24.12.1973

PERSONALIENFranz Josef Strauß, Günter Struve, Hermann Höcherl, Heinrich Lummer, Heinrich Geißler, Norma Levy

Franz Josef Strauß, 58, CSU-Chef, erlebte vorletzte Woche "die beste Jagd, die ich je mitgemacht habe": Er durfte bei der traditionellen Sauhatz des Regensburger Bier- und Banken-Fürsten Thurn und Taxis in den Donau-Auen bei Sulzbach mitjagen. Seine Trefferquote im Unterholz war freilich ebenso spärlich wie -- in derselben Woche -- seine politische Strecke unter attackierten Parteifreunden und bayrischen Kabinettsmitgliedern: Der CSU-Allmächtige erlegte lediglich drei Frischlinge -- "Die Junge Union der Wildschweinzunft" (so die "Mittelbayerische Zeitung"). Dafür hatte er die Genugtuung, daß er unter lauter "Schützen aus dem hohen Adelsstande ... Königlichen Hoheiten, Durchlauchten, Exzellenzen und anderweitigen Würdenträgern" als einziger "Waidmann von bürgerlicher Herkunft die Reihen der Akteure verstärkte, wie Regensburgs "Tages-Anzeiger" beobachtete. Denn, so das CSU-nahe Blatt: "Sein hoher politischer Adel legitimierte ihn dazu."
Günter Struve, 33, Berliner Senatspressesprecher, findet Sozialistisches un -- schön. Der Intimus des Regierenden Bürgermeisters Klaus Schütz, jüngst zum Vorsitzenden der SPD-Abteilung Berlin-Nikolassee gewählt, möchte "aus ästhetischen Gründen" (Struve) die Einladungen dieses Ortsvereins an seine Mitglieder nicht mit der bis dahin üblichen Grußformel "mit sozialistischem Gruß, unterschreiben. Da Struves Stellvertreter, der Schauspieler Heinz Giese, auf seinen "sozialistischen Grüßen" beharrte, tragen Briefe der Abteilung nun links unten "freundliche" Grüße von Struve, rechts unten "sozialistische" von Giese.
Hermann Höcherl, 61, CSU-MdB, verstieß in Italien gegen die Polizeistunde. Der ehemalige Bonner Innenminister hatte vorletzte Woche nach dem deutsch-italienischen Film-Festival von Sorrent mit einigen anderen Festgästen über die Sperrstunde (0 Uhr) hinaus bei "Zia Teresa" weitergefeiert. Als plötzlich Polizisten auftauchten, schützte die Runde vor, den Geburtstag der Schauspielerin Romy Schneider zu feiern, der freilich schon am 23. September war. Höcherl bot der Wirtin, "wenn es da Schwierigkeiten geben sollte", seine Vermittlerdienste. notfalls beim italienischen Ministerpräsidenten. an: "Den Rumor kenne ich. den rufe ich dann an." Heinrich Lummer, 41, CDU-Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus, bemühte sich vorletzte Woche vergebens an das Grab des Dichters Theodor Fontane, um dort einen Kranz niederzulegen. Der Christdemokrat hatte in einem Bertelsmann-Lexikon festgestellt, daß Fontanes 75. Todestag auf den 20. Dezember falle, und begab sich. um die Kranzniederlegung "vorzuklären , auf den im Ost-Berliner Grenzsperrbezirk liegenden französischen Friedhof. Nachdem er auf dem Grabstein den richtigen Todestag des Dichters (20. September 1898) festgestellt hatte, wurde er von DDR-Grenzsoldaten gestört. Der Fraktions-Führer ("Scheiß Bertelsmann"): "Da hab' ich sicherheitshalber schnell hinter einem Grabstein Deckung gesucht"
Heinrich Geißler, 43, CDU-Sozialminister in Rheinland-Pfalz, macht Wahlkampf im Advent. In einem mit Geißler-Photo verzierten Brief, den er 150000 amtlichen Bescheiden über die Kriegsopferrenten beilegen ließ, verriet der Mainzer Kohl-Gehilfe seinen "lieben Mitbürgern" in Rheinland-Pfalz. wer daran schuld sei, "daß die Renten erst zum 1. Januar (und nicht schon rückwirkend ab Juli) erhöht werden: "die Bundesregierung und die Fraktionen von SPD und FDP Im Deutschen Bundestag". Was der Christdemokrat per Amtspost den Rentenempfängern. verbunden mit den besten Wünschen für ein "gesegnetes und gnadenreiches Weihnachtsfest", in die Briefkästen stecken ließ, kam der SPD im Mainzer Landtag "primitiv und instinktlos" vor Geißlers hessischer Ministerkollege Horst Schmidt (SPD) geißelte die "politische Geschmacklosigkeit" aus Mainz als "gezielte parteipolitische Propaganda" und kündigte, wegen "Verquickung von CDU-Interessen und amtlicher Tätigkeit", eine Rüge im Bundesrat an.
Norma Levy, 26, "berühmteste Hure der Welt" (Norma Levy über Norma Levy), denkt "heute oft an meine alten Kunden". Das Ex-Callgirl, dessen Liebesdienste im Mai die Karrieren des Luftwaffenministers Lord Lambton und des Lordsiegelbewahrers Lord Jellicoe ruinierten ("Was sie jetzt wohl ohne mich machen?"), plaudert in einem Memoiren-Band (Titel: "Ich, Norma Levy") ihre Bett-Geschichten aus. Das Paperbook (Auflage: 50000; Preis: etwa drei Mark), das am Montag dieser Woche auf den Markt kommt, hatte wegen juristischer Bedenken lange keinen Verleger gefunden -- der Verlag Blond and Briggs, der zunächst mit "New English Library" kooperieren wollte, riskierte schließlich die Veröffentlichung, nachdem der Geschäftspartner "aus rein verlegerischen Gründen" von der Lebensbeichte der ehemaligen Klosterschülerin Abstand genommen hatte. Die Prostituierte glaubt, daß ihr Leben "vorherbestimmt" gewesen sei -- schon ihre Schulleiterin habe ihr prophezeit: "Du wirst ein schlimmes Ende finden."

DER SPIEGEL 52/1973
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