24.12.1973

GESTORBENJosephine Reichsgräfin von Wrbna-Kaunitz-Rietberg-Questenberg und Freudenthal

Josephine Reichsgräfin von Wrbna-Kaunitz-Rietberg-Questenberg und Freudenthal, 77. Die Tochter eines Ofensetzers" durch ihre Ehe mit dem böhmischen Magnaten Wrbna-Kaunitz hoffähig geworden, avancierte zwischen den beiden Kriegen zur Vermögensverwalterin zahlreicher Wittelsbacher: Ihr Gespür für komplizierte Zusammenhänge wurde mit zwei Dutzend prinzlicher Generalvollmachten ausgezeichnet. "Tante Finy" lohnte derlei Vertrauen insbesondere nach 1945: Sie trieb den Wert von Wittelsbacher Grundstücken im Münchner Zentrum durch aufwendige Bebauung hoch: Finanzierungsprobleme löste sie beiläufig durch Verstöße gegen die damaligen Devisenbestimmungen. Als sie deswegen 1956 vor Gericht mußte, wurde sie von ihren sich plötzlich ahnungslos gebenden Vollmachtgebern belastet und erhielt -- in dubio pro Wittelsbach -- zwei Jahre Gefängnis. Die Freiheitsstrafe wurde nach ihrer Rückkehr aus der Schweiz, wo sie Zuflucht suchte, durch einen Gnadenerlaß ausgesetzt. Sie startete nun eine Serie von Zivilprozessen gegen die bayrischen Prinzen. Einen beachtlichen Teil gewann sie, ihre -- möglicherweise -- endgültige Rehabilitierung erlebte sie nicht mehr. Eine Nachttischlampe setzte vorletzten Donnerstag das Bett der schon seit Jahren schwerkranken Frau in Brand. Einen Tag nach der Gräfin starb -- an Rauchvergiftung -- auch ihr Mann.
Xaver Fuhr, 75. Der Maler aus Mannheim war gegen Ende der zwanziger Jahre im Umkreis der "Neuen Sachlichkeit" zu Profil und Ansehen gelangt. Doch was er von der Außenwelt wiedergab, war immer "mehr Schau als Sicht" (Will Grohmann). Stadtansichten, Fuhrs bevorzugtes Motiv, splitterte er expressiv in kubische Formen auf und gab ihnen mit einem Liniengestänge kompositorischen Kalt. Während der Nazizeit verfemt, wurde Fuhr nach dem Krieg als Akademieprofessor nach München berufen und lebte zuletzt zurückgezogen in Regensburg -- ein schwieriger Einzelgänger, der sich grundsätzlich weigerte, seine Werke zu datieren, der ihre Ausstellung häufiger verhinderte als förderte und der Ansichten exotischer Orte daheim von Postkarten übernahm. Fuhr starb vorletzten Sonntag in Regensburg.

DER SPIEGEL 52/1973
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