24.12.1973

HERREN MODETips von Bond

Deutschlands leitende Angestellte haben keinen Mut zur Mode. Warum das so ist, untersucht eine Kölner Studie.
Sie nennen sich leitende Angestellte, aber wenn es um Jacke und Hose geht, haben sie weniger Courage als der letzte Stift.
Während der Substitut sich auch mal eine Tupfen-Fliege bindet und der Buchhalter kariert ins Kontor kommt, hüllt sich die Spitze wie zu Gründerzeiten in distinguiertes Grau und Dunkelblau -- so fand das Kölner Institut für Empirische Psychologie (ifep) in einer Studie jetzt bestätigt.
Fazit der Kölner Psychologen: Leitende Angestellte orientieren sich mit der Kleidung ausschließlich an ihren Vorgesetzten und an ihresgleichen. Dort aber, in den Chefetagen, ist Unauffälligkeit das oberste Gesetz.
"Nach gar nichts aussehen" und im Schnitt "bewußt unmodisch" sein soll die Karriere-Kluft. so machten ifep-Rechercheure bei Motivstudien und Tiefeninterviews in 194 führenden deutschen Wirtschaftsunternehmen aus. Zum "körperfreundlichen Einreiher" (bei Konferenzen: Zweireiher) mit relativ schmalen Schultern und allenfalls "mittelbreiten Revers" tragen die Führungskräfte Hemden "Ton in Ton" und die Krawatten möglichst "dezent gemustert". Sport-Sakko und -Hose gelten unter Leitenden "nur in Notfällen" als tragbar.
Cardin-Taillen und ausgestellte Hosenbeine sind verpönt. Sobald einer ausbricht und sich avantgardistisch kleidet. meint ifep-Psychologe Walter Hofmann, "gibt es für ihn keine Hoffnung mehr auf eine Spitzenkarriere". Sogar der auffallend korrekt gekleidete Krupp-Manager Berthold Beitz mußte sich (von Großgrundbesitzer und Großunternehmer Prinz Johannes von Thurn und Taxis) nachsagen lassen: "Ein bissel ältere Anzuge könnt, er ja schon tragen."
Gegängelt durch offizielle Kleiderordnungen wird auch in einschlägigen Branchen nicht mehr so wie früher. Im Bankgewerbe ist der einstmals obligate Nadelstreifenanzug mit Weste, dunklem Rinder und Perle "nicht mehr unabdingbar" -- wenn sich auch, so die Auskunft von der "Dresdner Bank", "die Vertrauensbasis mit den Kunden nach wie vor in der Garderobe niederschlagen" müsse.
"Auf eine saubere Erscheinung" achtet auch das Management bei IBM. Die Grenzen der Sauberkeit markierte IBM-Sprecher Joachim Dieckow: "Ein Manager mit Rollkragenpulli ist nicht denkbar." Auch den Herren in den Chefetagen des VW-Werkes, die kürzlich einen Käfer im Jeans-Look herausbrachten, würde es "nie einfallen, ohne Schlips herumzulaufen" (VW-Sprecher Rudi Maletz). Aber obwohl sich etwa die "Dresdner Bank" schon zu "einer gewissen Toleranz in Accessoires" durchgerungen hat, steht insgesamt nichts zu befürchten: Der Biedermanns-Komment in Garderobefragen, früher vor allem von Untergebenen streng beachtet, hält sich, wie die Kölner Untersuchung lehrt, kaum gelockert in den Führungskadern
Mindestens 1200 Mark, doppelt soviel wie der durchschnittliche Konsument, gibt der Leitende jährlich für seine Tarnanzüge aus. Aber mit Mode ist nicht an ihn heranzukommen. Die Kölner Studie spricht von einer "unüberwindlichen psychologischen Mode schwelle",
Weder Anzeigen in Magazinen und Journalen noch sanfter Druck von Frau oder Freundin. so behaupten die Forscher. können den Aufsteiger zu einem lässigeren Lock verleiten. Allenfalls gewisse Sportarten "mit hohem sozialem Stellenwert". wie Reiten, Segeln oder Golf, färben laut Studie bisweilen auf die Alltagskleidung ab.
Und "gewisse meinungsbildende Einflüsse" seien -- neben Politikern und Fernsehmoderatoren -- auch Krimi- und Serienhelden wie James Bond oder Mannix zuzutrauen.
"Das sind. erklärt ifep-Psychologe Hofmann solche unterschwelligen Präferenzen deutscher Manager. "Erfolgstypen wie sie -- Leute. die stets korrekt gekleidet die Pistole ziehen."

DER SPIEGEL 52/1973
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