17.12.1973

RAUSCHGIFTLockung in der Zwiebel

In Hamburg wurde die bislang größte Produktionsstätte für LSD ausgehoben. Der Fund verstärkte die Indizien dafür, daß die Droge zunehmend in Westdeutschland hergestellt und weniger importiert wird.
Hingelehnt auf ein Lager von echten Teppichen, eingehüllt in ein warmes Fell gegen die Ölkrisen-Kälte, wehklagte ein angeturnter Typ: "Wir hatten es fast zur Autarkie gebracht, richtig duftes Zeug war das, ganz sauber, ganz sanft fuhr man ab." Nun "ist die reine Reise auf lila Filzen, mit LSD getränkt, zu Ende; die psychedelische Szene, so bedauern ihre Figuren, muß "erst mal wieder auf diesen obskuren Auslandskram zurückgreifen".
Das Bedauern gilt einem Erfolg des Hamburger Rauschgiftdezernats: Im Keller eines Einfamilienhauses im Vorort Schönningstedt hoben Fahnder ein LSD-Labor aus und verhafteten den Fabrikanten samt seinen Vertriebsfachleuten. "Ein Hersteller- und Verteilerring gleicher Größenordnung", triumphierte Kripochef Garreit Danker, "wurde bisher in der BRD noch nicht festgestellt und zerschlagen.",
So viel scheinbares Glück hatten Kriminaler in Westdeutschland tatsächlich noch nie erwischt. Zwar ist ungewiß, wieviel von der chemischen Traum-Substanz in der Schönningstedter Werkstatt mit teuren Destillen und Thermostaten hergestellt wurde; aber allein die Rohstoffmengen, die in diversen Glasflaschen lagerten, hätten für mehrere 100 000 Trips ausgereicht.
Die farbigen Filze hatten seit dem Frühsommer den Drogenmarkt verändert. Immer weniger Anklang fanden die hautfarbenen Miniwürfel und filmschnipselartigen Mikro-Dreiecke ausländischer Provenienz; immer begehrter wurden die einheimischen LSD-Produkte. Endverbraucherpreis pro Filz: fünf Mark; Großhandelspreis, bei Abnahme von 10 000 Stück: 60 Pfennig. Die Herkunft des Marktrenners vermochte die Polizei über Monate nicht mal annähernd zu ermitteln.
Wohl flog immer wieder ein lila Deal auf, mal in Göttingen oder Darmstadt, mal in Hannover. Als sich schließlich in Hamburg zwei Dutzend Fahnder über alle je in Erscheinung getretenen Kleinhändler und über das mittlere Management des Drogenvertriebs hangelten, wurden in der Hansestadt zwei Großhändler ausgemacht: Brüder, die sich nach Schätzungen von Szenen-Kundigen im letzten halben Jahr Heroin für mindestens 60 000 Mark in die Adern gejagt und zur Deckung des eigenen Bedarfs die LSD-Filze zu Tausenden abgesetzt haben.
Der Lieferant aber war noch immer nicht gefunden, denn die in Plastikfolie eingeschweißten Plättchen und "der Bargelderlös wurden in einem ausgeklügelten System über Schließfächer und Schlüsselversand ausgetauscht. Und erst ein Agent des Rauschgift-Dezernats, der hoch im der Händler-Hierarchie aufgestiegen war, lockte den Hersteller aus der Reserve -- durch ein vorgetäuschtes Supergeschäft. Am Nikolaustag wurde die Übergabe von zehn Probetrips in der Vorstadtkneipe "Zwiebel" verabredet, und der Fabrikant ging in die Falle: ein Student der Soziologie und selber Konsument der LSD-Plättchen, die er mit Freund und Freundin im Souterrain des Elternhauses gefertigt hatte.
Das LSD-Labor entdeckten die Fahnder am gleichen Abend, und zu Nikolaus spürten sie noch 28 000 Trips auf, die einer der Großhändler-Brüder in seiner Wohnung hinter Büchern und unterm Fensterbrett versteckt hatte.
Gleichwohl befürchten die erfolgreichen Fahnder, daß damit die Sache noch kein Ende hat. Denn LSD-Fabrikationen wie die in Schönningstedt können auf flotten Absatz hoffen, solange der Grundstoff der Droge ohne größere Mühe zu beschaffen ist: Ergotamin, ein Alkaloid aus dem Getreideschmarotzer Mutterkorn. Das kristalline Pulver, das in der pharmazeutischen Industrie für Wehen- und Migränemittel verwandt wird, läßt sich schon mit schlichten Chemie-Kenntnissen "in Lysergsäure verwandeln und dann mit der freiverkäuflichen Vielzweckchemikalie Diäthylamin zu Lysergsäure-Diäthylamid -- kurz LSD -- synthetisieren.
Dennoch unterliegt der LSD-Rohstoff nur den laschen Vorschriften des Arzneimittelgesetzes. Er darf von Pharma-Fabrikanten und Großhändlern in unbegrenzter Menge für medizinische Zwecke abgegeben werden -- und es kann schon hinreichen, wenn sich ein Ergotamin-Aufkäufer bei der Bestellung per Briefbogen etwa als Arzt oder Apotheker ausweist.
Kein Wunder mithin, wenn in der Bundesrepublik, der Welt drittgrößtem Pharmaproduzenten, Erzeugnisse aus deutschen Landen frisch in den Trip kommen. Zweimal konnte bislang die Polizei heimische LSD-Herstellung stoppen: 1970 in einer Dortmunder Etagenwohnung, wo der in Drogenkreisen populäre "Arschi" rote Pillen machte, und 1971 in einem Beamten-Bungalow auf dem Heidelberger Boxberg, wo ein Chemie-Student und ein Assistent runde LSD-Filze gefertigt hatten. Das am Boxberg benötigte Ergotamin war auf Briefbogen der Universität bestellt worden.
Der erwiesene Ergotamin-Mißbrauch erschien dem Bonner Gesundheitsministerium dennoch zu gering, um den Stoff dem Betäubungsmittelgesetz zu unterstellen und über die Bundesopiumstelle kontrollieren zu lassen. Doch nun, alarmiert durch die Hamburger Heimarbeit, sind Katharina Fockes Ministeriale "pausenlos am Überlegen, ob das nicht doch besser wäre" (Pressesprecher Michael Bogler).
Besser wäre es allemal, da im Drogengeschäft der Trend sich vom Import zusehends auf einheimische Produkte verlagert. Doch bevor Bonn mit dem Überlegen nicht aufhört, können auch lokale Instanzen sich der deutschen Wertarbeit schlecht erwehren. Als Hamburgs Rauschgift-Kriminaler, die gern den offiziellen Ergotamin-Handel sowie die Einfuhr des Ausgangsprodukts Mutterkorn überwacht sähen, sich hilfesuchend an die Gesundheitsbehörde wandten, mußte Arzneimittel. referent Dr. Eckart Güssow passen: "Wir haben zwar einen Plan in der Tasche, aber keine gesetzlichen Möglichkeiten zur Kontrolle."

DER SPIEGEL 51/1973
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