17.12.1973

SCHWEDENSpione belauscht

Geschichten über den Geheimdienst der schwedischen Wehrmacht haben Stockholm eine Art kleine SPIEGEL-Affäre beschert.
Schwedens sozialdemokratischer Regierungschef Olof Palme und sein Oberbefehlshaber General Stig Synnergren sollen schwere Straftaten gedeckt oder gar begünstigt haben -- so sehen es zwei Journalisten, die für ihre Anschuldigungen in dieser Woche vor Gericht einstehen müssen.
Angeklagt sind der Schwede Peter Bratt, 29, der in Schweden geborene und aufgewachsene Franzose Jan Guillou, 29, sowie ihr Informant Håkan Isacson, 29, ehemals Angehöriger des schwedischen Wehrmacht-Nachrichtendienstes.
Die Angriffe Bratts und Guillous waren seit Mai dieses Jahres in dem linken Stockholmer Halbmonatsblatt "Folket i Bild" (Das Volk im Bild) publiziert worden. Am 22. Oktober drangen Polizisten in die FiB-Redaktionsräume ein. Die drei 29jährigen wurden festgenommen.
"Schwedens SPIEGEL-Affäre" -- so einige Kommentatoren -- entstand aus einem kuriosen Spinngewebe von geheimdienstlichen, journalistischen und ideologischen Aktivitäten, die bis heute "kaum aufgehellt wurden.
Die Reporter Bratt und Guillou, von Informanten auf "kriminelle Praktiken" des Nachrichtendienstes der schwedischen Wehrmacht hingewiesen, spionierten den einheimischen Nachrichtendienst professionell wie Agenten einer fremden Macht aus.
Bratt und Guillou recherchierten, daß ein Spitzel des "Informationsbüros" (IB), von dessen Existenz die Bevölkerung bis dahin nichts wußte, Mitgliederlisten linker Organisationen photographiert hatte, die sich der vietnamesischen (NLF) und der palästinensischen Befreiungsfront (El-Fatah) gleichermaßen verpflichtet fühlten. Bald behaupteten die Journalisten, das IB halte auch die schwedischen Gewerkschaften unter Aufsicht.
Das IB, so "Folket i Bild", verstoße gegen Schwedens Verfassung, gegen die Neutralitätspolitik und provoziere einen Präventivkrieg, weil es nur gegen den Osten spioniere, hingegen mit deutschen, amerikanischen, britischen und israelischen Kollegen eng liiert sei.
Schwedische Agenten hätten Nixons CIA bei einer Landungsübung an der finnischen Küste assistiert, in Finnisch-Lappland an der russischen Grenze (bei Salla) Horchgeräte eingegraben und sich eingehend für das Privatleben des finnischen Präsidenten Kekkonen interessiert.
Schwedens Außenminister (bis vor kurzem Verteidigungsminister) Sven Andersson entledigte sich daraufhin vorletzte Woche in Helsinki der peinlichen Aufgabe, Finnlands Präsident und Regierung davon zu überzeugen,
daß an den Finnland-Geschichten der FiB-Reporter nichts wahr sein.
Und in Stockholm dementierte Erster Botschaftssekretär el-Salawi, daß der Geheimpapier-Safe der ägyptischen Botschaft 1970 geknackt worden sei, wie Bratt und Guillou behauptet hatten "von israelischen Agenten, denen schwedische IB-Leute Schmiere standen, nachdem der Botschafts-Pförtner zu Freibier ins Restaurant "Ambassadeur' gelockt worden war".
In derselben Weise, so die Kreuzzügler gegen die Geheimen, seien die algerische und zweimal die irakische Botschaft von Israelis besucht worden. Die Israelis hätten auch von den Berichten über die Lage in arabischen Häfen profitiert, die Kapitän Gilbert Eriksson vom Frachter "Sunnanland" der Svenska Orient Linie (Göteborg) dem IB schickte. Daß er tatsächlich IB-Informant war, hat der Kapitän inzwischen eingestanden.
Chefstaatsanwalt Carl-Axel Robert stellte zu den Anschuldigungen der beiden Journalisten fest, ein Teil der dem Informationsbüro angelasteten Delikte sei verjährt, und für den Rest hätten sich schlüssige Beweise nicht ermitteln. lassen. Dafür ließ er die Redaktion von "Folket i Bild" filzen und Bratt, Guillou und den Ex-IB-Mann Isacson festnehmen.
Schweden hatte seine große Affäre. 317 schwedische Schriftsteller protestierten in einem Aufruf, vier bundesdeutsche Kollegen (Ernst Bloch, Hans-Magnus Enzensberger, Günter Grass, Uwe Johnson) und der Schweizer Max Frisch schickten dem Stockholmer "Expressen einen offenen Brief. Und in Bremen forderten 100 Studenten von Schwedens Regierung: "Gebt die politischen Gefangenen frei!" In Stockholm demonstrierten fünftausend.
Dennoch will Staatsanwalt Robert gegen Bratt & Co. wegen Geheimnisverrats und Spionage vorgehen. Denn die IB-Entlarver hatten, wenn auch erfolglos, versucht, IB-Agenten, die sich in einer Tarnfirma des Geheimdienstes zusammengefunden hatten, mit Hilfe eines elektronischen Abhörgeräts zu belauschen.
Überdies hatten sie 19 IB-Funktionäre mittels Teleobjektiv heimlich photographiert und die Porträtgalerie mit Namen und Einkommen in ihrem Blatt präsentiert. Und bei der Redaktions-Razzia wurde festgestellt, daß sie sich IB-Korrespondenz beschafft, sie geöffnet und photokopiert hatten. Das Stockholmer Kripo-Labor entdeckte auf den Briefumschlägen die Fingerabdrücke Guillous.
Der Leutnant der Reserve Bratt hatte außerdem gemeldet, daß die "Radio-Anstalt der Streitkräfte", bei der er seine Wehrpflicht ableistete, die Geheim-Codes der Länder Brasilien, Japan, China, Iran, Türkei, Tschechoslowakei und Zaire geknackt habe.
Schwedens Sicherheitspolizei lieferte zusätzliches Belastungsmaterial: Einige der Verdächtigten hätten mit der Vertretung einer fremden Macht Kontakt gehabt, und ein gewisses Land habe der Gruppe für "umstürzlerische Zwecke" Geld gegeben.
Was an den Vorwürfen der Journalisten, was an den Anschuldigungen der Anklage wahr ist, wird, so fürchten viele Schweden, auch durch das Verfahren nicht geklärt werden. Entscheidend für das Urteil dürfte ein -- geheimes -- Gutachten sein, das die Wehrmacht abgeben soll.
Und was davon zu halten ist, enthüllte, sicher fahrlässig, Oberbefehlshaber Synnergren in einem Interview: "Ein schwedischer Geheimdienstbeamter hat die Pflicht zu lügen, falls er über Geheimsachen befragt wird."

DER SPIEGEL 51/1973
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