24.12.1973

Todesanzeige eines Völkermords

Auf den ersten Blick paßt das, für deutsche Gewohnheiten, nicht zusammen: das gebildete, geistreiche Parlando des Konversationsstücks, bei dem Psychen sich in Pointen offenbaren: und das Thema von Christopher Hamptons "Wilden", das in der Guerilla-Entführung eines britischen Diplomaten in der Dritten Welt (Brasilien) Probleme einer Vierten Welt (die Ausrottung der Indianer) spiegelt.
Deutsche Erwartungen hätten das Thema zum Dokumentartheater abgestempelt. Wenn aber der Satz, daß das Sein das Bewußtsein bestimme, auf das Theater abgewandelt auch heißen muß. daß die Bühnenform ihre Autoren prägt, dann bedeutet das für Hampton: Seine "Wilden" stehen in der britischen Tradition des Salonstücks, das wir gern naserümpfend mit einem Kommerztheater und einem mondänen Boulevard-Publikum in Verbindung bringen.
Aber was dem Vorurteil als Not erscheint, ist in Wahrheit eine Tugend: denn es zeigt sich, daß die "Wilden" mit dem Konversationston in genauem Realismus Hamptons Thema bestimmen und erfüllen. Der Autor hat nämlich nicht, was einfach gewesen wäre, die Ausrottung der Indios als Dokumentarpamphlet in Szene gesetzt. Er hat vielmehr die Ohnmacht gegenüber dem Thema selbst thematisiert. Die Form der Salon-Wehmut über den Völkermord, das Schachspielen und Standpunktaustauschen zwischen dem gekidnappten Diplomaten und dem Guerilla. dessen antibourgeoises Pathos sich aus
* Mit Peter Kollek und Fritz Schediwy.
der fast gleichen bourgeoisen Herkunft speist -- das alles verdeutlicht die liberale Ohnmacht, die Ungemäßheit unserer Lebensformen gegenüber den Problemen, die durch sie zugleich geschaffen und gedeckt werden.
Der 27jährige Autor hat also die scheinbare A-Politik seines "Menschenfreundes" jetzt in den Dschungel der Interessenkämpfe geführt, bei denen die brasilianischen Indianer heute fast ebenso unbetrauert auf der Strecke bleiben wie die nordamerikanischen Stämme in den letzten Jahrhunderten.
"Wilde" beginnt, wie ein Salonstück anzufangen pflegt: Der britische Diplomat West und seine Frau stöhnen in schöner Attitüde darüber, daß sie wieder einmal zu einer langweiligen Repräsentationsparty gehen müssen. Er hat Schwierigkeiten, seine Fliege zu binden, als Männer in Mickymaus-Masken bei ihm eindringen, ihn entführen. Im Guerilla-Gefängnis verliert der Diplomat zwar seine Bequemlichkeit. nicht aber seine anrührende Contenance.
Mittels Rückblenden werden in diese Szenen die Wilden einbezogen. Die Formen der Ausrottung. die sich oft als Integration tarnt, werden szenisch meisterhaft beschrieben: ob es sich um den Missionar handelt, der den Indianern auf Teufel komm raus die Segnungen von T-Shirts, Monogamie und Schaffenslust hinter Stacheldraht einimpft, bis sie dumpf die Namen von englischen Fußhallstars lallen können; oder ob es sich um die weniger verbrämte Form der Bodenspekulation handelt, wobei man die im Wege stehenden Indios teils mit Pocken-verseuchten Decken, teils durch Bomben und Kopfjäger oder durch "humanitäre" Umsiedlungsmaßnahmen ausrottet.
Hamptons unbestechliche Genauigkeit sieht dabei, daß Mrs. West. wenn sie damenhaft angeekelt bemerkt, sie werde ihre indianische Haushilfe entlassen müssen, weil sie den Reispudding immer verdirbt, eigentlich auch ein Glied in einer Kette ist, die zu den bezahlten Kopfjägern führt. Und Hampton sieht, daß auch die Guerrilleros da mit Schlagworten im Grunde auf der Seite der Kolonisatoren stehen.
Kampton lenkt unsere Anteilnahme auf die ebenso sinnvolle wie sinnlose Tragödie eines einzelnen. So sehen wir. so sieht unsere Gewohnheit "Schicksal". Und fast lautlos, aber darum um so eindringlicher vollzieht sich hinter der Gefangennahme und Ermordung des Diplomaten, wie ein krudes "Naturgesetz" unserer Zivilisationsform, die Vernichtung von Menschen, deren Mythen der Autor mit bewundernswerter Kraft in das Stück integriert (wobei ihm die exakte, scharfe und elegante Übersetzung Martin Walsers zugute kommt).
Peter Zadeks Bochumer Erstaufführung machte dieses Ende von Hamptons Stück durchaus zu einer Angelegenheit. an der auch wir partizipieren. Während auf einem Vorhang abwechselnd Zeitungsschlagzeilen über die Ermordung des Diplomaten und mit dem großen Bodenspekulationsgeschäft in Brasilien lockende Annoncen aus deutschen Zeitungen -- verkappte Todesanzeigen eines Völkermords -- erschienen, ertönte aus dem Lautsprecher jene Touristenfolklore, die einen Kontinent zu seinen feurigen Rhythmen aufpeppt.
Wenn sich die Indios als Opfer der amerikanischen Zivilisation an eine schäbige Bar drängten, wozu Frank Sinatra schnulzte. wenn ein eingetrockneter britischer Offizier bei verdämmernder Lampe und krächzender Operettenmusik von der Hilflosigkeit seiner Indianer- Rettungsversuche berichtete. während ein stumpfer Indio wie ein Stück lebendiges Inventar durch die Szene schlich, dann war Zadek den Qualitäten des Stücks nahe.
Doch sonst schien er der eindringlichen Unaufdringlichkeit des Hampton schen Dialogs nicht zu trauen: Auf der weit aufgerissenen Bühne wurde hastig und übertrieben deklamiert. So ging eine Szene, in der ein General das Unrecht an den Indios erst aufdecken und dann zuschütten läßt, in karikaturistischer Übertreibung unter: Man sah also nicht, daß auch die korrupte Macht noch im leisen, indirekten Salonton spielt.
So wenig also die Bochumer Aufführung zu den großen Regiewürfen Zadeks zu rechnen ist, so sehr gilt für diese Premiere: Sie hat für Deutschland ein Stück vorgestellt, das ich zu den differenziertesten theatralischen Analysen unserer Gegenwart zählen möchte.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 52/1973
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 52/1973
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Todesanzeige eines Völkermords

  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Videoanalyse zum Brexit-Deal: "Für Johnson wird es sehr knapp werden"
  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling
  • Versprecher von FDP-Chef Lindner: Thüringen statt Syrien