17.12.1973

BÜCHERSchmand mit Glumse

Max Fürst: „Gefilte Fisch. Eine Jugend in Königsberg“. Mit einem Nachwort von Helmut Heißenbüttel. Hanser; 360 Seiten; 29,80 Mark.
Onkel Felix war "beleidigt, wenn man ihn daran erinnerte, daß er Jude sei". Bei ihm wurden "nur die christlichen Feiertage gefeiert".
Aber wenn jüdisch gefeiert wurde, daheim bei Fürsts beispielsweise, dann wurde vor allem geschmaust: "Kartoffelplinsen", auf jiddisch "Lattkes"; "einer bäckt unendlich viele und die anderen essen, bis sie nicht mehr aufstehen können". Auch "Schmand mit Glumse", Sahne und Quark. Und auf der Pessach-Tafel der Familie Fürst in Königsberg stand der "gefilte Fisch".
Max Fürst, nach seiner Emigration in Stuttgart lebend, 68, ein alter Mann, erinnert sich an seine Jugend -- an seine jüdische Jugend, und das heißt: an seine durch mancherlei Verunsicherung von Status und Identität erzwungene politisch-ideologische Bewußtwerdung zwischen kindlicher Freude am klingenden Spiel der durch die Stadt marschierenden Regimenter, zwischen preußenstolzer Kaisertreue und -- fortschreitende Entfremdung -- dem KZ Oranienburg.
Fürst, Tischler von Beruf, Pädagoge aus Passion, Erzähler schließlich aus Neigung, führt seine Erinnerung behutsam und penibel spazieren: über die Treppen, durch die Zimmer seines Elternhauses, durch die Straßen seiner Heimatstadt, in Läden und Kontore, in die Aula seiner Schule, in die Synagoge. in die Sommerfrische an der Nehrung. Und überall treffen diese präzis gelenkten Rück-Gedanken auf Menschen
immer ein Anlaß, sie schön der Reihe nach, genau und von außen nach innen, abzuschildern: soviel zumindest die Erinnerung von ihnen übrigließ.
Diese gelegentlich befremdende. weil durch erzählerische Effekte nicht gebundene, von Pointen nicht aufgelichtete Versessenheit auf Details führt zu einer seltsam-naiven, vertikalen Einschichtigkeit der Perspektive -- alles ist dem Autor gleichgroß, gleichviel: ein Sammler-Prinzip.
Freilich hält Fürst den ruhigen, ganz unprätentiösen Fluß seiner Sprache gern auch einmal auf, um nach Art der weisen Alten ein wenig zu reflektieren, zu mahnen, zu moralisieren -- da und dort auch mit leisem (jüdischem?) Witz: etwa, wenn er sich über seine Frau belustigt, die der jüdischen "Dialektik von Gesetz und individuellen Rechten" oft hilflos begegnete: "Man muß eben wenigstens eine Grundausbildung als Jude genossen haben."
So reihen sich Erzählung und Reflexion zu einem differenzierten Oberflächen-Panorama dieser Endzeit einer (ost-)preußisch-jüdischen, bürgerlichen Misch-Kultur. Das Grundmuster der Erzählung, die Topographie von Königsberg, weitet sich dabei zu einer Topographie der Ängste. des Zerfalls und, eben auch, der Selbstbehauptung.
Fürsts Erstlingsbuch ist ein eigentümlicher Glücksfall autobiographischer Literatur: ein Gang durch eine Traum-Stadt, einen traumatischen Ort namens Königsberg; eine Gedankenwanderung mit geschlossenen Augen so, wahrhaftig, sieht man mehr.
Von Thomas Schröder

DER SPIEGEL 51/1973
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