24.12.1973

Der Reiz der Wahrheit

Marie Luise Kaschnitz: „Orte“. Insel; 244 Seiten; 22 Mark.
Daß ihre Ehe glücklich war, der Umgang in der Kindheit teilweise hochfein und später meistens anregend und kenntnisreich, daß die Offizierstochter Marie Luise Kaschnitz eine tüchtige Turnerin gewesen ist und eine ehrgeizige Schwimmerin geblieben -darf, ja sollte uns das eigentlich nicht kaltlassen? Was macht die streng privaten "Aufzeichnungen", gerade diese. zur verbindlichen, ergiebigen Lektüre -und nicht nur für Bildungsbürger?
Es muß an der Aufrichtigkeit der Verfasserin liegen. Wer häufig Memoiren liest, der weiß, daß die Autoren fast immer etwas anzupreisen haben: die eigene Gelassenheit oder Entschiedenheit beim Vorwärtskommen, das Liebes- und Familienglück oder die erstklassige Abkunft, Unbefangenheit, auch Hochgestellten gegenüber, Tapferkeit im Angesicht der Macht.
Auch Frau von Kaschnitz stammt nicht aus der Gosse, ist mit anderen Berühmtheiten zurechtgekommen und war gegen Hitler. Trotzdem gerät sie keinen Augenblick in den Verdacht. daß sie diese Lebenserinnerungen -- die sie nicht nach Jahreszahlen oder Themenkreisen anordnet, sondern als Momentaufnahmen und Gedanken zur Person hinblättert -- nur geschrieben habe, um der Welt den einen oder anderen ihrer Vorzüge zu präsentieren. Marie Luise Kaschnitz möchte uns nichts beibiegen, nichts unterjubeln, sie redet mit sich selbst, befragt sich streng.
Das Elternhaus, das Adelsnest -- es war so, wie es war. Kein Ort, um sich damit zu brüsten, keiner aber auch, am den man nachträglich hinunterspucken müßte (und genügend Memoirenschreiber schaffen beides gleichzeitig). Der Vater dann doch noch ein Nazi, wenn auch von der blinden, der besseren Sorte; die Mutter nicht geliebt von dieser Tochter, nicht betrauert, was der Tochter Kummer macht, was sie gern anders hätte und nicht ändern kann, was sie sich eingesteht.
Wie sie sich eingesteht, ihr Kind gekränkt zu haben, durch eine eheliche Eintracht, die das Kind oft draußen" ließ, oder durch niederdrückende "Erziehungsmaßnahmen". Wie sie sich Feigheit eingesteht, auch gegenüber dem bedrohlichen Regime, Gefallsucht, die für Freundlichkeit genommen werden kann, die Liebe zur Bequemlichkeit, Beschränkung auf die Nächsten. "Nie habe ich mich als Krankenschwester in Seuchengebiete verschicken lassen, der Gedanke kam mir einfach nicht." Das ist keine Selbstanklage und noch weniger eine Selbstverteidigung, es klingt auch nicht kokett. Es ist die Wahrheit., wird die Wahrheit sein.
Was immer dieses Buch noch auszeichnet: Empfindlichkeit und Wortsinn und das rechte, damenhafte Maß -- es wird vom einzigartigen Reiz der Wahrheit überstrahlt.
Von Christa Rotzoll

DER SPIEGEL 52/1973
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