17.12.1973

BÜCHERHaß und Hohn

Gisela Elsner: „Herr Leiselheimer und weitere Versuche, die Wirklichkeit zu bewältigen. Autoren Edition, C. Bertelsmann; 120 Seiten; 12 Mark.
Die eine ältere Dame möchte den vom Mann erworbenen Reichtum wirksam ausbreiten, die andere möchte nach ihrer Gesichtsspannung als neugieriges Kind einhertollen. Beides kann schlecht glücken. Der Erfolgsmensch tut sich immer schwerer mit der vorgeschriebenen Liebeslust, eine beengt lebende Mutter wird das unerwünschte Kind doch kriegen, ein betagtes Paar bringt trotz entsetzlicher Verrenkungen seinen sozialen Abstieg weder heil noch unauffällig hinter sich.
Gisela Elsner, die Verfasserin, blickt voller Haß und Hohn auf den massierten Jammer. Die Beschwichtigungen und Beschönigungen der Saison. besonders solche durch Vokabeln, räumt sie mit geübter 1-land zur Seite, ganz hübsch schadenfroh: von den "sogenannten guten Geistern" (Sekretärinnen im Vorzimmer) zu den "sogenannten Mitarbeitern" der Geschirrfabrik (meist ungelernten Ausländern) und zum "sogenannten Schwesterchen" (einer Sprechstundenhilfe).
Ziemlich alle Gebrauchsgegenstände, Möbel, Kleider, Speisen oder Schmuckstücke dienen dazu, die Schäbigkeit, Betretenheit und Unbeholfenheit. Gemeinheit, Unnatur und Heuchelei der Eigentümer bloßzustellen, "unüberbietbar" schlichte Bürosessel so gut wie unechte Perser. urige Krüge, zerplatzte Bockwürste, vollgerotzte Waschlappen.
Bürgerliche Kleintragödien, nur ganz sachte zur Satire hingedreht, sind eigentlich Gisela Elsners Stärke. Das Ziel ist noch erkennbar. Der Autorin ist nur das bedenkenswerte Unheil ausgegangen, und ihr Unmut weiß deswegen nicht mehr recht, wohin. Er tobt sich einfach aus.
Von Christa Rotzoll

DER SPIEGEL 51/1973
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