17.12.1973

UMWELTBarrieren überrannt

Giftige Autoabgase, umweltfeindlicher Tagebau, gefährliche Ölbohrungen -- was Amerikas Ökologen gesetzlich bekämpft hatten, kehrt im Zeichen der Energiekrise wieder.
Das große Geld hat offensichtlich eine breitangelegte Offensive gestartet, alle Umweltprogramme über den Haufen zu rennen", klagte der Naturschützer Stewart Brandborg, Spitzenfunktionär der amerikanischen "Wildnis-Gesellschaft". Doch er tröstet sich: "Die Geldmacher werden damit nicht durchkommen."
Bisher sind die Geldmacher schon ganz schön. weit gekommen. Seit die Energie-Krise die USA quält, haben wirtschaftliche Interessengruppen die wichtigsten gesetzlichen Barrieren überrannt, die von den Umweltschützern in den letzten fünf Jahren errichtet worden waren -- zu Land, zu Wasser, in der Luft.
Jahrelang hatten sie zum Beispiel den Bau einer Alaska-Pipeline blockiert, die das 1968 entdeckte arktische Erdöl über 1300 Kilometer durch Amerikas letzte große Wildnis zum eisfreien Hafen Valdez transportieren soll. Voraussehbare Folgen: Ölverpestung der Landschaft durch Rohrbrüche, Zerstörung der Tundra durch das auf 80 Grad erhitzte Öl, Aussterben der Rentierbestände.
Doch das "Alaska-Pipeline-Gesetz" vom 16. November 1973 überrollte die Argumente der Umweitschützer. Die arktische Pipeline wurde ausdrücklich von den Vorschriften des "National Environmental Policy Act" befreit, dem bislang wichtigsten Umweltschutz-Gesetz der USA. "Schockierend" und "unverantwortlich", klagte die "New York Times".
Nicht nur voraussehbare, sondern bereits eingetretene Katastrophen hatten in den USA bislang Versuche verzögert, neue Öllager unter dem Meeresboden anzuzapfen: Im Februar 1969 war bei Bohrungen im Santa-Barbara-Kanal vor der kalifornischen Küste eine Unterwasser-Pipeline geplatzt, elf Tage lang sprudelten stündlich 4000 Liter schwarzes Erdöl aus dem Leck in den grünen Pazifik. 1000 Quadratkilometer groß war die schillernde Lache, in der Fische und Vögel umkamen, und ein dicker, mit Tier-Kadavern durchsetzter Ölschlamm überzog 65 Kilometer besten kalifornischen Strands.
Eine Regierungsorder verbot kurz nach dem Desaster alle Bohrungen in der Gegend. In der vorigen Woche ist sie aufgehoben worden, die Hindernisse für Bohrungen an anderen Küstenstrichen sollen demnächst fallen.
Dem Unabhängigkeitskrieg, mit dem sich Amerika von fremder Energie freimachen will, könnten ganze Bundesstaaten zum Opfer fallen, In den Rocky-Mountains-Staaten etwa lagern riesige Vorräte von Ölschiefer mit wahrscheinlich 600 Milliarden Barrels Öl. Sie sind im Bundesbesitz, aus Umweltschutz-Gründen hat die Bundesregierung bisher keine der drängenden Ölgesellschaften an die neue Quelle gelassen.
Vorigen Monat nun gab das Innenministerium 12 000 Hektar für Versuchsbohrungen frei. Niemand weiß bisher, wohin mit den Gebirgen aus Schieferschutt, die bei der Erdölgewinnung anfallen.
Und wenn es erst richtig losgeht mit der Schieferöl-Förderung, "dann können wir", so die "Washington Post", "einem Staat wie Montana den Abschiedskuß geben, den Stern des Staates aus unserer Bundesflagge pflücken und seine Kongreß-Abgeordneten nach Haus schicken. Dann taugt der Staat allenfalls noch zum Atombomben-Testen".
Ähnlich könnte es Bundesstaaten ergehen, in denen jetzt der Tagebergbau von Kohle intensiviert wird. Fast 2000 Hektar wöchentlich verwüsten bisher die Riesen-Bagger, die etwa in Kentucky, West Virginia, Montana und New Mexico Braunkohle und andere Mineralien aus wenigen Metern Tiefe ans Tageslicht und zugleich ganze Landstriche ins Grab schaufeln. "Mein Land stirbt", nannte ein Rechtsanwalt sein Buch über den Tagebergbau in den Appalachen.
Im billigen Tagebau wird heute schon die Hälfte der knapp 600 Millionen Tonnen der in den USA jährlich geförderten Kohle aus dem Boden gekratzt. Steinkohle im Untertagebau zu fördern ist erheblich teurer.
Unter dem Druck der Umwelt-Lobby hatte der Senat noch im Oktober einen Gesetzentwurf beraten, der den Tagebergbau unter scharfe Bundesaufsicht stellen sollte und den ausbeutenden Firmen auferlegte, jeden Quadratmeter verwüsteter Erde wiederherzustellen. Doch in der Panikstimmung der letzten Wochen blieb eine ähnliche Vorlage im Repräsentantenhaus stecken. Im nächsten Jahr werden die Volksvertreter noch einmal abstimmen -- über eine bis zum Widersinn verwässerte Fassung.
Auch der Autoindustrie gelang im Zeichen der Krise ein Reibach, um den sie schon lange gelobbyt hatte: Die Anwendung verschärfter Vorschriften zur Abgasentgiftung, die der "Clean Air Act" von 1970 vorsieht, wurde am 6. Dezember vom Kongreß um mindestens ein Jahr verschoben.
Der vielleicht entscheidendste Schlag gegen den Umweltschutz fiel Anfang voriger Woche: Unter Berufung auf die Energiekrise nahm Präsident Nixon. der Bundesbehörde für Umweltschutz die Kompetenz weg, der Atomenergie-Wirtschaft strenge Sicherheitsbestimmungen vorzuschreiben. Die Aufsicht wurde statt dessen der Atomenergie-Kommission übertragen, die für größere Industriefreundlichkeit bekannt ist. Kommentar einer Gruppe besorgter Atomforscher: "Das heißt den Bock zum Gärtner machen."
Ein paar Tage vorher hatte der Kolumnist Jack Anderson enthüllt, mit welchen Summen die Ölgesellschaften, Hauptgewinner beim Überrollen der Umweltschutzgesetze, zur Wiederwahl von Präsident Nixon beigetragen hatten: mit mindestens fünf Millionen Dollar.

DER SPIEGEL 51/1973
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