17.12.1973

Ein neuer Staat für die Palästinenser?

Attentate und Todesdrohungen in Westjordanien: Die unter Besatzungsrecht lebenden Palästinenser hoffen auf Befreiung und auf einen eigenen Staat. Doch König Hussein will auf der Genfer Friedenskonferenz gegen die Demontage seines Staates kämpfen. Er hofft auf Hilfe durch Amerikas Kissinger und Ägyptens Präsident Sadat.
Amerikas Henry Kissinger hetzte erneut durch Abendland und Morgenland. In. Beirut, so hieß es laut "Al-Ahram, wollte er diesmal Politiker treffen, denen der weitgereiste Friedensmacher noch niemals begegnet war: Vertretern der Palästinenser, des einzigen Arabervolkes, das weder Staat noch Land besitzt und das unter dem nahöstlichen Dauer-Brand am meisten zu leiden hatte.
Doch Palästinenser-Chef Jassir Arafat brüskierte den Amerikaner. In Beirut tönte das Palästinenser-freundliche Blatt "Al-Liwa. Arafat habe kein Interesse an einem Treffen.
In dem von Israel besetzten Westjordanien entfesselten derweil Palästinenser die erste große Terrorwelle seit drei Jahren. Sie schossen auf einen israelischen Polizisten in Ramalla, legten in Hebron Minen, schickten dem Gouverneur in Tulkarem ein mit Sprengstoff geladenes Transistorgerät. Ober die Lautsprecher der Minarette wurde Kollaborateuren mit dem Tode gedroht -- die Befreiung scheint den seit 1967 unter Besatzungsrecht lebenden Palästinensern nahe.
Denn der Araber-Gipfel von Algier hatte Ende November nicht nur Räumung aller von Israel besetzten Gebiete gefordert, sondern auch die Wiederherstellung der "nationalen Rechte" der Palästinenser -- was als Gründungsauftrag für einen palästinensischen Nationalstaat verstanden wurde.
Einstimmig erkannten die versammelten Araberführer den stoppelbärtigen Arafat als "alleinigen Vertreter des palästinensischen Volkes" an.
Palästina dürfte damit zu den Traktanden der Friedenskonferenz gehören., zu der sich -- erstmals seit Gründung Israels -- Araber und Israelis unter Aufsicht der beiden Weltmächte diese Woche an einen Tisch setzen wollten.
Die Mitglieder des "palästinensischen Volkes" freilich leben zerstreut: etwa 400 000 Flüchtlinge in Syrien und im Libanon, 1,5 Millionen Menschen in den von Israel besetzten arabischen Gebieten. Vor allem aber: Diese Gebiete gehörten bis zum 67er Krieg arabischen Nachbarn: der Gaza-Streifen zu Ägypten, das Westufer des Jordan zu König Husseins Jordanien. Würde das fruchtbare Westjordanien Heimstatt aller Palästinenser, wäre Hussein endgültig auf sein Wüstenland östlich des Jordan reduziert und als verhältnismäßig stabile Nahost-Größe ausgeschaltet.
Hussein will seine Westgebiete wiederhaben, und Israel will sie lieber ihm als Arafat geben: Ein Palästinenser-Staat, der weit in israelisches Territorium ragt, wäre zwangsläufig revanchistisch und ein neuer Unruheherd in Nahost.
Weil Arafat Sitz auf dem Gipfel in Algier hatte, blieb Hussein zu Hause. Jetzt schleust er, offenkundig mit israelischem Einverständnis, tausende Pässe des Königreichs in den Gazastreifen am Mittelmeer, um die dort lebenden Palästinenser zu Jordaniern zu machen.
Arabische Beamte in Ostjerusalem, die seit Jahren ihre Gehälter in israelischen Pfund erhalten, bekommen jetzt wieder monatlich bis zu tausend Mark in jordanischen Dinar. An den Häuserwänden der heiligen Stadt und in den Dörfern Westjordaniens kleben Bilder von Alia, der dritten Königin Husseins. Selbst die kleine jordanische KP wirbt in Nablus und Jerusalem für König und Reich.
Mehr Freiheit als je verspricht Hussein seinen abgetrennten Untertanen in Palästina, etwa freien Volksentscheid über Autonomie innerhalb der Föderation mit den Beduinen Transjordaniens -- natürlich unter König Hussein.
Um die Demontage seines Reiches zu verhindern, offerierte Hussein schließlich den sozialistischen Extremisten aus dem Irak für den Fall eines neuen Waffengangs gegen Israel Transitwege an die Front durch sein Land, das er im Oktoberkrieg sorgsam aus den Kampfhandlungen herausgehalten hatte. Irak-Chef el-Bakr war dem Algiergipfel gleichfalls ferngeblieben.
Zum Friedens-Gespräch nach Genf wollten Hussein oder sein Kronprinz und Bruder Hassan anreisen, obschon auch Afarat kommt: Ägyptens Präsident Sadat hatte dem Hussein-Berater Rifai in Kairo versichert, daß der Chef-Guerilla erst an einer späteren Friedensrunde teilnehmen solle. ln der ersten will Hussein nun in Begleitung palästinensischer West-Intellektueller auftreten, denen er für den Fall einer Wiedervereinigung großzügige Entwicklungshilfe versprach.
Woher Hussein das Geld dazu nehmen will, blieb freilich unklar. Bis zum Oktoberkrieg zehrte Jordanien von Spenden des Ölkönigs Feisal. Seine behutsamen Kriegsgesten auf den Golanhöhen öffneten ihm die Kassen Kuweits. Doch der Geldsegen könnte schnell versiegen: Feisal entschied sich in Algier für Arafat. Und Arafats persönlicher Gesandter in Kuweit, Chalid el-Hassan, genießt das vollste Vertrauen des Scheichs Sabbah el-Sabbah. Schon einmal, im "Schwarzen September" 1970, als Hussein die Palästinenser abschlachten ließ, hatte Kuweit die Gelder gesperrt.
So setzt Hussein seine Hoffnungen für Genf auf die Freunde in Washington -- und auf die Feinde in Kairo: Ägypten ist -- ähnlich wie Syrien -- an der Gründung eines palästinensischen Staates weit weniger interessiert als an der Rückgewinnung seiner verlorenen Gebiete und einer dauerhaften Nahost-Regelung. Sadat: "Wir wollen endlich Frieden."

DER SPIEGEL 51/1973
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