24.12.1973

Auf Leben und Tod

Bernard Malamud: „Die Mieter“. Deutsch von Annemarie Böll; Kiepenheuer & Witsch; 260 Seiten; 28 Mark.
Dieser -- vorzügliche -- Roman des Romans, den ein Autor in ihm schreibt, spielt im verrotteten Zinshaus einer New Yorker Abbruch-Straße. Es steht nur deshalb noch, weil der letzte Mieter sich hartnäckig weigert auszuziehen: jener Schriftsteller, 36, der nach einem guten und einem erfolgreichen Buch seit bald zehn Jahren überm dritten sitzt, das sein bestes werden soll.
Er weiß, daß das unfertige, empfindliche Gebilde einen Umzug, einen Milieuwechsel nicht vertrüge. Während rings die Gebäude abgerissen werden, läßt er sich, mietergeschützt, von seinem erbitterten Wirt nicht einmal mit schließlich 10 000 Dollar aus dem Hause ködern. Bräche die Welt zusammen, das Buch muß doch geschrieben, durchgehalten werden über alle Verhinderungen und gegen die Unbilden des fast schon toten Baus.
Doch etwas macht dem "Mann der Gewohnheit, der Ordnung, der gleichmäßigen. disziplinierten Arbeit" zu schaffen: Er entdeckt, daß sich in einer der verwahrlosten Wohnungen schwarz ein Schwarzer eingenistet hat, einer mit Schreibmaschine, ein Schreiber, besessen wie er, Anfänger zwar, noch ohne Erfolg und mit miesen Startbedingungen.
Zwischen den beiden Scriptomanen, dem Juden und dem Neger, dem Weißen und seiner schwarzen Kontrafigur, entwickelt sich bald ein vehementes, aber komplexes Verhältnis von Kollegialität und Rassenhaß, das durch die Liebe des Mieters zur jüdischen Freundin des Negers noch mehr aufgeladen wird.
Der Amerikaner, der jüdische New Yorker Malamud ("Der Fixer"), läßt seinen Schriftsteller ein Buch schreiben. in dem ein Schriftsteller ein Buch über einen ihm sehr ähnlichen Menschen schreibt, der aber besser zu lieben vermag. Er hofft: Gelänge ihm mit Worten ein derart Liebender, würde er auch selbst solcher Liebe fähig -- Selbsterschaffung durch Sprache. Diesem kunstreichen, riskanten Projekt stehen die schlichten, gewalttätigen Geschichten des reizbaren, unsicheren und stolzen Schwarzen gegenüber: eine andere, unmittelbare Selbstverwirklichung.
Für Malamud sind aber die Produkte seiner monomanischen Wortwerker nicht so wichtig wie ihr Treiben: Schreiben als Unternehmen auf Leben und Tod. "Was habe ich mir artgetan? Das habe ich mir angetan, daß ich nichts mehr sehe oder fühle außer durch Sprache, sagt sich sein Autor. Und: "Inspiration ist Gewohnheit, Ordnung."
Dieser Bescheidenheit korrespondiert das tollkühne Bekenntnis: "Der Schriftsteller will, daß seine Feder Stein in Sonnenlicht, Sprache in Feuer verwandelt." In den Niederbrüchen und Abstürzen, den Aufschwüngen und Höhenflügen dieser verhaltenen und exzessiven Prosa über Einsamkeit und Unerbittlichkeit ernstlicher Schriftstellerei bringt Malamud solches Kunststück zuweilen zuwege.
R. S.

DER SPIEGEL 52/1973
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • New Orleans: Baukräne an eingestürztem Hotel gesprengt
  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Tierische Begegnung: Fuchs verzögert den Start einer Boeing 747
  • 50 Jahre Kanzlerwahl Willy Brandt: Der letzte Superstar der Sozialdemokratie