17.12.1973

Weltmacht Öl

1. Fortsetzung
Das Erdölzeitalter begann am 29. August 1859.
Am Morgen jenes Tages, es war ein Montag, verließ Edwin Laurence ("Colonel") Drake wie gewohnt sein Zimmer im American Hotel zu Titusville (US-Bundesstaat Pennsylvania) und stapfte mißmutig zu seinem nahe gelegenen Bohrturm. Dort angekommen, machte er eine unerwartete Entdeckung: Aus dem Boden seines nur notdürftig mit Brettern verschlagenen Bohrgerüstes sickerte eine blasige, dunkelgrüne Flüssigkeit.
Tagaus, tagein -- nahezu den ganzen Sommer über -- hatten Drake und sein Gehilfe Billy Smith auf der Suche nach öl mit Hilfe einer einfachen Dampf. ramme eine Gesteinsschicht nach der anderen durchstoßen, ohne fündig zu werden. Am Sonnabend, dem 27. August. schließlich, als ihre Bohrung 21 Meter Tiefe erreichte und die beiden Ölsucher noch immer keinen Tropfen gefördert hatten, waren sie, bar jeder Hoffnung, in ihr Quartier nach Titusville zurückgekehrt.
Während des darauffolgenden Sonntags trugen sich beide mit dem Gedanken, abzureisen. Weder Drake noch Smith ahnten zu jener Zeit, daß sie mit dem letzten Sonnabend-Stoß ihrer Ramme das für Jahrzehnte ergiebigste Erdölvorkommen der Welt angebohrt hatten.
Eine eilends angeschlossene Pumpe förderte die damals unvorstellbare Menge von 5000 Liter öl täglich. Bei den herrschenden Preisen bedeutete das einen Tagesgewinn von 600 Dollar.
Ein Run auf die Ölfelder von Pennsylvania setzte ein, wie es ihn ähnlich nur während des Goldrushs in Kalifornien gegeben hatte. Über Nacht fanden sich Hunderte von Schürfern und Spekulanten in Titusville ein, um gleich Colonel Drake am neuen, flüssigen Gold reich zu werden.
Drake war ein Abenteurer, der nie eine Schule besucht hatte. Er hatte sich in vielen Berufen versucht, doch obwohl er sich gern Colonel nannte, hatte er niemals in der Armee gedient. Die einzige Uniform, die er jemals trug, war die eines Eisenbahnschaffners. Als ihn der Rheumatismus zwang. seinen Eisenbahnerjob aufzugeben. stieß er auf George Bissel, einen jungen New Yorker Rechtsanwalt. Bissel hatte sich im Winter 1854 für Erdöl zu interessieren begonnen, nachdem ihm Professoren seines alten Colleges in Dartmouth versichert hatten, daß Erdöl, das damals vereinzelt als Film auf Seen und Bächen -- so auch auf dem Oil Creek nahe Titusville -- vorkam, einen hervorragenden Brennstoff für Lampen abgeben könne.
Entsprechend raffiniert, so hatten ihm die Professoren erklärt, könnte Leuchtpetroleum sogar heller brennen als das aus Kohle gewonnene Kerosin, das gerade im Begriff war. die immer knapper werdenden Leuchtstoffe der damaligen Zeit -- Bienenwachs und Waltran -- zu ersetzen.
Mit Hilfe einer eigens gegründeten Seneca Oil Company erwarb Bissel eine Farm in der Nähe des ölhaltigen Oil Creek. Dann beauftragte er Drake, der sich in früheren Jahren auch als Brunnenbohrer betätigt hatte, auf jenem Gelände nach öl zu suchen.
Keiner der beiden konnte wissen. welche Revolution sie mit der Entdeckung des Ölfeldes von Titusville in Gang setzten. Bis dahin hatte Erdöl
das vor Jahrmillionen in tiefere Schichten der Erde verdrängte flüssige Relikt pflanzlicher Lebewesen der Urzeit
in Amerika vornehmlich als Heilmittel gegen Rheuma, Krebs und Brustkrankheiten Verwendung gefunden.
Gestützt auf die Ölvorkommen von Titusville aber, die -- wie sich später herausstellen sollte -- das ganze westliche Pennsylvania sowie Teile der Bundesstaaten New York. West-Virginia und Ohio durchzogen, entdeckten Wissenschaftler immer neue Verwendungsmöglichkeiten für den in schier unerschöpflichen Mengen vorhandenen flüssigen Kohlenwasserstoff.
Schon relativ früh wurde aus Erdöl Heizöl gewonnen, das statt der gebräuchlichen Kohle zur Feuerung der Kessel in Fabriken und Schiffen verwendet wurde. In geringeren Mengen diente Erdöl auch als Rohstoff für die Farb- und Lackherstellung -- sowie für die Kaugummiproduktion.
Zunächst jedoch regierte in Titusville die Angst. Viele der pietistischen Bürger glaubten, die Ölbohrer vergingen sich gegen die göttliche Ordnung, wenn sie Öl aus der Erde für die Bedürfnisse des Menschen abzweigten.
Andere setzten sich für ein Verbot der Bohrungen mit der Begründung ein. das Erdöl sei der Brennstoff für das Fegefeuer, und der Teufel werde sich für dessen Raub schrecklich rächen. Schließlich forderte der Ortspfarrer Präsident Abraham Lincoln auf, die Bohrungen zu untersagen.
Aber das Erdöl hatte seinen Siegeszug bereits angetreten. Die Erfindung des Otto- und des Dieselmotors, die Entwicklung neuer, turbinengetriebener Schiffsmotoren markierten den Beginn des Maschinenzeitalters und steigerten die Nachfrage nach Öl und allen seinen Produkten.
Ölrausch erfaßte die Menschen. Immer neue Industrien entstanden. Öl machte die Menschen reich und machte sie wieder arm. Um Öl entbrannten Kriege. Und wer das meiste Öl besaß. gewann sie auch,
Amerikas Weltkrieg-I-Präsident Woodrow Wilson prophezeite noch vor Beginn der Kampfhandlungen: "Die Weltgeltung einer Nation wird von ihren Ölschätzen abhängen," Und 1918 kabelte Frankreichs Kriegsminister Georges Clemenceau nach Washington: "Ein Tropfen Öl ist uns einen Tropfen Blut wert."
Als der Krieg wenig später vorüber war, erkannte der britische Außenminister Lord Curzon: Die Alliierten seien "auf einer Woge von Öl zum Sieg geschwommen".
Und nach dem Zweiten Weltkrieg meinte der amerikanische Admiral Chester William Nimitz: "Unser Sieg war eine Sache von Öl, Granaten und Bohne n."
Daß Öl auch eine Waffe sein kann und sich für viele andere Zwecke verwenden läßt, war freilich keine ganz neue Erkenntnis. Schon Jahrtausende bevor die moderne Erdölindustrie entstand, bedienten sich Menschen des Öls.
Spuren des klebrigen Rohstoffs finden sich in nahezu allen Kulturen. Rund 1000 Jahre vor Christus setzten die Chinesen gegen ihre Feinde sogenannte Blitzwagen ein, von denen sie Feuertöpfe mit brennendem Erdöl herabschleuderten.
Das Öl im Indianer-Tümpel: Wundermedizin der Quacksalber.
Der Grieche Herodot berichtete, beim Bau von Babylon sei Asphalt verwendet worden. Im antiken Rom erstrahlten die Straßen im Schein des Petroleums. Und auch die nächtlichen circensischen Spiele erhielten ihren Lichterglanz von brennenden Petroleum-Fackeln.
Während der Kämpfe Roms gegen die Vandalen in Nordafrika neben Legionäre Wildschweine mit Erdpech ein und zündeten sie an. Dann trieben sie die lebenden Fackeln in die feindlichen Linien.
Erst die Erfindung des Schießpulvers brachte das Öl als Waffe aus der Mode. Für Jahrhunderte geriet der Rohstoff nahezu in Vergessenheit.
Als daher gegen 1640 der Spanier Alvara Alonso Barba in Peru auf ein reichhaltiges Öllager stieß, blieb dieser Fund bis in die jüngste Zeit ungenutzt, da niemand mit dem tranigen Zeug etwas anzufangen wußte.
Etwa zur gleichen Zeit, im siebzehnten Jahrhundert, führten Indianer vom Stamme der Seneca einen französischen Missionar, den Vater Joseph de la Roche d"Allion, im westlichen Pennsylvania zu einem Tümpel voll "schwarzen Wassers". Der Priester verwendete es als Arznei. Die Epoche des Erdöls als Wunderheilmittel hatte begonnen.
Zu den Quacksalbern, die bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts durch Amerika zogen und ihre Erdölmedizin feilboten, gehörte auch ein gewisser "Dr. William A. Rockefeller, der berühmte Krebsspezialist". wie er sich selbst gern nannte. Rockefeller hatte nie einen Doktortitel erworben und wohl auch nie einen Krebskranken geheilt.
Der Aufstieg des John D. Rockefeller.
Rockefeller war ein Tunichtgut, der sich "in vielen zweifelhaften Berufen versucht hatte. Einmal war er in Moravia wegen Notzucht angeklagt, aber nicht verurteilt worden
Er war der Vater von John D. Rockefeller, dem ersten Ölmilliardär der Geschichte und Gründer der Standard Oil Company.
John D. Rockefeller wurde 1839 in der Nähe von New York geboren und machte als 18jähriger zusammen mit einem jungen Einwanderer aus England namens Maurice Clark in Cleveland (Ohio) einen kleinen Kramladen auf. Zu den Waren, die sie an ihre Kunden verhökerten, gehörte neben Gemüse, Kerzen, Tuch und Tran auch Leuchtpetroleum, das sich seit Drakes Fund immer größerer Beliebtheit erfreute.
Als Junge hatte John D. Rockefeller einmal zehn Tage lang Kartoffeln buddeln müssen und damit dreieinhalb Dollar verdient. "Von da an", sagte er, "sparte ich jeden Cent. Denn ich hatte mir ausgerechnet, daß 50 Dollar, zu sieben Prozent angelegt, jährlich genausoviel einbringen wie meine zehn Tage Schinderei."
An Dollar, die er anlegen konnte. fehlte es dem jungen Geschäftsmann bald nicht mehr. Denn der beginnende Sezessionskrieg bescherte Cleveland und seinen Bürgern einen wahren Wirtschaftsboom.
Bald hatten Rockefeller und Clark 4000 Dollar zusammen, mit denen sie sich an einer Erdöl-Raffinerie beteiligten. Cleveland, durch eine Eisenbahn direkt mit den Erdölfeldern Pennsylvanias verbunden, war damals das Erdölverarbeitungszentrum Amerikas. Von hier aus wurde Leuchtpetroleum, in Holzfässer abgefüllt, in alle Landesteile. ja sogar bis ins ferne Europa versandt.
Die bescheidene Raffinerie, an der sich Clark und Rockefeller beteiligten. war von dem Engländer Samuel Andrews gegründet worden. Andrews hatte ein Verfahren entwickelt, mehr Petroleum aus einer Tonne Öl zu destillie-
* In Titusville, Pennsylvania; 1861.
ren aus jeder andere. Und mit Clarks und Rockefellers Hilfe war bereits 1865 aus der kleinen Kutsche die größte Raffinerie Clevelands geworden.
Im Gegensatz zu seinem ersten Partner Clark, dem das Geschäft über den Kopf zu wachsen begann, war Rockefeller mit diesem Erfolg nicht zufrieden. Er zahlte Clark aus und schaute sich nach neuen Geldgebern um, mit deren Hilfe er in der Lage sein würde, weitere Raffinerien zu erwerben.
Wie die meisten Kapitalisten seiner Zeit hatte Rockefeller ein gestörtes Verhältnis zum Wettbewerb. Marktwirtschaft, so lautete das Kredo, nützt nur dem Stärksten, da nur er in der Lage ist. die Marktbedingungen wie Menge und Preis zu diktieren. Um aber der Stärkste zu werden, müssen die Schwächeren niederkonkurriert oder geschluckt werden.
Daß bei einer solchen Politik die Marktwirtschaft außer Kraft gesetzt wird, galt nicht als Betriebsunfall, sondern war erklärtes Ziel jener frühen Monopolisten. Bevor aber einer Monopolist wurde, brauchte er Rücksichtslosigkeit und Geld.
Rücksichtslosigkeit in geschäftlichen Dingen war eine der hervorstechenden Eigenschaften Rockefellers. Und Geld besorgte sich der fromme Baptist von den Bankiers seiner Gemeinde in Gleveland. Auf der Suche nach Kredit, so erzählte Rockefeller später, habe er sich damals "die Knie meiner Hosen ausgebeult".
Zusammen mit Andrews und einem vermögenden Getreidehändler namens Henry M. Flagler gründete Rockefeller am 10. Januar 1870 in Cleveland eine Aktiengesellschaft, deren erklärtes Ziel es war, so viele Konkurrenten wie möglich zu übernehmen. Die Firma, deren erster Chairman John D. Rockefeller wurde, erhielt den Namen Standard Oil Company. Ihre Produkte wurden später unter dem Namen "Esso" (von den Anfangsbuchstaben S. O.) vertrieben.
Es war die Zeit der großen Zusammenbrüche in der amerikanischen Erdölindustrie. Nach den Boomjahren während des Bürgerkriegs waren die Ölpreise seit dem Friedensschluß 1865 ständig gefallen. Eine Raffinerie nach der anderen mußte den Betrieb einstellen. Noch 1871, schätzte Rockefeller, "arbeiteten über drei Viertel der Erdölraffinerien des Landes mit Verlust".
Bevor sich Rockefeller aus der riesigen Konkursmasse billig bedienen konnte, machten ihm als dem Chef der größten einzelnen Raffineriegesellschaft des Landes drei Herren -- Vanderbilt, Drews und Scott -- ein verlockendes Angebot. Die Gentlemen waren Chefs der größten Eisenbahngesellschaften Amerikas, der New York Central, Pennsylvania und Eric Railways.
Alle drei unterhielten sie -- zum Teil parallel verlaufende -- Eisenbahnlinien zu den Ölfeldern Pennsylvanias. In einem gnadenlosen Preiskampf hatten sie sich jahrelang zu unterbieten versucht, um möglichst viel Petroleum aus den Förder- zu den Verarbeitungs- und Verbrauchszentren transportieren zu können. Nun aber waren sie am Ende ihrer Kraft und hatten sich zu einem Preiskartell zusammengeschlossen.
Nach ihrem geheimen Plan, den sie Rockefeller Ende 1871 unterbreiteten, sollte sich die Standard mit zwölf weiteren Raffineriegesellschaften ebenfalls zu einem Kartell zusammenfinden und ihr öl nach genau vereinbarten Quoten vorn Eisenbahnkartell befördern lassen. Als Gegenleistung boten die Eisenbahnherren den Raffineriebesitzern Vorzugstarife an und versprachen gleichzeitig, daß jede Raffinerie, die Rockefellers Kartell nicht angehörte, wesentlich höhere Frachtgebühren zu entrichten hätte.
Die Standard Oil wird vorschlagen.
Wäre dieser diabolische Plan je verwirklicht worden, wäre jede Raffinerie außerhalb des Kartells binnen kurzem ruiniert worden, und das Kartell hätte
zum Schaden der Konsumenten -- die Preise beliebig erhöhen können. Aber noch bevor das Komplott zu arbeiten begann, kam der Geheimplan an die Öffentlichkeit.
Ein Sturm der Entrüstung brach los. Die Fördergesellschaften verhängten einen Erdölboykott gegen Rockefeller und seine Mitverschwörer. Aber die Macht der Abnehmer war bereits so groß, daß die Liefersperre im April 1872 zusammenbrach.
Dennoch hatte das Embargo die Raffinerien entscheidend geschwächt. Und Rockefeller. dessen Standard, die größte und mächtigste Verarbeitungsgesellschaft, als einzige die Krise vergleichsweise unbeschadet überstanden hatte, konnte mit seinem lange geplanten Übernahmefeldzug beginnen.
Als die Ölförderer ihr Embargo aufhoben, besaß die Standard Oil gerade 10 bis 20 Prozent der Raffineriekapazität in den Vereinigen Staaten. 1879 waren es etwa 90 Prozent.
Obwohl Rockefeller bereits längst zum unbestrittenen Ölkönig Amerikas aufgestiegen war, gab er keine Ruhe. Noch während er die Wettbewerber in der Verarbeitungsindustrie niederkonkurrierte, nahm er Amerikas mächtige Eisenbahngesellschaften ins Visier.
Erdöl gelangte damals über mehr oder weniger primitive Rohrleitungen von den Bohrstellen zu den Kopfstationen der Eisenbahnen. Diese Pipelines wurden im allgemeinen von Gesellschaften betrieben, deren Eigentümer die Ölförderer selbst waren.
Mit dem gemeinschaftlichen Betrieb von Pipelines hatten sich die Förderer eine relative Unabhängigkeit von den Eisenbahnen sichern können. Nun aber kam Rockefeller und kaufte -- meist geheim über Mittelsmänner -- eine Pipeline-Firma nach der anderen auf.
Ende 1877 hatte Rockefeller die letzte große Pipeline-Gesellschaft unter seine Kontrolle gebracht. Damit aber hatte er auch sämtliche Eisenbahngesellschaften in der Hand. Denn von nun an konnte ohne seine Zustimmung keine Tonne Erdöl mehr befördert werden.
Die Herrschaft über die Eisenbahnen sicherte ihm Vorzugstarife, die seinen wenigen Wettbewerbern das Geschäft immer schwerer machten. So zahlten etwa unabhängige Raffinerien und Ölförderer für den Transport eines Liters Öl von Titusville nach New York einen Cent -- doppelt soviel wie Rockefellers Standard.
Um die Jahrhundertwende hatte sich die öffentliche Meinung unter dem Ein. druck der nach und nach bekannt gewordenen Geschäftspraktiken derart gegen die Standard gerichtet, daß den Regierungen der meisten Bundesstaaten nichts anderes übrig blieb, als gegen den Konzern vorzugehen.
Rockefellers Standard war damals das mächtigste Unternehmen Amerikas. Um im gesamten Gebiet der Vereinigten Staaten agieren zu können, hatte Rockefeller in jedem einzelnen Bundes-Staat eigene Standardgesellschaften gegründet, deren Aktien seine leitenden Angestellten als Treuhänder (englisch: trustee) verwahrten. Als oberste Trustgesellschaft fungierte im Ostküstenstaat New Jersey die Standard Oil Company (N. J.).
Zwischen 1904 und 1909 reichten insgesamt 20 Bundesstaaten der USA Klagen gehen den Rockefeller-Trust ein, die sämtlich zum Ziel hatten, das Mammutunternehmen aus den jeweiligen Staaten zu vertreiben. Als 1907 auch die Bundesregierung in Washington gegen die Standard Oil Company eine Serie von sieben Prozessen anstrengte, waren die Jahre des Trusts gezählt.
Im November 1909 entschied das Distriktsgericht von Eastern Missouri, gemäß dem Sherman-Antitrust-Gesetz stelle die Standard eine ungesetzliche Vereinigung dar und müsse daher aufgelöst werden. Den Sherman Act hatte der Kongreß 1890 unter dem Eindruck der unerträglichen Ausschreitungen der großen Konzerne erlassen: das Gesetz erklärte "Trusts und Vereinigungen zur Einschränkung des Handels und der Produktion für ungesetzlich".
Zwar legte Rockefeller gegen das Urteil aus Missouri sofort Berufung ein. Aber zwei Jahre später, am 15. Mai 1911, bestätigte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten den Urteilsspruch. Er verfügte die Zerschlagung des Öltrusts in mehr als 30 juristisch und wirtschaftlich selbständige Gesellschaften.
Obwohl Rockefeller nach der Auflösung seines Konzerns sich als Chairman aus der ihm verbliebenen größten Standard -Gesellschaft, der Standard Oil Company (N. J.). zurückzog, beeinflußte er die Politik dieser Gesellschaft noch jahrelang. Der übriggebliebenen Rockefeller-Gesellschaft gelang es sogar, nach der Zerschlagung mächtiger zu werden, als es der alte Trust je gewesen war.
Denn noch während Trustjäger und Parlamentsabgeordnete in den USA danach trachteten, wie sie das Ölimperium des John D. Rockefeller zerschlagen konnten, hatten im fernen Deutschland Gottlieb Daimler und Carl Benz ihre ersten Automobile gebaut. Und bereits um die Jahrhundertwende knatterten die ersten Benzinkutschen des Dearborner Bauernsohnes Henry Ford über die Straßen Amerikas.
Damit war der Markt für ein Erdölderivat geschaffen, für das es vorher kaum eine Verwendung gegeben hatte. Schon 1902 gab es in Amerika 23 000 Automobile. Der Benzinverbrauch betrug 800 000 Tonnen. Zehn Jahre später wurden bereits drei Millionen Tonnen Benzin verkauft. Der Kraftfahrzeugbestand stieg auf eine Million Fahrzeuge. Und bereits vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte Benzin das Petroleum als wichtigstes Erdölprodukt abgelöst.
Die Nachfrage nach dem neuen Treibstoff bescherte Rockefellers Rumpf-Standard ein Wachstum, wie es sich ihr Gründer nie hätte träumen lassen. Dank des stetig steigenden Bedarfs an Erdöl samt allen seinen Derivaten ist die Exxon Corporation ("Esso"), wie die Standard OH (N. J.) seit 1972 heißt, noch heute das, was sie immer war -- die größte Mineralölgesellschaft der Welt.
Ihre Monopolstellung büßte sie freilich ein -- und das nicht erst seit dem Entflechtungsurteil von 1911. Das Ende der Vormachtstellung Rockefellers hatte sich am 10. Januar 1901 mit einer im Umkreis von mehreren Kilometern hörbaren Explosion angekündigt. An diesem Tag war ein Trupp texanischer ölsucher in der Nähe von Beaumont (Texas) fündig geworden. Ein Strahl von Schlamm und Erdöl schoß mehrere hundert Meter in die Luft und begrub vorübergehend Bohrmannschaften und Bohrgerät unter einer stinkenden Flüssigkeit.
aus dem Kaukasus überschwemmt Europa.
Allein die Fundstelle "Spindletop", wie die mit Urgewalt aus texanischem Marschland hervorsprudelnde erste Quelle genannt wurde, förderte in einem Jahr soviel öl wie 37000 Bohrungen in Pennsylvania, von denen Rockefellers Standard hauptsächlich ihren Rohstoff bezog.
Ähnlich ertragreich waren die Bohrungen, die hernach Hunderte von Abenteurern und Geschäftsleuten in Texas niederbrachten. Neue Gesellschaften, wie die noch heute mächtige Texas Company (später in "Texaco" umgetauft) und die Gulf Oil der Brüder Mellon, wurden gegründet und machten der Standard Konkurrenz.
Noch mehr als durch heimische Wettbewerber aber drohte der Standard Gefahr durch das Auftreten neuer Konkurrenten in Übersee. Jahrelang hatte Rockefeller die europäischen Verbraucher als einziger Lieferant mit Leuchtpetroleum versorgt. Dann aber entschloß sich Rußland, dem Ölherren von Cleveland entgegenzutreten.
Zar Nikolaus II. holte um die Jahrhundertwende Ausländer -- wie die schwedischen Gebrüder Ludwig. Robert und Alfred Nobel und den Pariser Bank-Baron Alphonse de Rothschild -- ins Land und forderte sie auf, die Erdölvorkommen von Baku am Fuße des Kaukasus auszubeuten. Und bald überschwemmte russisches Petroleum Europa.
Mit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts aber -tauchte ein Mann auf der internationalen Ölszene auf, "der sich zum größten Konkurrenten John D. Rockefellers emporarbeiten sollte und gegenüber dessen Schachzügen die zaristische Ölpolitik nur als eine Episode von vielen erscheint. Der Mann, der die Ölpolitik der Welt veränderte wie vor ihm keiner, war Hem-i Wilhelm August Deterding -- Schöpfer der holländisch-britischen Erdölgruppe Royal Dutch/Shell, des heute größten Unternehmens in Europa.
Deterding stammte aus einer holländischen Familie, die in Leyden ein Vermögen mit blauen Tulpen gemacht hatte und es anschließend in Niederländisch-Indien und Südafrika wieder verlor. Er war 1866 als Sohn eines Kapitäns geboren worden, besuchte drei Klassen einer Mittelschule und arbeitete dann als Lehrling in der Tweentsche Bank in Amsterdam. Deterding hatte mit sechs Jahren den Vater verloren, und er mußte Geld verdienen. In der Bank verdiente er 30 Mark im Monat.
1888, nach einer Zulassungsprüfung, die er als Erster unter 200 Bewerbern bestand, schickte ihn die Nederlandsche Handels Maatschappij als Buchhalter in ihre Filiale nach Niederländisch-Indien. Innerhalb kurzer Zeit arbeitete er sich zum Filialleiter hoch.
Dort, in den Tropen, lernte er seinen Landsmann August Kessler kennen. Kessler, Chef einer gerade gegründeten winzigen Petroleumgesellschaft namens Koninklijke Nederlandsche Petroleum Maatschappij (Royal Dutch) war in die niederländische Kolonie gekommen, um sich nach dem Fortschritt bei der Ausbeutung der kurz zuvor entdeckten Ölfelder von Langkat auf Sumatra zu erkundigen.
Kessler fand Gefallen an dem jungen Deterding, warb ihn ab und bestimmte ihn für den "Fall seines Todes zum Vermögensverwalter seines noch unmündigen Sohnes. 1901, ein Jahr nach Kesslers Tod, wurde Deterding Generaldirektor der Royal Dutch.
Wie Rockefeller arbeitete Deterding hart. "Wenn ich Diktator wäre", soll er einmal gesagt haben, "ließe ich alle Faulenzer erschießen." Aber anders als der frömmelnde Ölmagnat im fernen Amerika, dem jeder Cent zu kostbar war, als daß er ihn leichtfertig für private Zwecke hätte ausgeben mögen, war Deterding darauf versessen, sein Leben auch zu genießen.
Seine Liebesaffären waren in Europas Hauptstädten bald in aller Munde. Einmal schenkte er der Frau eines russischen Generals einen Smaragdschmuck im Werte von 300 000 Pfund, ohne zu bedenken, daß er den Kaufpreis erst vom nächsten Direktorengehalt bezahlen konnte. Aber der Juwelier, Cartier in Paris, gab ihm Kredit, und wenig später war die Angebetete, Lydia Pawlowna, Deterdings zweite Frau.
Als Deterding die Leitung der Royal Dutch übernahm, war die Firma freilich viel zu klein, als daß sich ihr Generaldirektor derartige Extravaganzen schon hätte leisten können. Erst eine langwierige und oft gewagte Firmenstrategie machte aus der Royal Dutch ein wirklich großes Unternehmen und aus Deterding einen Riesen des Erdölgeschäfts. Deterdings wichtigster Schachzug auf dem Weg zum Erfolg war sein Bündnis mit Marcus Samuel, dem späteren Lord Bearsted.
Samuel war Engländer und wie Deterding ein Selfmademan. Nachdem er mit dem Import von Perlmutter und Muscheln aus Ostasien ein kleines Vermögen erworben hatte, stieg Samuel in den neunziger Jahren in das Erdölgeschäft ein. Auf bescheidenen eigenen Tankschiffen transportierte er russisches 01 durch den Suezkanal in den Fernen Osten.
Da er sein Baku-Öl in Asien billiger anbieten konnte als Rockefeller sein Pennsylvania- Petroleum, florierte das Geschäft sehr bald, und Samuel konnte darangehen, sein Unternehmen zu vergrößern. Auf der Suche nach neuem Kapital gründete er 1897 eine Aktiengesellschaft, die er voller Sentimentalität nach den Muscheln (englisch: shell) benannte, denen er seinen ersten Reichtum zu verdanken hatte: Shell Transport and Trading Company.
Europäer bedrohen Rockefellers Imperium.
Samuels Shell war bereits ein bedeutendes Unternehmen mit Förderkonzessionen in Rußland und sicheren Absatzmärkten in Fernost, als Deterdings Royal Dutch nur eine kleine Bohrgesellschaft war. Aber die Royal Dutch besaß, was der Shell Transportgesellschaft fehlte: reichhaltige Quellen in der Nähe der Shell-Absatzgebiete. Und die Shell besaß, was die Royal Dutch nicht hatte: genügend Transportkapazitäten.
Bereits 1903 vereinigten daher Deterding und Samuel ihre ostasiatischen Interessen in der Asiatic Petroleum Company, und vier Jahre später kam es zur totalen Fusion der beiden Gesellschaften in der Royal Dutch/Shell-Gruppe. Obwohl zum Zeitpunkt der Verschmelzung noch immer kleiner als die Shell, erhielt Deterdings dynamischer und straffer geführte Royal Dutch in der neuen Gruppe die Majorität (60:40).
Hatte jenseits des Atlantiks John D. Rockefeller bereits die Geschäfte der Asiatic Petroleum Company als unziemlichen Angriff auf sein Imperium empfunden, so mußte er in der Gründung der Royal Dutch/Shell die Kriegserklärung sehen. Und Deterding, der "Napoleon des Öls", wie er später genannt wurde, zögerte nicht lange mit der ersten Schlacht. Als Kampfstätte wählte der Holländer China.
Lange Jahre hatte Rockefeller den Markt der damals 450 Millionen Chinesen allein beherrscht, nachdem er zuvor die traditionellen russischen Lieferanten in einem erbitterten Preiskrieg aus dem Land geworfen hatte. Um die Chinesen für den Mehrkonsum von Petroleum zu gewinnen, hatten seine Agenten Millionen Petroleumlampen verschenkt und weitere Millionen Lampen zu Dumpingpreisen verkauft.
Nun aber brannten die Chinesen in Rockefellers Lampen Deterdings Öl. Denn dessen Unternehmen war besser organisiert, geographisch im Vorteil und daher billiger.
Zwar senkte auch Rockefeller die Preise -- weit unter seine eigenen Kosten. Aber Deterding hatte die günstigere Ausgangsposition und beantwortete jedes Preismanöver des Amerikaners mit weiteren Unterbietungen. Dann, nach jahrelangem Ringen, mußte die Standard aufgeben. Im Ölfrieden von 1911 teilten Deterding und Rockefeller die Märkte Chinas und Japans untereinander auf.
Von dem Erfolg in Ostasien ermutigt, wagte Deterding den Frontalangriff auf Rockefellers eigenes Land. Um ihre Verluste aus dem chinesischen Preiskrieg wieder hereinzuholen, hatte die Standard ihre Abgabepreise in Amerika erhöht. Deterding erschien das als die geeignete Ausgangslage, um nun eigenes öl auf den amerikanischen Markt zu werfen.
Noch während der Antitrust-Kampagne gegen das Rockefeller-Imperium, die Deterding durch gezielte Indiskretionen an die amerikanische Presse unterstützte, machten die ersten Shell-Tankdampfer in New York fest. In aller Stille hatte Deterding eine eigene Verkaufsorganisation in den Vereinigten Staaten aufgebaut und pumpte nun öl aus Asien, Rußland, Rumänien sowie aus neu entdeckten mexikanischen Quellen auf den US-Markt.
Venezuela wird das größte Ölexportland der Welt.
Doch damit nicht genug: Deterding brachte eigene Bohrungen nieder, wo immer ihm der amerikanische Boden ölhaltig erschien. Er baute Raffinerien in New Orleans, Wood River, East Chicago, Wilmington, St. Louis und legte Rohrleitungen zu seinen Feldern in Oklahoma, nach Chicago und nach Kalifornien.
Dreißig Jahre lang war Amerika allein von Rockefeller beherrscht worden. Nun war die Vormacht endgültig gebrochen.
Als Deterdings wichtigste Entscheidung vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs erwies sich allerdings die Erschließung Venezuelas. 1913 erwarb er für eine Million Dollar von einer kleinen US-Gesellschaft, General Asphalt, die Konzession, die ihn ermächtigte, im Gebiet des Maracaibosees nach öl zu bohren.
Bis in die sechziger Jahre hinein war Venezuela das größte Ölausfuhrland der Erde. Als nach der Oktoberrevolution die Sowjets 1918 Deterdings Shell sowie alle anderen westlichen Baku-Gesellschaften enteigneten, rettete Venezuela die europäischen Staaten vor der vollkommenen Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten. Zudem bildeten die Quellen des Maracaibosees bis in das letzte Jahrzehnt hinein ein Gegengewicht zu dem inzwischen auf den Weltmarkt geströmten öl aus dem Nahen Osten.
Das Verdienst, die Bedeutung des Nahost-Öls als erster erkannt zu haben, kommt dem Briten William Knox d'Arcy zu. Er erschloß die reichhaltigen Ölquellen Persiens.
D'Arcy war Ingenieur, Abenteurer und Lebemann, der in Australien am Goldbergbau ein Vermögen verdient hatte. In seinem Stadthaus am Londoner Grosvenor Square sangen für seine Gäste an einem Abend die Melba und Caruso. Dabei war d'Arcy ein gläubiger Christ, der, wenn es nach ihm gegangen wäre, die ganze Weit zu "seinem Glauben bekehrt hätte".
In Geschichtsbücher hatte d'Arcy gelesen, daß in persischen Feuertempeln jahrhundertelang Ewige Flammen loderten. Fackeln. die von den Gläubigen als Symbol der Reinheit, Wahrheit und Gerechtigkeit verehrt wurden. Wie, wenn die Fackeln von unterirdischen Erdölquellen gespeist wurden?
Also machte sich der Goldmillionär auf und reiste ins unwegsame Persien. Dort bohrte er zunächst allerdings ohne Erfolg. Insgesamt sechs Millionen Mark steckte er in die Ölprospektion. Dann kehrte er zurück nach London.
Dort gelang es ihm, in der City bei befreundeten Bankern weiteres Geld für neue Bohrungen lockerzumachen. Anschließend fuhr er wieder nach Teheran.
Hier hatte inzwischen sein Sekretär Alfred Marriot von Schah Mosaffar el-Din gegen die Zahlung von 40 000 Pfund und die Zusicherung, an etwaigen Gewinnen beteiligt zu werden, ein zunächst wertlos erscheinendes Dokument erhalten.
"Im Hinblick auf seine besonderen Leistungen" hieß es in dem 1901 ausgefertigten Papier, "und im Hinblick auf das besondere freundschaftliche Verhältnis, das die sehr mächtigen Regierungen Großbritanniens und Persiens verbindet, wird dem Ingenieur William Knox d'Arcy und seinen Angehörigen, allen, seinen Nachkommen, Freunden und Erben volle Macht und unbeschränkte Freiheit auf 66 Jahre zugesichert, die Tiefen des persischen Bodens seinem Gefallen nach zu durchforschen und aufzugraben, wobei sämtliche durch ihn zutage geförderten Produkte sein unanfechtbares Eigentum bleiben sollen."
In Anbetracht der zurückliegenden fruchtlosen Bemühungen d'Arcys um Öl erschien dem Schah der Erlös von 40 000 Pfund für dieses Stück Papier das beste Geschäft seines Lebens. Aber schon sieben Jahre später, am 26. Mai 1908, schoß ein 15 Meter hoher Erdölstrahl aus einem Bohrloch d'Arcys. Einer seiner Suchtrupps war auf eines der reichsten Erdöllager der Welt gestoßen.
Endlich bestätigte sich für d'Arcy, was er immer angenommen hatte daß Persien auf einer riesigen Blase von Öl schwimmt. Aber statt sich selbst an die Ausbeutung der unendlichen Schätze zu machen, zog der alternde d'Arcy es vor, die Ölquelle an die britische Firma Burmah Oil Company zu verkaufen -- gegen Erstattung seiner sämtlichen Kosten und Burmah-Aktien im Wert von 900 000 Pfund.
Die viel weiterreichende Konzession des Schahs aber nahm er mit sich. An Bord des Schiffes, das ihn in seine Heimat zurückbrachte, traf d'Arcy auf einen Geistlichen, einen Missionar, der gerade aus Afrika heimkehrte.
Diesem Mann erzählte d'Arcy von seinem Fund, seiner Konzession und seinen eigenen Evangelisationsplänen. Während der langen Schiffsreise kamen sich die beiden näher, bis der Geistliche d'Arcy das Angebot machte, sich für die Entsendung von Missionaren nach Persien einzusetzen.
Aus Dankbarkeit für das Verständnis seines neuen Freundes übertrug hierauf d'Arcy den Öl-Freibrief des Schahs an den Geistlichen -- und damit an die britische Regierung. Denn der verständnisvolle Missionar war Sidney Reilly, Vertrauensmann des späteren Marineministers Winston Churchill -- und einer der fähigsten Agenten des britischen Geheimdienstes.
Am 14. April 1909 wurde -- mit der d'Arcy-Konzession als wichtigstem Aktivum -- die Anglo-Persian Oil Company gegründet. Wie Churchill 1914 vor dem Unterhaus bekanntgab, gehörten 56 Prozent der Aktien der britischen Regierung, davon der größte Teil der Admiralität.
Mit der Anglo-Persian, die 1935 in Anglo-Iranian und 1954 in British Petroleum Company (BP) umbenannt wurde, sicherte sich die britische Marine einen direkten Zugang zu den kriegsentscheidenden Ölvorkommen des Nahen Ostens.
Das Deutsche Reich aber, das sich eigene -- bescheidene -- Ölquellen lediglich in Rumänien gesichert hatte, im übrigen aber von den Lieferungen ausländischer Konzerne abhängig war, trieb geradewegs in die Ölkatastrophe des Ersten Weltkriegs.
Treibstoffmangel beschränkte die Mobilität der Kaiserlichen Flotte. Und Mangel an Benzin und Dieselöl bewirkte, daß die deutschen Landtruppen statt auf Lastwagen und Motorräder auf Pferde angewiesen waren.
Die Ölversorgung des Kaiserreichs bricht zusammen.
Aus Mangel an Schmieröl drosselten die Fabriken die Produktion. Auf den Straßen der Städte kam der private Autoverkehr fast vollständig zum Erliegen, und in Wohnungen, die noch auf Petroleumlampen angewiesen waren, gingen die Lichter aus. Die deutsche Erdölversorgung war zusammengebrochen.
Nun rächte sich, daß es die Deutschen -- trotz vielfältiger Bemühungen -- nie verstanden hatten, sich eigene Erdölquellen zu erschließen.
Dabei hatten sie sich in einer wesentlich besseren Ausgangsposition befunden als die späteren europäischen Ölmächte Holland und England.
Bereits 1871 hatte eine Gruppe deutscher Geologen im damaligen Mesopotamien. dem heutigen Irak, in den Gebieten um Bagdad und Mosul Ölvorkommen festgestellt. Und 1888 erhielt die Deutsche Bank -- unterstützt vom Auswärtigen Amt in Berlin -- von Sultan Abd ul-Hamid II., dem Herrscher des damals noch weite Teile Arabiens umfassenden türkischen Reiches, die erste Konzession zum Bau einer mehrere tausend Kilometer langen Eisenbahnlinie von Berlin über Bagdad bis nach Basra am Persischen Golf.
Ein Teilstück dieser Bahn. die sogenannte Bagdadbahn, führte mitten durch die Erdölfelder des heutigen Irak hindurch, wo nach Ansicht von Nahostexperten beinahe soviel unentdecktes öl lagert wie in Saudi-Arabien, das heute als ölreichstes Land der Erde gilt. Und das wichtigste: Die Eisenbahnkonzession schloß die Schürfrechte für ein Gebiet von 20 Kilometer beiderseits der projektierten Trasse ein.
Das Milliardengeschäft des "Mister Five Percent".
Durch das Eintreffen deutscher Eisenbahningenieure und Erdölexperten mißtrauisch geworden, beschloß Hagob Pascha. Finanzminister und Bewahrer der Privatschatulle des Sultans in Konstantinopel, sich Klarheit über das wahre Interesse der Deutschen an der Bagdadbahn zu verschaffen. Er beauftragte Calouste Sarkis Gulbenkian. den Sohn eines einflußreichen armenischen Geschäftsmannes in der türkischen Hauptstadt, ein Gutachten über die Tätigkeit der Deutschen anzufertigen.
Gulbenkian war damals 21 Jahre alt. Trotz seiner Jugend hatte er bereits ein Studium als Bergbauingenieur in London hinter sich. Und weil er auch schon einmal in Baku gewesen war, galt er in der Türkei als internationaler Erdölfachmann.
Das Jung-Genie hörte sich bei verschiedenen deutschen Ingenieuren um. die ihm von möglichen Ölfunden entlang der Bahnstrecke erzählen, und schrieb dann seinen Bericht. Der Pascha nahm die Arbeit dankend entgegen und ließ die Grundstücke entlang der Bahnlinie entschädigungslos enteignen.
Der Deutschen Bank und der von ihr beherrschten Anatolischen Eisenbahn-Gesellschaft nützten ihre Proteste wenig. Am Ende mußten die Deutschen froh sein, als sie von der türkischen Regierung die Zusicherung erhielten, bei einer Ausbeutung eventueller Ölfunde den Vorrang vor anderen Ausländern zu erhalten. Dem Armenier Gulbenkian aber sollte seine Kenntnis von den Ölvorkommen beiderseits der Bagdadbahn Milliarden einbringen.
1910, ein Jahr nach Entdeckung der persischen Erdölfelder und sechs Jahre nach Baubeginn der Bagdadbahn, deren Trasse in Teilstücken inzwischen fast bis zur mesopotamischen Hauptstadt vorgestoßen war, begannen sich plötzlich auch die Engländer für Mesopotamien zu interessieren. Jungtürken hatten den Sultan gestürzt und britische Finanzleute nach Konstantinopel geholt. Und diese hatten -- mit englischem Kapital und Management -- die Türkische Nationalbank ins Leben gerufen.
Ein Jahr nach der türkischen Revolution gründete Sir Ernest Cassel, Chef der neugeschaffenen türkischen Zentralbank, in London die Turkish Petroleum Company und nahm sicherheitshalber die Deutsche Bank mit hinein, die er mit 25 Prozent des Kapitals abfand. Als dritten Partner ließ der 50-Prozent-Eigner Deterdings Shell (mit 25 Prozent) zu.
Die Gründung dieser später in Iraq Petroleum Company (IPC) umbenannten überaus wichtigen Konzessionsgesellschaft versetzte die britische Regierung in höchste Alarmbereitschaft. Denn anders als die Berliner, hatte die Londoner Regierung frühzeitig den Wert des Heizöls speziell für die Kriegsflotte erkannt. Nun trachtete sie danach, den 50-Prozent-Anteil des Bankiers Cassel auf die von ihr beherrschte Anglo-Persian Gil Company zu übertragen.
Der britische Außenminister Sir Edward Grey schaltete sich ein und wandte sich an die Reichsregierung in Berlin. Eine Konferenz aller Beteiligten wurde ins Foreign Office einberufen. Am Ende übernahm die Anglo-Persian den 50-Prozent-Anteil von Cassels Türkischer Nationalbank.
Doch bevor der Vertrag zwischen Deutschen und Engländern unterzeichnet wurde, erschien Caloust Gulbenkian in Whitehall, auf dessen Betreiben hin die Deutsche Bank einst ihre Exklusiv-Konzession eingebüßt hatte, und meldete Ansprüche an. Der Armenier war nach seiner Arbeit für Hagob Pascha nach London übergesiedelt und hatte es verstanden, sich auch bei der neuen türkischen Regierung als Finanzberater einzuführen.
"Aus den Akten ist nicht ersichtlich", heißt es in der 1970 erschienenen offiziellen Geschichte der Deutschen Bank AG, "daß Gulbenkian in dieser Sache irgendeinen Dienst geleistet hat. Guibenkian war nicht einmal Verhandlungspartner des Vertrages über die Umwandlung der Turkish Petrol ... Jetzt, als sich alle Beteiligten verständigt hatten, widersetzte sich Gulbenkian einer Regelung ohne ihn."
Da der Armenier aber die Schachzüge und Finessen der Ölkonzerne kannte wie kein zweiter und mit Enthüllungen für den Fall drohte, daß er nicht erhalte, was er fordere, einigte sich die Londoner Runde darauf, Gulbenkian einen Anteil von fünf Prozent an sämtlichen zukünftigen Gewinnen der Turkish Petroleum Company zuzugestehen. Fortan zahlten die Anglo-Persian und die Shell je 2,5 Prozent ihrer Gewinne aus der Konzessionsgesellschaft an den ungeliebten "Mister Five Percent".
Als Gulbenkian 1955 starb, hatte ihm die Quelle Milliarden eingebracht, und danach kassierte sein Sohn Nubar, bis zu dessen Tod 1972 exzentrisches Relikt aus der Frühzeit der Erdölausbeutung, weitere Milliarden aus den immer reichlicher fließenden Öltantiemen.
Die Deutsche Bank aber ging leer aus. Einen Monat nach Konzessionserteilung an die Turkish Petroleum Company brach der Erste Weltkrieg aus, und der Anteil der Deutschen Bank wurde von der Londoner Regierungsstelle für die Verwaltung von Feindvermögen übernommen.
Als die Waffen schwiegen, löste sich das Osmanische Reich auf. Aus Mesopotamien wurde der Irak, aus der Turkish Petroleum Company die Iraq Petroleum Company. In ihr gab es keinen Platz mehr für die Deutschen.
Im nächsten Heft
Deutsche Sabotagetrupps sprengen 1915 britische Öl-Leitungen -- Die Energiekrise des Kaiserreiches -- Wissenschaftler finden einen Ausweg: Benzin aus Kohle -- Der Olmangel bringt Hitlers Kriegsmaschine zum Stillstand

DER SPIEGEL 51/1973
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