17.12.1973

MINERALÖLWilder Westen

Deutschlands Ölunternehmen geraten in Verdacht, mit schlauen Tricks schnelles Geld einzustreichen.
Sie werden geschmäht und verdächtigt, niemand traut ihnen, "doch jedermann. braucht sie: Zwielichtig wie lange nicht mehr erscheint Verbrauchern und Politikern, Parteien und Gewerkschaften am Ende des zweiten Ölkrisenmonats die Politik der Mineralölkonzerne.
"Über Energie und Rohstoffe", so beschwerte sich die IG-Chemie-Mitgliedszeitung "Gewerkschaftspost" vergangene Woche über das Krisen-Management der Ölunternehmen, "dürfen nicht Konzernbosse allein entscheiden."
Manager der Hamburger Ölhandelsgesellschaft Mabanaft, Branchenerster in· Europa, vermuten in der von den Arabern verordneten Ölknappheit sogar eine Interessen-Annäherung zwischen den Scheichs, die das Öl dünner, und ·den Konzernen, die den Gewinn dicker fließen lassen. Und Bonns SPD-Parlamentarier Wilhelm Nölling erregte sich im Bundestag: "Es ist offensichtlich. daß die Mineralölwirtschaft die Förderrestriktionen zur Ausdehnung ihrer Gewinne benutzt hat."
"Wenn man reinpickt". räumt sogar Hans Friderichs' Öl-Ministerialdirigent Gerhard Kling ein, "wirkt manches mysteriös." Aber -- so der Beamte: "Die Ölkonzerne sind die einzige funktionierende Organisation, die mit dieser Krise fertig werden kann."
Nur die multinationalen Ölunternehmen nämlich können sich derzeit Allround-Informationen vor Ort verschaffen. Nur sie sind ·in der Lage, die aus Arabien nach Europa fließenden Rohölmengen abzuschätzen und sie so zu verteilen, daß es "zwischen den Staaten keine großen Verzerrungen" (Esso-Manager Uwe Jöhnk) gibt.
Nur die Ölkonzerne können den Regierungen verläßliche Zahlen zum Energiekrisen-Spiel geben. Amerikas Kissinger, der vergangenen Mittwoch eine große Energie-Koalition zwischen Nordamerika, Westeuropa und Japan anregte, ist darauf ebenso angewiesen wie Hollands Wirtschaftsminister Lubbers und Bonns Hans Friderichs.
Durch frühzeitige Lieferdrosselung schafften es die Ölmanager in Deutschland, den Verbraucher so zu schocken, daß die Bundesrepublik trotz beträchtlicher Ölkürzungen ohne Not, freilich auch ohne Hochkonjunktur über den Winter kommt.
Im Dezember gibt es 200 000 Tonnen weniger Benzin, 770 000 Tonnen weniger Mitteldestillate (Diesel, leichtes Heizöl) und 500 000 Tonnen weniger schweres Heizöl als veranschlagt -- statt 1,047 nur 0,9 Millionen Tonnen Ölprodukte, Kürzungen zwischen 11,1 und 17,2 Prozent. Dennoch gab vergangene Woche BP-Direktor Hans-Joachim Burchard zu, sei die Lage in Deutschland dank Sonntagsfahrverbot. Geschwindigkeitsbegrenzung und privater Hamsterkäufe nicht mehr kritisch.
Im Januar werden Benzin noch einmal um 150 000 und schweres Heizöl um 100 000 Tonnen gekürzt, nur leichtes Heizöl soll um 300 000 Tonnen üppiger fließen als im Dezember. Gegenüber den Planungen bedeutet dies wiederum eine Verkürzung zwischen 12,1 und 17,3 Prozent, die aber, so Burchard, durch ähnliche Sparmaßnahmen wie im Dezember auszugleichen sei.
Einzig die Industrie leidet jetzt plötzlich unter Engpässen: Schweres Heizöl und Leichtbenzin -- das eine zur Wärme-, das andere zur Kunststofferzeugung -- sind knapp geworden. Während Westdeutschlands Haushalte leichtes Heizöl inzwischen wieder zu fallenden Preisen bekommen, während Autofahrer überall unbegrenzt tanken können, muß beispielsweise ein Marktriese wie der Leverkusener Chemie-Konzern Bayer für kleine Mengen Benzol inzwischen 500 Prozent Aufpreis zahlen: BP und Veba-Chemie wollen keine volle Liefergarantie mehr geben. Auch für 1974 haben sie schon verkürzte Mengen angemeldet.
Daß die chemische Industrie gegenwärtig härter vom Ölschock getroffen ist als der Privatverbraucher, führen Fachleute auf zweierlei zurück: Einmal bauten die Chemie-Unternehmen sich mangels gesetzlicher Verpflichtung keine Lagerhaltung auf, zum anderen kann die Edelware Leichtbenzin nicht so schnell auf dem Rotterdamer Ölbazar zu Wucherpreisen zugekauft werden wie die Massenwaren Rohöl und leichtes Heizöl.
Der Weg nach Rotterdam, wo am Beginn der Krise Öl aus Rußland, Rumänien., Italien, Spanien, Griechenland und der Türkei zu saftigen Preisen beschafft werden konnte, hatte nämlich wesentlich dazu beigetragen, daß die Versorgungslage in Westdeutschland besser geriet als in vielen anderen EG-Ländern: Wegen ihrer ungebremsten Preise war die Bundesrepublik für Verkäufer freier Ölmengen stets ein attraktives Land geblieben. Erst vergangene Woche wurde der Bundesregierung wieder Öl ·direkt aus Nigeria und Indonesien angeboten.
Der Zukauf schwarzer Ware wurde nebenher auch ein rasch aufblühendes Geschäft bei den Konzernen. So schickte die Raffinerie-Gesellschaft Union Rheinische Braunkohlen-Kraftstoff AG in Wesseling sogar ihre Buchhalter an den Persischen Golf, um dort nach zusätzlichem Öl zum Tagespreis ("Spot-Mengen") Ausschau zu halten.
Um den Total-Boykott der Niederlande zu mildern, lenken die Konzerne Tanker aus dem Iran, Nigeria und Venezuela, Ländern also, die dem Boykott nicht folgen, nach Rotterdam um. Tankladungen aus Arabien werden vor Englands Küste in andere Schiffe umgepumpt, die mit unbekanntem Ziel verschwinden.
Mit Tricks, die nirgends mehr ganz durchschaubar sind, will die Internationale der Ölindustrie in stiller Übereinkunft mit den Regierungen auch im nächsten Jahr den Araber-Boykott abfangen. Denn für 1974 rechnen die Ölkonzerne mit geringeren Mengen als 1973.
Bis zum Oktober nämlich hatten fast sämtliche arabischen Förderländer ihre Quellen noch weiter aufgerissen denn je. Allein Saudi-Arabien erhöhte seine Produktion gegenüber der entsprechenden Zeit des Jahres 1972 um mehr als ein Drittel. Um dieses Drittel ließ Saudi-Arabiens Ölminister Jamani die Förderung seit Oktober zwar wieder zurückfahren. Im gesamten Jahr 1973 wird der Wüstenstaat dennoch 90 Millionen Tonnen mehr geliefert haben als 1972 -- rund 380 Millionen Tonnen.
Insgesamt 2,35 Milliarden Tonnen Öl, 150 Millionen Tonnen mehr als 1972, flossen dieses Jahr aus den asiatischen, afrikanischen und amerikanischen Quellen auf die westlichen Märkte. Nächstes Jahr dagegen, so Branchen-Experten, schlagen die Lieferdrosselungen besonders Saudi-Arabiens voll durch. Die Ölmanager rechnen mit einer Produktion etwa auf dem Niveau von 1972 -- bei weiterhin steigenden Preisen.
Knappheitspreise hatten den Großen des Ölgeschäfts schon vor der Nahost-Krise hohe Gewinne in die Kassen geschwemmt. So erhöhte der Welt größter Ölkonzern, die amerikanische Exxon, ihre Rendite im dritten. Quartal 1973 gegenüber dem Vorjahr von 353 auf 638, die Royal Dutch/Shell-Gruppe von 111 auf 414 und die BP von 35 auf 135 Millionen Dollar (siehe Graphik Seite 62). In der Krise, so die landläufige Vermutung, stiegen die Gewinne noch rascher. SPD-Nölling: "Was sich seither abgespielt hat, erinnert an den Wilden Westen."
Im Vergleich zu ihren Konzernmüttern in England, Holland und den USA profilierten sieh Deutschlands Ölmänner während der Krise aber als Saubermänner: Gleich zu Beginn froren sie -- bei gleichzeitiger Mengenkürzung -- die Raffinerieabgabepreise für leichtes Heizöl zwischen 20 und 24 Mark je 100 Liter ein. Esso-Chef Oehme: "Herr Friderichs ist uns sehr dankbar gewesen."
Vergangene Woche legten die Ölmanager dem dankbaren Minister sogar ihre Kalkulationen auf den Tisch. Dabei rechneten sie vor, im dritten Quartal -- vor der Krise -- runde sieben Mark an der Tonne Öl (Verkaufpreis: 190 Mark) verdient zu haben. Im vierten Quartal aber sei der Rohöl-Einstandspreis dank arabischer Preiserhöhungen um genau diese sieben Mark gestiegen. Der Gewinn also sei weg.
Während Esso-Chef Oehme, BPs Hallmann und Texacos Ritter dem Minister nach eine Art Null-Rendite aufsagten, ging Shell-Vorsitzer Johannes Weibergen aufs Ganze: Die Firma, so der Chef, habe ihre von Rotterdam abhängige Godorfer Raffinerie auf 56 Prozent der Kapazität herunterfahren müssen und komme nun in die roten Zahlen.
Die große Mutter wird es verschmerzen: Mit einem Gewinnzuwachs von 303 Millionen Dollar war die internationale Royal Dutch-Shell-Gruppe im dritten Quartal 1973 Spitzenreiter der Branche.

DER SPIEGEL 51/1973
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