17.12.1973

Prämien und Ju-Ju

Zum erstenmal hat sich eine Mannschaft aus Schwarzafrika für die Fußball-Weltmeisterschaft qualifiziert: Zaire bereitete sich am gründlichsten vor und setzte die verlockendsten Prämien aus.
Der Medizinmann ist immer dabei, vergräbt glückverheißende Amulette im Spielfeld, versucht den gegnerischen Mittelstürmer durch beschwörende Formeln zu behexen und verscheucht die bösen Geister aus dem Tor seiner Mannschaft.
Nennenswerte internationale Erfolge wie jüngst die Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in der Bundesrepublik erspielten Zaires Kicker allerdings erst. seit sie sich nicht mehr allein auf ihren Medizinmann verließen.
Präsident Mobuto Sese Seko, zugleich der erste Fußball-Fan seines Landes, baute auf eine Vorbereitung nach Art der Fußball-Weltmächte. Zur Verstärkung beorderte er 1966, wenige Monate nachdem er die Macht in Zaire erlangt hatte, seine im Ausland spielenden Kicker zurück.
Die- Nationalspieler, nach dem Wappentier auf ihren Trikots zu Leoparden idolisiert, erkämpften 1968 in Äthiopien den Afrika-Pokal für Nationalmannschaften. Der Verein "Tout Puissants" (etwa: die Allgewaltigen) Mazembe, Zaïres Meister aus Lubumbashi, stieß viermal ins Finale des Afrika-Cups für Klubequipen vor und siegte zweimal.
Mobutu ließ in der Hauptstadt Kinshasa (1,4 Millionen Einwohner) Afrikas größtes Fußball-Stadion mit Plätzen für 70 000 Zuschauer errichten, nicht ohne zugleich seine Politik zu untermauern: Nach dem Gründungstag der Einheitspartei heißt es Stadion des 20. Mai.
Der kassenfüllende Export von Bodenschätzen ermöglichte es Mobutu, Millionen für die Vorbereitung der kickenden Repräsentanten seines Landes abzuzweigen. Teure südamerikanische Mannschaften, darunter der FC Santos mit Brasiliens Weltstar Pelé, spielten in Kinshasa. Zaires Mannschaft bereiste wochenlang Südamerika. Denn mangelnde internationale Spiel-Erfahrung hatte häufig afrikanische Erfolge, etwa bei olympischen Turnieren, verhindert.
Für die Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko hatte sich erstmals eine Mannschaft aus Afrika qualifiziert: Marocko, das dann die Deutschen an den Rand einer Niederlage brachte. Mobutu entsandte einen Abwerber: Tschimpumpu wa Tschimpumpu (Wassermelone, Sohn von Wassermelone), den Präsidenten der afrikanischen Sportjournalisten.
Tatsächlich zog der jugoslawische Trainer Blagojew Vidinic, der Marokko zur WM-Qualifikation verholfen hatte, für 6000 Mark Monatsgehalt nach Kinshasa. Der frühere jugoslawische Nationaltorwart integrierte im Nationalkader Spieler aus den Stämmen der Baluba, Lulua und Bangala. Er versuchte ihnen Kraft für 90 Spielminuten einzutrimmen, eine Voraussetzung, an der es den meisten afrikanischen Mannschaften fehlte.
Schier unüberwindbar schien Vidinic die Ernährungs- Barriere: Steaks kennen seine Kicker allenfalls von Gastspielreisen. Geröstete Schlangen und Affengulasch tischen Gastgeber wohl als Spezialitäten zum Festschmaus auf. Zu Hause nähren sich die Kicker wie ihre Landsleute gewöhnlich von Fufu, einem Brei aus Yamswurzeln, und von Kassawa, einem Hirsemus.
Trotz plangerechter Vorbereitung scheiterte Zaire 1972 im Vorfinale des Afrika-Pokals. Mobutu und Trainer Vidinic entschieden, auf Olympia in München und die Afrika-Spiele 1973 in Lagos zu verzichten und sich auf die Weltmeisterschaft 1974 zu konzentrieren.
Das von Zaire zweimal besiegte Sambia leistete nachbarliche Hilfe und gewann gegen den Favoriten der Qualifikationsrunde, Marokko. Die Zuschauer in Lusaka hatten die Marokkaner allerdings schon vor dem Spiel eingeschüchtert. Als ihr Trainer-Assistent den Boden prüfen wollte, scheuchten sie ihn, unzulässigen Ju-Ju-Zauber argwöhnend, vom Feld. Nun hätte sich Marokko nur noch durch zwei Siege gegen Zaire qualifizieren können.
Vor dem ersten Spiel gegen Marokko in Kinshasa möbelte Mobutu seine mit Spesen nicht verwöhnten Kicker (etwa zehn Mark für normale Spiele) durch Prämien auf. die sogar den Neid europäischer Stars aufstachelten: im Falle des entscheidenden Sieges sollten sie durch ein Auto. zwei Wochen Europa-Urlaub und ein nicht landesüblich aus Lehm, sondern aus Stein und Zement errichtetes Haus in die Klasse der Privilegierten aufrücken. Dann flog der Präsident in politischer Mission nach Europa.
Zaire siegte 3:0. Nach der Heimkehr protestierte zwar Marokkos Staatssekretär für Jugend und Sport. Doukkali, auf die Rivalität zwischen arabischen und schwarzen Afrikanern anspielend, wegen zweier Tore, die der ghanaische Schiedsrichter zu Unrecht anerkannt habe -- vergebens. "Zaire schoß doch drei Tore", bestätigte Dr. Helmut Käser, der Generalsekretär des Weltverbandes Fifa, den wertvollsten Sieg einer schwarzafrikanischen Mannschaft.
Mobuto erfuhr in Paris vom Erfolg seiner Fußball-Leoparden. Er telegraphierte Glückwünsche und bestätigte den versprochenen Prämiensegen. Zu Hause fühlte sich Tschimpumpu "unheimlich stolz", daß sein Land "beim Weltfestival in Deutschland unseren ganzen Erdteil repräsentieren" darf.

DER SPIEGEL 51/1973
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/1973
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Prämien und Ju-Ju