17.12.1973

Anderer Leute Träume

Letztes Jahr im November, während Willy Brandt in der Bonner Universitätsklinik an den Stimmbändern operiert wird, hört er trotz Narkose plötzlich die Ärzte über sich reden; erfaßt, wovon sie sprechen: Atemlähmung; begreift, daß er in Gefahr ist zu ersticken, will sich wehren, will um Luft ringen, kann nicht. Die Ärzte und ein Gerät, das ihn von fern an einen Blasebalg erinnert, als er es anderntags in seinem Krankenzimmer liegen sieht, retten ihn.
Dieses Jahr im Juni, während er in Israel die alte Felsenfestung Massada besucht, treiben widrige Winde seinen Hubschrauber unmittelbar nach der Landung auf den Rand des Felsens, auf den Abgrund zu. Brandts Begleiter purzeln panisch ins Freie. Er selber findet den Absprung nicht, wird festgehalten, stürzt in dem wegrollenden Hubschrauber zu Böden. Knapp vor den Klippen von Massada erst kommt das Flugzeug mit dem deutschen Kanzler zum Stehen.
Da kennt er sich nun aus: an der Grenze zwischen Leben und Tod, besser als mancher andere Zivilist von sechzig Jahren. Er hat häufiger am Ufer des Styx gestanden als am Rubikon. Und er hat dort zurückgelassen, was er "eine landläufige Art von Ambition" nennt, seit er im Oktober 1966 während einer ängstigenden Herz-Magen-Störung (medizinisch "Roemheldsches Syndrom" geheißen) zum erstenmal "dem Tod ins Auge gesehen hat". Seither ist er bereit und willens, "unbefangener sieh dem zu stellen, was man dann noch nach einer solchen Zäsur machen kann".
Das heißt, Willy Brandt will nichts mehr erzwingen. Es gibt nichts mehr, was er noch mit aller Gewalt erreichen will. Politik als die Kunst des Möglichen hat für ihn einen sehr persönlichen Erfahrungshintergrund. Er hat gelernt, Lebenszeit als ein Geschenk zu begreifen, mit dem es pfleglich umzugehen eilt. Das, unter anderem, setzt ihm Grenzen.
Gelegentlich beansprucht er, dem Drang der Geschäfte und dem Übermut der Ämter zum Trotz, ein Recht auf Ruhe. Und wenn er laut nachdenkt über das, was ihm als Politiker noch machbar erscheint (das tut er jetzt oft), dann spricht er von "diesen Jahren", den siebzigern; "ich spreche nicht vom nächsten Jahrzehnt, da bin ich nicht mehr aktiv dabei".
Bilanzresignation, aber glorios: Erst sechzig Jahre -- und schon alles für die Unsterblichkeit getan! Der Ausgleich mit dem Osten, die erstaunliche Verwandlung vom verunglimpften Emigranten zur nationalen Vaterfigur. der Friedensnobelpreis, der größte Wahlsieg in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie -- was kann da noch kommen, das einen Mann vergleichbar faszinieren, das vergleichbare Energien in ihm zu mobilisieren vermöchte? Alles Eigentliche, was Willy Brandt je erreichen wollte -- es ist erreicht.
Die Bilanz, für sich genommen, mag erklären, warum der Kanzler Brandt auf die Rundschläge der Kritik, die ihn jetzt treffen, mit allerhöchstem Unwillen, manchmal auch mit einer privaten Energiekrise reagiert ("Ich muß das ja nicht machen, ich muß ja nicht Kanzler sein"); warum er angesichts der unbewältigten Gegenwart gelegentlich der Resignation zuneigt.
Aber soll das heißen, daß er bei jener "Endform", die Rolf Zundel in der "Zeit" neulich physiognomisch beschrieben ("wie ein aus Wurzelholz geschnitzter Troll") und mit dem Indianergesicht des alten Adenauer verglichen hat, auch persönlich, auch politisch angelangt ist?
Wahr ist: Die Veränderung der Gesellschaft, so wie die Linken im Lande sie wollen, kann Willy Brandt nicht mehr faszinieren, denn er hat längst aufgehört, ·an die Veränderbarkeit des Menschen zu glauben, an dessen Fähigkeit zur "inneren Erneuerung". Früher einmal, "als junger Kerl, da habe ich ein Lied gesungen, das hieß im Refrain: "Der Mensch ist gut.' Und das ist nicht wahr. Er ist das eine und ist das andere". Alles, was die Veränderer, was die Reformer für "den Menschen" unternehmen können, das ist der Versuch, ihn "durch Erziehung und durch verbesserte Umweltbedingungen weitgehend vor sich selber zu schützen".
So redet ein Konservativer -- einer, der am eigenen Leibe erfahren hat. "daß auch Menschen, die sich in ihrem Kern nicht verändern, im Laufe ihres Lebens Sozialisten und Konservative sein können, das eine erst, das andere dann, manchmal beides zugleich". So redet König Kreon, wenn er in Jean Anouilhs "Antigone" der rebellischen, vom Anspruch des Absoluten besessenen Ödipus-Tochter entgegenhält, er habe eines Tages beschlossen, "ganz einfach mich dafür einzusetzen, die Ordnung dieser Welt. wenn das möglich ist, etwas weniger sinnlos zu gestalten".
Keine Frage, daß solche Resignation den Anspruch beschädigt hat, mit dem Willy Brandt in den Augen des kritischen, des unruhigen Teils dieser Gesellschaft angetreten ist und den er sich auch ganz gern hat zuschreiben lassen als die wahre Legitimation seiner Regentschaft: den Anspruch nämlich, Macht und Moral miteinander in Einklang zu bringen; sichtbar dafür zu sorgen, daß Politik nicht mehr ein wohlfeiles Synonym sei für das sprichwörtliche schmutzige Geschäft.
König Kreon, der dieser Legitimation nicht bedarf, kann sich leisten, falls einmal "ein staubbedeckter Bote von den fernen Bergen geeilt kommt, um mir zu verkünden, man sei meiner königlichen Geburt nicht sicher", diesen Mami ganz einfach zu bitten, "dorthin zurückzukehren, woher er kommt, und um einer solchen Kleinigkeit willen werde ich nicht ... meinen Stammbaum unter die Lupe nehmen. Könige haben Wichtigeres zu tun ...
Kanzler Brandt, der sich das eigentlich nicht leisten kann, hast gleichwohl so ähnlich reagiert, als eines Tages ein komplexbeladener Abgeordneter aus dem fernen Schwabenland ihn dem Verdacht aussetzte, er verdanke die Fortsetzung seiner Kanzlerschaft nach Barzels gescheitertem Mißtrauensvotum einem Stimmenkauf. Er hat "die Steinerei" öffentlich überhaupt nicht kommentiert, und wer im Dialog versucht .hat herauszufinden, wie er darüber denkt, ist ungefähr auf die folgende Überlegung gestoßen: Wenn da überhaupt etwas passiert sei (was niemand beweisen könne), dann werde wohl die Geschichte eines Tages lehren, daß es gut gewesen sei für Deutschland, den unrechtmäßigen Sturz dieser rechtmäßigen Regierung verhindert zu haben ... Auch Kanzler haben offenbar Wichtigeres zu tun.
Ins Herz getroffen hat die Affäre ihn jedenfalls nicht. Er verfügt weiterhin über das ungebrochene Selbstverständnis eines Mannes, der die (beispielsweise von Günter Graß monierte) Differenz zwischen der Personifizierung des moralischen Anspruchs und dem Sachwalter von Kompromiß-Übereinkünften nicht als Manko, sondern als die unvermeidliche Folge eines Funktionswechsels versteht.
Wie alle Tatmenschen (inklusive die zögernden, zu denen er zählt) hat auch Willy Brandt nur ein ungefähres Innenleben; weiß nicht so genau, was darin vorgeht, will es gar nicht wissen. Er hat, mit Grund, etwas dagegen, sein ziemlich schlichtes Strickmuster psychoanalytisch bestaunen zu lassen, als wäre es ein kostbarer Gobelin. Er kennt die Melancholie, kennt auch den Zweifel, aber er räumt ihnen allenfalls Termine ein.
Wahr ist überhaupt: Es sind nicht die Menschen und ihre vielerlei Verstrickungen, die ihn beschäftigen, bevor er zur Sache kommt; es ist umgekehrt. Auch "das Volk" bleibt für ihn ein Abstraktum, das eher Mißtrauen weckt als Engagement. In dem Klischee von der Einsamkeit des Staatsmannes steckt, was Brandt angeht, ein ganzes Stück gewollte Distanz. Die herzinnige Hinwendung zum lieben Nächsten steht ihm einfach nicht zu Gebote. Und was von dort an Hoffnungen, Erwartungen, Anforderungen an ihn herangebracht, auf ihn projiziert wird, das überfordert seine Fähigkeit zur Kommunikation bei weitem.
Wenn erlaubt ist, in diesem hehren Zusammenhang einen Song von Sinatra zu zitieren ("A Man Alone", so mag in solchem Betracht auf Willy Brandts politischen Eros zutreffen, was Sinatras einsamer Mann über die Liebe schlechthin hat lernen müssen: daß sie selten das ist, was sie zu sein scheint, vielmehr "Just other people's dreams", anderer Leute Träume -- verbunden mit dem unerfüllbaren Anspruch, diese Träume wahr zu machen.
Was immer die Ursachen sein mögen: Willy Brandts Bereitschaft zur Bindung ist begrenzt, wohl auch seine Begabung dazu. Das gilt privat, und es gilt politisch.
Für einen Freund wie Graß zum Beispiel (als der es noch nicht für richtig hielt, im Fernsehen gegen Brandt aufzutreten) war Willy immer schon "jemand, der von weit herkommt, zwar dasitzt, aber noch nicht da ist, zwar erkennbar im Umriß, aber vage in den Einzelheiten".
Und auch des Kanzlers viel gerühmte, oft gescholtene Toleranz, selbst sein Zögern, Autorität zu applizieren, werden nur dann ganz verständlich, wenn man dieses Bindungsdefizit bedenkt: Er läßt geschehen, weil er sich nicht immerzu engagieren kann. Willy Integrator hat einen weit fallenden Purpur um, und er ist durchaus bereit, auch vom Saum noch etwas (und noch etwas) herauszulassen, wenn er damit gnädig bedecken kann, was er nimmer begehrt zu schauen: Nacht und Grauen an der Basis der Partei, den Zug der linken Lemminge (oder was sich ihm so darstellen mag).
Wenn Willy Brandt mit sechzig überhaupt noch ein "Linker" ist, dann ein heimatloser. Will sagen: Im Sozialismus, von dem er herkommt, hat er seine politische Heimat nicht wiedergefunden. Und die "Neue Mitte" der deutschen Wähler, die Brandt heute als Adresse angibt, ist eine ziemlich konservativ formierte Gesellschaft.
Dort, wo in seinem politischen Bezugssystem früher der Sozialismus war, da ist heute der Frieden. Und was so "statuarisch geschichtsträchtig" (Graß) an ihm wirkt, was so nach Denkmal aussieht, das möchte sich dem Betroffenen (wenn überhaupt) wohl eher als eine Art Fleischwerdung des Friedens darstellen.
In diesen historischen Gefilden jedenfalls (und nicht in der Innenpolitik. die er auch weiterhin anpreist wie der Chef eines renommierten Autohauses die Gebrauchtwagen, die er in Zahlung genommen hat), hier also hat Willy Brandt die Aufgabe gefunden, mit deren Lösung er den Rest seines Regnums, seine geschenkte Zeit, vor allem zubringen will: funktionsfähige politische Strukturen zu entwickeln für ein vereinigtes Europa.
Das, was nun allenthalben Brandts Entrückung genannt wird, hat am Ende doch mehr mit seinem stark entwickelten Geschichtsbewußtsein zu tun als mit schierer Selbstüberhebung. Er ist entrückt in die beträchtliche Distanz, die sich auftut zwischen dem historischen Auftrag, den er empfindet, und den Realitäten der Gegenwart, mit denen er sich konfrontiert sieht.
Eskapismus? Vielleicht. Aber keiner, in dem das Recht auf Ruhe gälte. Denn selbst in solche Entrückung verfolgen den Jubilar anderer Leute Träume.

DER SPIEGEL 51/1973
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