17.12.1973

ENERGIEGeiz im Dunkeln

Ein Fünftel der westdeutschen Stromerzeugung schlucken die Haushalte. Ein Sparprogramm, vom Forschungsminister in Auftrag gegeben, soll die Verschwendung eindämmen.
Immer wenn in den TV-Nachrichten der ARD das Wort "Energiekrise" eingeblendet wird, sieht der Münchner TU-Professor Helmut Schaefer rot. "Das regt mich auf. Wir haben eine Öl- und keine Energiekrise." Denn, so Schaefer: "Die Elektrizitätswerke arbeiten voll durch. Strom gibt es immer noch genug."
Schwarz hingegen "sieht der Energie-Experte für den Fall, "daß die Bundesbürger -- von Krisengerede und hohen Heizölpreisen geschreckt -- plötzlich massenhaft Wärme aus der Steckdose beziehen wollen.
Auf lokaler Ebene ist es schon passiert: Als letzte Woche zu viele Münchner gleichzeitig elektrische Heizlüfter und Radiatoren einschalteten, kam es zu einem "kurzfristigen Zusammenbruch" (Münchner E-Werke) der Stromversorgung in mehreren Straßenzügen der Millionenstadt. Und im Bereich der Neckarwerke Esslingen machte plötzliches Einschalten zahlreicher elektrischer Heizgeräte gleich mehrere Dörfer stromlos. Ein bundesweiter Blackout, so errechnete Schaefer, wäre selbst dann schon zu erwarten. wenn nur jeder zehnte Heizlüfter in der Bundesrepublik "schlagartig eingeschaltet" würde. Das Beispiel macht deutlich, welch
enormen Posten die privaten Haushaltungen in der westdeutschen Energie-Bilanz ausmachen. Mit 55,7 Milliarden Kilowattstunden -- einem Fünftel der gesamten westdeutschen Stromerzeugung -- waren die Haushalte im letzten Jahr (nach der Industrie) der zweitgrößte Stromverbraucher.
Dabei wird die im Haushalt verwendete Energie -- einschließlich des Heizöls -- in den Geräten und Brennern nur etwa zu 40 bis 60 Prozent genutzt. Der Rest verpufft durch den Schornstein, durch mangelhaft isolierte Wände, Türen und Fenster oder geht in Form von weggeschüttetem Warmwasser und als "Abwärme" (etwa bei Fernsehgerät, Glühlampe und Kühlschrank) verloren.
3,5 Millionen Mark will nun das Ehmke-Ministerium in ein Energie-Forschungsprogramm investieren: Aus einer Bestandsaufnahme vom Ofen bis zum Kraftwerk sollen Vorschläge entwickelt werden, wie Energie, der "Rohstoff aller Rohstoffe" (RWE), künftig rationeller eingesetzt werden könnte. Besonderer Schwerpunkt des Programms: Energie-Einsparungen im Haushalt.
"Aktives Energiesparen ohne Komfortverzicht" propagierten letzten Mittwoch auch die Stromerzeuger und Gerätefabrikanten, vertreten durch eine Fördergesellschaft Technischer Ausbau (FTA), auf einer Pressekonferenz in Bonn. Begünstigt durch jahrelange Billig-Preise für Strom haben die Hersteller von Elektrogeräten goldene Jahre hinter sich.
Allein für 1973, so eine unlängst erschienene Studie des Elektrokonzerns BBC, wird der Umsatz von E-Geräten in der Bundesrepublik auf 8,5 Milliarden Mark geschätzt. In der Liste der Orders fanden sich so stolze Posten wie: 1,35 Millionen Kaffee-Automaten (Zuwachs gegenüber dem Vorjahr: 23 Prozent), 1,2 Millionen Haartrockner (Zuwachs: 20 Prozent), eine Million Grillgeräte (25 Prozent) und 400 000 Gefriertruhen. Bei Fortschreibung dieser Zuwachskurve, so eine Berechnung der Münchner Forschungssteile für Energiewirtschaft, würden 1980 in der Bundesrepublik 103 Milliarden Kilowattstunden Haushaltsstrom verbraucht -- fast 35mal soviel wie 1950.
Dabei haben sich innerhalb des Haushalts die Schwerpunkte des Verbrauchs verschoben. Der E-Herd, einst größter Stromschlucker. ist nur mehr mit 17,9 Prozent am durchschnittlichen Haushaltsverbrauch beteiligt. Der Stromkonsum für die Beleuchtung sackte von einst 30 auf 8,4 Prozent ab.
So halten es auch Verbraucherverbände für geraden, ihre Aufklärungskampagnen zu verstärken, damit nicht am falschen Fleck gespart wird. "Da sitzen die Leute im Dunkeln", mokiert sich Thomas Schlier von der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher, "und wundern sich, daß die Stromrechnung nicht niedriger wird." Das Geizen mit der Treppenhausbeleuchtung -- alter Spartick deutscher Hausbesitzer -- bringt sowenig wie das zeitweilige Abschalten von Leuchtreklamen. Und auch wer "auf den Elektrorasierer verzichtet, um Strom zu sparen", so der Münchner Professor Schaefer, handelt "schlicht unsinnig": Er braucht die zweihundertfache Strommenge zum Aufheizen des Rasierwassers.
Einsparen, so Verbraucher-Ratgeber Schlier, ließe sich schon eher beim Kochstrom: Das frühzeitige Abschalten einer einzigen Kochplatte bringt Gratisbeleuchtung für den ganzen Tag.
Hauptverschwender im Haushalt aber, so ermittelten die Münchner Forscher, sind mittlerweile die Heißwasser-Boiler zusammen mit Geschirrspül- und Waschautomaten.
Boiler und Durchlauferhitzer, noch vor 20 Jahren nur in jedem 25. Haushalt anzutreffen, sind mittlerweile in nahezu 50 Prozent aller westdeutschen Familien selbstverständlich. Sie verbrauchen 23,7 Prozent des Haushaltsstroms. Und was die Energie-Experten am meisten ärgert: Drei Viertel der aufwendig erzeugten Wärme gehen in die Kanalisation.
Daran vor allem entzündet sich die Phantasie des derzeitigen Bonner Forschungsministers. Seit Monaten wird Horst Ehmke nicht müde, die Vision einer verbesserten Waschmaschine auszumalen, in der die heiße Lauge nach jedem Waschgang nicht einfachhinweggeschwemmt, sondern (mit Hilfe eines sogenannten Wärmetauschers) noch zum Wärmen von Frischwasser genutzt wird.
Die Ehmke-Idee, die theoretisch auch für andere Küchen- und Badegeräte realisierbar ist, wäre praktisch nur sinnvoll, wenn sie in einem Naßzellen-Verbund von vornherein geplant wird: Auch die bislang ungenutzte Abwärme von Kühlschränken und Wäschetrocknern, Spül- und Badewasser mußte in das System integriert sein. Bis zu 60 Prozent der in Küche und Bad verschwendeten Energie ließe sich auf diese Weise zurückgewinnen.
Bisher zeigte die Industrie zur Fertigung solcher Energie-Sparküchen noch wenig Neigung -- mangels Interesse bei den Konsumenten. Doch den Bonner Energieplanern wäre schon wohler, wenn
die Hausfrauen mit den marktgängigen Waschmaschinen nicht gar so unrationell umgingen wie bisher.
Eine Studie der Münchner Forschungsstelle über deutsche Waschmaschinen-Gewohnheiten brachte es an den Tag: Die getesteten Hausmütter wählten durchweg zu kleine Füllmengen, die Wäsche wird "grundsätzlich nicht eingewogen". Wo schon ein Wäschetrockner angeschlossen ist, wird die Maschinenwäsche nicht nur getrocknet. sondern regelrecht "trockengebacken". Und Hauptwaschtag ist bei westdeutschen Hausfrauen -- wie zu Uromas Zeiten -- noch allemal der Montag.

DER SPIEGEL 51/1973
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