24.12.1973

KUNSTElvis im Wunderland

Englands Pop-Maler Peter Blake, der Andy Warhol um Jahre voraus war, hat seine erste große Ausstellung in Deutschland.
Auftritt des Malers: Den Blick der blauen Augen sanft geradeaus gerichtet, steht der junge Mann ein wenig linkisch da. Eine Hand steckt in der Jackentasche seines übergroßen Jeansanzugs (Ärmel und Hosenbeine sind umgeschlagen), die andere zeigt ein Fan-Heft "Elvis" vor.
Auch eine große Plakette am Jackett huldigt Elvis Presley, und überhaupt bietet der Herr in Jeans dem Betrachter recht bekennerisch die Brust. Sie ist von Ansteckknöpfen übersät, die etwa für Mäßigkeit" oder "Pepsi Cola" werben. die behaupten "Adlai ist o.k." und die Pfadfinder-Parole ausgeben: "Jeden Tag eine gute Tat!" Dem Knopf-Träger ist zuzutrauen, daß er sich daran hält.
Es handelt sich um Peter Blake. einen Hauptvertreter der englischen Pop Art. der sich 1961 so auf einem "Selbstporträt mit Buttons" vorgestellt hat.
* "Selbstporträt,", "Alice"-Illustration, "Spind". ** Bis 27. Januar. Katalog 65 SeiLen: 11 Mark.
Das Gemälde. damals in Liverpool mit einem "Juniorenpreis" belohnt, macht programmatisch klar, was Pop für diesen Briten vom Jahrgang 1932 zuallererst bedeutete: nicht Apotheose der Reklamewelt wie in den USA, auch nicht Reflexion auf die Bildmedien wie bei Blakes älterem Landsmann Richard Hamilton, sondern eine geradezu romantische Anteilnahme am Idolkult der schlichten jungen Leute.
Entsprechend liebevoll -- im Gegensatz zum Schablonenstil Warhols oder Lichtensteins -- sind Blake-Bilder wie das "Selbstporträt" gepinselt. Diese nuancenreiche malerische Manier (Blake: "Ziemlich mühsam") hindert den Künstler auch an Massenproduktion und hat so dazu beigetragen, daß dem deutschen Publikum erst jetzt eine größere Blake-Ausstellung zu Gesicht kommt: Der Kunstverein in Hamburg zeigt gegenwärtig rund 80 Arbeiten aus den Jahren 1951 bis 1972**.
Die Auswahl schließt einen Kreis. Auf einem der frühesten Werke, einem Aquarell von 1952/53, posiert Blake selbst, noch geradezu kindlich (und ebenso großäugig frontal wie später mit den Buttons) in Harlekinhosen und vor Zirkusplakaten. Von einem 1972er Blatt grinst ein Clownsgesicht: "Chipperfields Zirkus".
Aus der Kinderwunderwelt der Artisten, in die auch "Loelia, am reichsten tätowierte Frau der Welt" (1955) und Schauringkampfer wie "Baron Adolf Kaiser" (1961/63) gehören, hatte sich Blake nur zeitweilig beurlaubt. Nur auf Widerruf teilte er Rockmusik- und Filmstars die Schaustellerrolle zu.
Am Anfang ist alles ein Kinderspiel. 1954 malt Blake einen Jungen und ein Mädchen bei der Comies-Lektüre, 1955 deutet er den "Einzug in Jerusalem" -- das Wettbewerbsthema des Londoner Royal College of Art -- nach seinem Geschmack um: Er zeigt Kinder bei Vorbereitungen auf eine Sonntagsschul-Aufführung der biblischen Szene und bringt die Stadt Jerusalem als alte Vedute ins Bild.
Blakes College-Abschlußarbeit "Auf dem Balkon" versetzt dann Kinder in ein Sammelsurium von Zitaten aus Kunst und Konsum. Das Manet-Gemälde gleichen Titels ist einmontiert, die "Life"-Ausgabe vom 2. September 1957. eine Packung "Red Seal"-Margarine und so weiter. Ein Mädchen trägt den Knopf-Spruch "I like Elvis" zur Schau.
Längst ehe in New York (um 1960) Pop Art aufkam, spürte Blake den Inbildern des Starkults nach. Schon 1959 setzte er Elvis Presley und dessen britisches Pendant Cliff Richard auf eine Collage (fünf Jahre vor Warhols "Elvis I und Elvis II"), pinnte er das Image Marilyn Monroes (drei Jahre vor ihrem mythenbildenden Tod) an eine "Mädchentür" und in einen "Spind".
Obwohl nach eigenem Bekenntnis selbst Rock 'n' Roll-Fan und somit für Verehrung disponiert, will Blake doch -- kritisch -- "mehr an der Legende als an der Person" Presleys, den er nie leibhaftig sah, interessiert gewesen sein. Den Beatles allerdings kam er dann so nahe, daß sie sich die Plattenhülle für "Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band" bei ihm bestellten.
Blake entwarf die Kommerzgraphik gemeinsam mit der amerikanischen Künstlerin Jann Haworth. einer Schneiderin radikal-realistischer Puppen, die er 1963 geheiratet hatte und mit der er die USA bereiste. Amerikanische Pop-Einschläge machten sich in seinem Werk bemerkbar.
Doch 1967 proklamierte der sonst wortkarge Künstler öffentlich, er habe mittlerweile genügend "Abstecher in diverse Richtungen unternommen und sei "glücklich, ganz einfach zum rechteckigen Bild -- .. und zu ganz einfachen altmodischen Sujets zurückgekehrt zu sein" --
Im britischen Bath, wo er einen alten Bahnhof bewohnt. tupft Blake nun beispielsweise "Jann, einige Wochen vor der Geburt von Juliette Liberty" oder "Zwei Studentinnen im Britischen Museum" in Wasserfarben aufs Papier -- eine Kunst zwischen Altmeisterschaft und Neuem Realismus. Sie wendet eine enorme Malkultur auf, hat aber mit den Pop-Klischees eine wesentliche Dimension eingebüßt und ist so, der Künstler sagt es selbst, "mehr oder weniger akademisch" geworden.
Ein größeres Opus aus neuer Zeit hat wieder mit Kindern. zu tun: Ein Aquarellzyklus. der nun beim Hamburger Kunstverein erstmals in Deutschland ausgestellt ist, illustriert das Traum- und Nonsensbuch "Alice im Wunderland".

DER SPIEGEL 52/1973
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