24.12.1973

MEDIZINSieg der Knüppel

Seit fünf Jahren steht in Berlin-Kreuzberg ein Krankenhaus leer. Jetzt fordern Bürger die Einrichtung einer „Kinderpoliklinik“ -- doch Kassenärzte und Senat sind dagegen.
Im September hielt -- unter "Flintengeknatter" -- der erste Apotheker Einzug ins Berliner Bethanien-Krankenhaus. Aus seiner staatsfeindlichen Gesinnung machte er keinen Hehl: "Alles ist faul und muß unterwühlt werden." Denn: "Die Grundlage unseres Staates ist nicht mehr das Recht. sondern die Polizei."
Der stadtbekannte Provokateur, nach eigenem Zeugnis "Anhänger der äußersten Linken", Vater zweier unehelicher Kinder. Straßenkämpfer und illegal Besitzer einer Schußwaffe, zeigte erwartungsgemäß wenig Interesse an der Pharmazie (eher schon an den Krankenschwestern> und betrank sich mit Patienten. Doch Polizei und Arbeitgeber zogen keine Konsequenzen: Das war 1848, als Theodor Fontane ("Effi Briest") noch Pillendreher und in Berlin-Kreuzberg tätig war.
125 Jahre später -- Ende November -- tönte am gleichen Platz das markige Kommando "Knüppel frei". Vor dem Bethanien-Krankenhaus machte die West-Berliner Polizei Front gegen Aufrührer. Unter Einsatz des Schlagstockes wurden im SPD-regierten Arme-Leute- und Türken-Viertel Demonstranten von der Straße getrieben, weil sie gefordert hatten: "Nieder mit dem Monopol der frei praktizierenden Ärzte" und: "Kinderpoliklinik ins Bethanien". Mit dem Sieg der Knüppel ist freilich noch nichts entschieden. Das 1847 gebaute Bethanien-Krankenhaus war 1969 von der evangelischen Kirche an den Stifter, die Stadt Berlin, zurückgegeben worden. Seither vom neuen Besitzer, dem Senat, immer gut geheizt, doch kaum genutzt, wird der Klinikbau zusehends zum Alp bundesdeutscher Gesundheitspolitiker: Das weiträumige Backsteingebäude liegt in einem medizinischen Notstandsgebiet und erfüllt alle baulichen Voraussetzungen zur Aufnahme einer Poliklinik, doch Ort der Hilfe darf das Krankenhaus nicht sein. Die Kassenärzte sind dagegen.
Lautstark verteidigen die West-Berliner Ärztefunktionäre den "Sicherstellungsauftrag" -- jenes Monopol der niedergelassenen Mediziner, das seit 1955 den Krankenhäusern (Unikliniken ausgenommen) die ambulante Behandlung der Patienten untersagt. Dieses deutsche Kuriosum
in den USA etwa erbringen die Kliniken einen großen Teil ihrer Leistungen für ambulante Patienten -wird auch dort aufrechterhalten, wo die Kassenärzte nicht mehr in der Lage sind, die medizinische Versorgung auch nur annähernd zu sichern.
Um die 26000 Kinder im Bezirk Kreuzberg kümmern sich nur sechs Pädiater, einer davon bestenfalls halbtags. Im Villenvorort Zehlendorf dagegen praktizieren acht Kinderärzte für nur 13 000 potentielle Patienten. Wartezeiten "um vier Stunden" (so der zuständige Gesundheitsstadtrat> gelten
in Kreuzberg als durchaus akzeptabel. Immer häufiger bringen Eltern ihre kranken Kinder in die "Rettungsstelle" des Urban-Krankenhauses, das keine Kinderbetten hat. Dutzende der behandlungsbedürftigen. Kinder werden dort Tag für Tag abgewiesen, so verlangt es der "Sicherstellungsauftrag". Die Folge, laut Auskunft der Ärzte: "Protest der Eltern, oft auch gefährliche Verzögerung der Therapie."
164 Mitarbeiter der Rettungsstelle, darunter 32 Aufnahmeärzte, aber auch Feuerwehrmänner und Krankenfahrer, schließlich einige tausend Eltern unterschrieben in den letzten drei Wochen die Forderung eines "Aktionskomitees": "Kreuzberg braucht eine Kinderpoliklinik." Dr. Fritz von der 11. chirurgischen Abteilung des Urban-Krankenhauses: "Die Kreuzberger Arbeiterkinder sind medizinisch katastrophal unterversorgt." Gesundheitsstadtrat Rudi Pietschker: "Polikliniken fordere ich seit Jahren:"
Damit befindet sich der Stadtrat in guter Gesellschaft. Ambulante Behandlungsstätten dieser Art haben die Gewerkschaften ebenso auf dem Wunschzettel wie die Bonner Gesundheitsministerin Katharina Focke und ihr Staatssekretär Hans-Georg Woltens, die Ortskrankenkassen und der Westdeutsche Medizinische Fakultätentag. Auch CDU-Mann. Hans Katzer denkt mit: "Die ärztliche Versorgung hat Vorrang vor der Niederlassungsfreiheit."
Bewirkt hat die weitverbreitete Erkenntnis bisher nichts. Die Lobby der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) hat jeden Versuch zur Änderung des Status quo erfolgreich abgewehrt. Konkurrenz von angestellten. Ärzten wollen sie .sich nicht machen lassen -- obgleich es mittlerweile genug jüngere Mediziner gibt, die lieber in Polikliniken tätig wären, als "sich in freier Praxis niederzulassen.
Ein Mangel an ärztlichem Personal wäre auch im Kreuzberger Bethanien keineswegs zu befürchten. Stadtrat Pietschker: "Es fehlt aber die gesetzliche Grundlage für eine Poliklinik. Deshalb ist das Amt dagegen und will in den "leeren Halten" (Pietschker) mal den Domchor, mal Künstler mit Paletten. einquartieren.

DER SPIEGEL 52/1973
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