst begegnet zu sein, an des sen Karriere er seine eigene zu messen beschloß. Als der Oberst im Jahre 1899 in Pension ging, zählte der damals 43 Jahre alte Freud die Zahlen 24 und 43 zusammen und kam so auf sein eigenes Pensionsalter 67.
Obwohl Schur den Hang seines Patienten zur Zahlenmystik als neurotisches Symptom erkannte, vermerkte ei erstaunt, daß Freud genau mit 67 Jahren -- 1923 -- an Krebs erkrankte. Freud sah darin eine Bestätigung seines 24 Jahre zuvor errechneten "Pensionsdatums" und verhielt sich, wie Schur berichtet, denn auch angesichts seiner Krebserkrankung "ungewöhnlich fatalistisch".
Die Wurzel der Freudschen Anfälligkeit für die Kabbalistik sieht Schur in Freuds jüdischer Herkunft. In der Tal gab es in der kulturellen Umwelt des osteuropäischen Judentums "typische Aberglauben in bezug auf bestimmte Zahlen", die aus der Benutzung des he britischen Alphabets als Zahlensystem erwachsen waren.
Danach kann zum Beispiel die Zahl 17 auch als das hebräische Wort für "gut" gelesen werden, die Zahl 52 als das Wort für "Hund". Freud wählte als Knabe die Zahl 17 als Glückszahl und verlobte sich an einem 17ten. In einem Brief an Jung, in dem Freud eine seiner Episoden intensiver Spekulation über sein Todesdatum schilderte, bemerkte er selbst: "Sie werden ... die spezifisch jüdische Natur meiner Mystik bestätigt finden."
Verstärkt wurde Freuds Präokkupation durch die Freundschaft mit dem Berliner Hals-Nasen-Ohren -Arzt Wilhelm Fließ. Der Facharzt glaubte nämlich, ausgehend von der Periodizität als dem kosmischen Grundprinzip alles Organischen, die "kritischen Daten" im Leben des Menschen berechnen zu können.
Zwar hat Freud später die These von Fließ, alles Organische unterliege einer berechenbaren kosmischen Periodizität. als Wahnvorstellung verworfen, doch der Gedanke an die Wirksamkeit einer anders zu definierenden Periodizität, einer dämonischen Determination zum Tode. ließ ihn nicht mehr los.
Außerdem war ihm in der Freundschaft mit Fließ das Todesproblem von einer anderen Seite deutlich geworden. Als Freud auf der Suche nach einem therapeutischen Instrument zur Heilung neurotischen Verhaltens auf die Technik der Traumdeutung stieß, analysierte er auch seine eigenen Träume. Dabei entdeckte er, daß sein Verhältnis zu Fließ in höchstem Grade widersprüchlich war: Im Traum wünschte er diesem den Tod, im Wachen erwies er ihm die höchste Verehrung bis hin zur Selbstverleugnung.
Schur glaubt nun, daß Freuds ständige krankhafte Beschäftigung mit dem Todesproblem schließlich zu der Formulierung der Thanatos-These des Jahres 1920 führte. Damals entwarf Freud in "Jenseits des Lustprinzips" einen dem Triebverhalten generell zugrunde liegenden "dämonischen Todestrieb" -- ohne theoretisch zwingenden Grund und im Zirkelschluß. wie nicht nur Schur behauptet.
Mit der Konzeption des Todestriebes hat Freud, wie sein Arzt meint, seine zwanghafte Beschäftigung mit dem Tod nur rationalisiert und zum universalen Mythos erhoben, der zu einem "Credo einer wissenschaftlichen Weltanschauung" werden sollte, weil er anders das Problem des Todes nicht hätte ertragen können.
Schur beruft sich auf Freud selbst. der einräumte, vielleicht sei auch die Idee des Todestriebes "nur eine der Illlusionen. die wir uns geschaffen haben. um die Schwere des Daseins zu ertragen·.

DER SPIEGEL 52/1973
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