17.12.1973

ITALIENSchlag zu und fliehe

Dutzende Terroristengruppen operieren in Norditalien. Eine von ihnen entführte den Personalchef von Fiat.
Roms Faschisten sahen "kommunistische Gangster" am Werk, Gewerkschafter "eine eindeutig faschistische Provokation".
Rechte und Linke meinten dasselbe Verbrechen: die Entführung des Fiat-Personalchefs Ettore Amerio, 58, am vergangenen Montag. Zwei als Techniker der Telephongesellschaft Sip verkleidete Banditen hatten den Manager, der den Titel "Cavaliere del Lavoro" (Ritter der Arbeit) führt, vor seiner Garage gekidnappt. Auf Flugblättern bekannte sich die Untergrund-Organisation "Rote Brigaden" zu dem Raub.
Die Entführer brachten Amerio in ein "Volksgefängnis" und wollten ihn erst freigeben. wenn Fiat seine "arbeiterfeindlichen Manöver, wie zum Beispiel Kündigungen", gestoppt hat.
"Wird es bei uns bald zugehen wie in Argentinien oder Uruguay, mit Tupamaros an allen Ecken?" sorgte sich das römische Wochenblatt "Il Mondo". Die Furcht scheint berechtigt. Blutige Attentate. Straßenkämpfe und schießlich eine Serie erpresserischer Entführungen beunruhigen das Land, Hinzu kommt -infolge der Energie-Krise -- die Angst vor einer Wirtschaftsflaute mit hoher Arbeitslosigkeit.
Der Turiner Autoriese Fiat (Gesamtbelegschaft 200 000), größtes Privatunternehmen im EG-Südstaat, mußte seit Beginn des Ölboykotts schwere Verkaufseinbußen -- in Italien 20 Prozent, auf dem europäischen Markt 40 Prozent -- hinnehmen. Angeblich sollen 20 000 Arbeiter entlassen werden. In der gegenwärtigen Tarifrunde fordern die Metallgewerkschafter daher Garantien für Jobs und Löhne.
Den Apo-Gruppen vom Schlag der "Roten Brigaden" sind die Arbeitnehmer-Organisationen viel zu schlapp. Sie verhöhnen Kompromisse, schwadronieren von "Proletariermacht", rufen zum "bewaffneten Kampf für den Kommunismus" (so der Flugblattext im Fall Amerio). Dieser Kampf, glauben sie, rechtfertigt sogar Menschenraub.
Wie viele Italiener das gleiche denken, ist schwer abzuschätzen. Jedenfalls tummeln sich zwischen Genua, Tunin, Mailand und Padua Dutzende von Terroristengrüppchen. In Mailand soll es an die zehntausend Aktivisten geben.
Im Herbst 1970 machten die "Roten Brigaden" erstmals von sich reden: Sie zündeten die Autos von Industriemanagern an. Eines ihrer Flugblätter verkündete: "Genossen, eine Blume ist aufgeblüht: der gewaltsame Kampf, organisiert von den neuen Partisanen."
Es folgten Attentate auf neofaschistische Funktionäre, im März 1972 schließlich begannen die Italo-Tupamaros, Prominente zu entführen. Ihr erstes Opfer, ein Mailänder Siemens-Direktor, erhielt Prügel. Ein Photo zeigt den Manager vor den Mündungen zweier Pistolen mit einem Plakat auf der Brust. Text: "Rote Brigaden. Schlag zu und fliehe ... Strafe einen, um hundert zu erziehen!"
Zwei Monate später, als die Polizei den Sprengstofftod des Mailänder Verlegers Feltrinelli untersuchte, entdeckte sie große Waffenvorräte der Brigaden sowie eine Isolierzelle für gefangene "Volksfeinde".
Die Terroristen kidnappten weiter:
* am 12. Februar 1973 den Turiner Sekretär der faschistischen Gewerkschaft Cisnal. Bruno Labate; noch am selben Tag fand man ihn kahlgeschoren und gefesselt wieder, samt einer Warnung an die Bosse, keine Faschisten-Gewerkschafter mehr zuzulassen;
* am 2. Juni 1973 den Alfa-Romeo-Ingenieur Michele Mincuzzi in Mailand; sie ließen ihn auf einer Wiese liegen, gefesselt. geknebelt -- und mit obligatem "Strafzettel". Genützt haben die Verbrechen bisher den Antidemokraten links wie rechts. Metaller-Funktionär Benvenuto nach der Entführung des Fiat-Managers Amerio: "An dieser Affäre ist überhaupt nichts "rotes'. Der Menschenraub dient eher dazu, den Kampf der Arbeiter zu diskreditieren."
Das Turiner Kidnapping und die anderen Entführungen lassen immer mehr prominente oder reiche Italiener um ihre Sicherheit bangen. Sie fordern bei Detektivbüros Leibwächter an.
Es herrscht, so ein Mailänder Branchen-Kenner, "ein richtiger Run auf "Gorillas'", Durchschnittspreis für einen Leibwächter: 380 Mark pro Tag -- Weihnachten und Neujahr etwas mehr.

DER SPIEGEL 51/1973
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