24.12.1973

Ein Ende in Trauer und Ekel

„La maman et la putain“ von Jean Eustache ist demnächst in allen Dritten Fernsehprogrammen in der französischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln zu sehen. Das provozierende Dreieinhalb-Stunden-Werk wird am 26. und 27. Dezember von WDR und Hessen, am 29. und 30. vom NDR unglUcklicherweise in zwei Teilen ausgestrahlt. Bayern (am 4. Januar) und Südwest (am 5. Januar) senden den Film an einem Abend.
Jean Eustache, 35 Jahre alt, ist ein mißvergnügter Cinéast, der die meisten Filme zum Kotzen findet, weil sie sich zuwenig Zeit lassen, nur auf Wirkungen aus sind.
"La maman et la putain" ("Die Mama und die Hure") ist ein Protest gegen das Kino, das Werk eines radikalen und melancholischen Individualisten, der allein noch von dem bewegt wird, was in seinem Kopf faßbare Gestalt annimmt, einzig mit dem sich auseinandersetzen will und kann, was er aus konkreter und intimer Erfahrung und Anschauung kennt, was sich unmittelbar vor seinem Körper und seinen Gefühlen ereignet. "Es ist Zeit, endlich aufrichtig über den Arsch und das Ficken zu sprechen, statt sich in Scheingespräche über Politik, die Welt und die Leute zu flüchten", war Eustaches Antwort auf den Vorwurf, daß er Weltflucht und Narzißmus kultiviere.
Alexandre, der melodramatischen Hauptfigur von "La maman et Ja putain", macht es keinen Spaß mehr in dieser Welt, "in der man mit 17 alt wird". Ein ausgebrannter Sensibler und zynischer Melancholiker, lebt er, viel Proust lesend und Whisky trinkend, in einem Paris aus Bett, Café, Kino und ein paar Straßen vor sich hin und vor allem in sich hinein. Dieses Leben erschöpft sich in unfrohem Nichtstun, romantischen Anwandlungen. und zickigen Ausbrüchen, in einem unaufhörlichen Räsonieren. Beschwören und Phrasendreschen: "Das Gefühl, nützlich zu sein. Ist das nicht widerwärtig? Zufrieden zu sein, weil man den Abwasch macht!"
Er lebt bei Marie, einer jungen Frau: eine Art Mama für ihn; man liebt sich, sie hält ihn aus, ist geduldig. Dann begegnet er einem jungen Mädchen, Veronika, die nicht oft genug vom Ficken reden kann, wie besessen davon spricht sie dauernd dieses Wort aus. Es entsteht ein nervendes Dreiecksverhältnis.
In die illusionäre Welt der Kaffeehausgespräche, des Schallplattenhörens, Kinozitierens, der immergleichen Rituale des Herumsitzens und Herumredens, die voll von versteckter Langeweile und Trauer sind, bricht eine erotische Verunsicherung und Gewalt ein, mit der keiner, sosehr er gegen seine Eifersucht und Unklarheit verzweifelt ankämpft, fertig wird. Jeder versucht hartnäckig die wahre Freizügigkeit und Gelassenheit zu erreichen, doch das immer auf Kosten des anderen. Die sexuelle Freiheit ist nur noch Pose. Attitüde, dahinter ist man tief verletzt, seiner selbst überdrüssig.
So quälen sich die drei durch ihre unbewältigten Konflikte und Sexualitäten, falschen Hoffnungen und hohlen Freiheiten zurück in die banalste Bürgerlichkeit. Und für diese reduzierte, triviale Existenz, schwacher Schatten ihrer Ausschweifungen, Hohn ihrer Träume, bringen Alexandre und Veronika nichts anderes mehr mit als die dumpfe Sehnsucht nach Ehe und Kind.
Der lange Marsch durch die erotischen und intellektuellen Ansprüche und Experimente, von politischen gibt es da nur noch eine ironische Spur, endet in nackter, schaler Resignation und unwiderruflich wirkender Erstarrung. Es ist ein Ende im Ekel.
Sowenig offiziöse und bedeutende Welt in "La maman et la putain" vorkommt, so weit entfernt ist dieser Film auch von der aufgeregten Bilder- und Geschichtenfabrikation des herkömmlichen Kinos. Statt kommerziellen Aufwands ist in diesen Film äußerste individuelle Anstrengung investiert.
Aufgenommen wurde "La maman et Ia putain" an wenigen Schauplätzen in Paris, denen von Eustaches eigenem Leben; ein Apartment, einige Straßen und Bistros. Gedreht wurde in 16 Millimeter, in Schwarzweiß, mit Original-
* Jean-Pierre Léaud mit Francoise Lebrun und Bernadette Lafont.
ton, 600 Seiten Dialoge und Monologe werden gesprochen, der Film dauert schier endlos lang. Seine Photographie und Dramaturgie wirken äußerst spartanisch, banal und monoton.
Dazu ein unaufhörliches Reden den ganzen Film hindurch, das immer ohnmächtiger wird: Diese flackernden und schweifenden Unterhaltungen und Bekenntnisse wirken wie ein verzweifeltes Beschwören und Selbstversichern über einen Abgrund hinweg, der sich beim Schweigen oder wirklichen Handeln auftäte.
Was diesen Film schön und wichtig macht, erschließt sich in intimen Einzelheiten, in der ungewohnten Freiheit, ohne Eile und Zwang miterleben und mitbegreifen zu können, wie jemand erscheint, da ist, atmet, sich äußert und verhält.
Diesen unvergleichlich freien und befreienden Blick wahrzunehmen, der in "La maman et la putain" auf Gesichter und Bewegungen, alltägliche, scheinbar bedeutungslose Gesten und Regungen fällt, ihn wie durch ein Vergrößerungsglas wahrzunehmen, wie in Zeitlupe, dieses offene, sanfte und konzentrierte Beobachten, auf das sich Jean Eustache beim Filmen beschränkt, ist letztlich eindrucksvoller und überzeugender als alles, was sonst in "La maman et ta putain" zum Ausdruck kommt.

DER SPIEGEL 52/1973
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