17.12.1973

BÜCHERJerichow in New York

Uwe Johnson: „Jahrestage 3. Suhrkamp; 372 Seiten; 26 Mark.
In Amerika wird Robert Kennedy ermordet, in Mecklenburg herrscht die Rote Armee. Gesine, die Deutsche im New York des Jahres 1968, ist in "ihrer Erzählung vom Leben und Sterben in Jerichow bei 1945/46 angekommen, und sie sorgt sich, die zuhörende Tochter- könne nun "ihr Lebtag dem Sozialismus mißtrauen", doch Marie, dieses so sehr aufgeweckte Kind, beruhigt die Mutter: "Du denkst. ich mißverstehe die Sowjets gleich wieder. Ich verstehe sie aber."
Die Erzählung ist immer noch nicht zu Ende. Eigentlich sollte der dritte Band der letzte sein. Aber Gesines Autor und anderes ich, ihr "Genosse Schriftsteller", wurde mit der Fülle des zu erzählenden Lebens- und Zeitstoffs nicht wie geplant fertig. Und so wird es denn -- der Verlag gibt sich sicher: "nächstes Jahr" -- einen abschließen. den vierten Band "Jahrestage" geben.
Auch jetzt also noch nichts Abschließendes über Johnsons die Zeiten verschränkenden Chronik-Roman, dieses großangelegte und unbeirrbarbedächtig vorangetriebene Erzählwerk. Nur die Versicherung, daß Bewunderung und Behagen, mit denen wir, 1970, seinen Anfang lasen, auch jetzt nicht nachgelassen haben. Und einige Andeutungen, wie es weitergeht, weiterging, ein paar neue Nachrichten "Aus dem Leben von Gesine Cresspahl":
Heinrich Cresspahl, der Vater, wird von den Besatzern in Jerichow zum Bürgermeister gemacht: Er trägt -- "einer muß es doch machen" -- die "böse Meinung, die Jerichow gegen ihn großzog"; dann wird er verhaftet und verschwindet in einem sowjetischen Lager. Willkür der Sieger, Plünderungen, Vergewaltigungen, Folter: Not und Tod der Besiegten -- die Erzählerin, der Erzähler hebt die Stimme nicht, bleibt genau und will gerecht, will "richtig" davon sprechen. Marie: "Auf wessen Seite bist du, Gesine!" Gesine: "Warum soll ich auf einer Seite sein? was ich weiß hat mehr als bloß zwei."
Jerichow 45/46: Jakob Abs. der aus den "Mutmaßungen", tritt in Aktion
Maries Vater. Die Sowjets lassen Parteien gründen. Gesines Großmutter hilft bei der CDU. New York 68: Marie ist von Bürgermeister Lindsay enttäuscht. Gesine mustert kritisch die Präsidentschafts-Kandidaten. Die Bankangestellte Cresspahl soll vielleicht in die CSSR reisen, wo möglicherweise US-Kredite anzubringen sind. Mit banger Hoffnung beobachtet sie aus der Ferne jenes "neue Beispiel von Sozialismus. Dubceks fragilen Prager Frühling -- wird sie, wie ihr geduldiger Verehrer "D. E." sagt, "noch einmal auf die andere Seite gehen"?
"Der vierte und letzte Teil dieses Buches", so steht auf der letzten Seite dieses Teils, "enthält die Kapitel bis zum 20. August 1968" -- dem Tag des sowjetischen Einmarsches in die CSSR. Rolf Becker
Von Rolf Becker

DER SPIEGEL 51/1973
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