17.12.1973

ARZNEIMITTELNerv getroffen

Ein Preisbrecher irritiert die Pharma-Branche -- mit Standardmedikamenten zum halben Preis. In Zusammensetzung und Wirksamkeit sind sie den teuren Marken-Mitteln gleichwertig.
Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie kündigte "gerichtliche Schritte" gegen den Außenseiter an. Apotheker drohen, seine Produkte zu boykottieren. Von Ärzten hingegen kam Ansporn: "Ihr Programm ist gut, halten Sie durch."
Zorn und Zuspruch gelten dem Pharma-Kaufmann Alfred Stutz und seiner kürzlich im schwäbischen Ehingen gegründeten Arzneimittel-Vertriebsfirma "Ratiopharm".
Denn Stulz und seine Ratiopharm haben vor wenigen Wochen mit einem für den deutschen Pharma-Markt konfliktträchtigen -- in den angelsächsischen Ländern längst erfolgreich durchgestandenen -- Experiment begonnen: mit dem Versuch, gängige Arzneimittel zu knapp kalkulierten Preisen unter ausschließlicher Verwendung ihrer chemischen Substanzbezeichnungen als sogenannte "Generic" -("Gattungs"-)Präparate zu verkaufen.
Mitte November schickte Stulz den westdeutschen Ärzten eine 44seitige Dokumentation über den Markenzeichenwirrwarr und die fetten Gewinnmargen auf dem deutschen Pharma-Markt ins Haus und pries dabei sein Ratiopharm-Programm "als kostensenkende Alternative zur gegenwärtigen Verordnungsmöglichkeit". Doch für Stulz ist "das erst der Anfang".
Gestützt auf die Erfahrungen, die er als Verkaufsdirektor in der pharmazeutischen Industrie hatte sammeln können, stellte Stulz ein Basisprogramm wissenschaftlich bewährter Arzneimittel zusammen, die in der Allgemein- und in der Internistischen Praxis für die Behandlung der am häufigsten vorkommenden Malaisen besonders oft verordnet werden. Sein Ratiopharm-Sortiment der "rationellen Therapie" umfaßt Schmerz- und Rheumamittel und Antidiabetika ebenso wie Hormon-, Vitamin- und Herzpräparate, Medikamente gegen Eisenmangelzustände und Parkinson-Zittern. ein Antibiotikum gegen Atem-, Harn- und Gallenweginfektionen, aber auch ein Abführmittel und eine Antibabypille.
Die Ratiopharm-Generics stehen hinsichtlich Wirkstoffgehalt und Wirksamkeit ihren mit Phantasienamen aufgeputzten Markenzeichen-Konkurrenten in nichts nach. Sie enthalten jeweils die gleichen chemischen Substanzen in identischer Dosierung und Zubereitung, sind mithin therapeutisch gleichwertig.
So entspricht etwa das Ratiopharm-Generic "Acetylsalicylsäure 500 mg" dem seit über 70 Jahren erprobten "Aspirin" von Bayer, das über Ratiopharm vertriebene "Ampicillin 500 mg" dem "Amblosin" von Hoechst und das blutfettsenkende Genericum "Clofibrat 500 mg" dem "Regelan", das die deutsche Rhein-Tochter des britischen Chemie-Riesen ICI vertreibt. Das Ratiopharm-Präparat "9 Vitaminkomplex" gleicht dem Verkaufsschlager "Multibionta forte" der Darmstädter Pillenfirma Merck, das Ratiopharm-Generic "Vitamin B 12 1 mg" ist mit dem Merckschen "Cytobion" identisch.
Die von Stulz vertriebenen Präparate entstammen den Fertigungsstätten potenter Schweizer und deutscher Pharmafabrikanten und entsprechen den gesetzlichen Rezeptur- und Qualitäts-Vorschriften des deutschen Arzneibuches. überdies werden sie, zusätzlich zur Endkontrolle der Hersteller, in Ratiopharm-Auftrag noch einmal, Charge für Charge. von einem neutralen vereidigten Sachverständigen auf Reinheit und Fehlerfreiheit überprüft, ehe sie an den Pharma-Großhandel gehen.
Nur in einem unterscheidet sich das Ratiopharm-Sortiment von seiner Marken-Konkurrenz: im Preis.
Die einheitlichen grauen Pillen- und Ampullenpäckchen des Ehinger Pharmakaufmanns Stulz sind im Durchschnitt um die Hälfte, teilweise sogar um über 60 Prozent billiger. Trotzdem verdient der Schwabe nicht schlecht: Pro Ratiopharm-Schachtel streicht er einen Gewinn vor Steuern zwischen 38 und 65 Prozent ein.
Das Preisrätsel löst ein Blick in die Kalkulation, die Stulz ungeniert ("Jeder in der Pharmabranche weiß doch Bescheid") offenlegt. Vor allem der Posten "Werbung" fehlt darin.
Auf ihn kann Kaufmann Stulz getrost verzichten. Da er seine Ratiopharm-Medikamente ausschließlich unter der jeweiligen -- international üblichen -- wissenschaftlichen Bezeichnung vertreibt, sollte jeder Arzt auf den ersten Packungsblick wissen, um welche Substanz es sich handelt, wie sie eingesetzt werden kann und was er hinsichtlich möglicher Nebenwirkungen zu beachten habe. Eventuelle Gedächtnislücken kann ein Griff in die einschlägige Fachliteratur auf Anhieb schließen. Stulz: "Werbeslogans. Werbegags, Werbegeschenke und Routine-Arztbesuche von Arzneimittelvertretern sind bei Generics überflüssig."
Mit seinem Verzicht auf den sonst üblichen Reklameaufwand -- den die Pharma-Firmen gern zur "wissenschaftlichen Information" hochstilisieren -- hat Branchenkenner Stulz einen Lebensnerv seiner Markenkonkurrenten getroffen.
Denn die Umsatz-Siege der Pharma-Industrie wurden bislang weithin an der Werbefront errungen: 1972 gaben die westdeutschen Pharmafirmen rund eine Milliarde Mark, fast ein Siebentel ihres Gesamtumsatzes, für Werbung, Arztinformationen und Gratisproben ihrer Mittel ("Ärztemuster") aus.
Die Marktstrategie ist darauf ausgerichtet, mit einer, wie der Industrieunabhängige Ärzte-Informationsdienst "Arznei-Telegramm" spottet, "mehr chloroformierenden als informierenden Werbung" dem verschreibenden Mediziner Markennamen ins Gedächtnis einzugraben und dabei zu suggerieren, allein der warenzeichenrechtlich geschützte Phantasiename garantiere auch den therapeutischen Erfolg.
Hellsichtig hält daher die Pharma-Industrie, so ihr Bundesverband, das Primat der Phantasienamen für "unerläßlich" und verteufelt die Generies als minderwertige Chemikalien, weil sie, als sogenannte Nichtspezialitäten, nicht das formale Registrierverfahren beim Bundesgesundheitsamt durchlaufen müssen.
Bundesgenossen im Abwehrkampf gegen die preisgünstige Generic-Konkurrenz hoffen die Pharma-Industriellen unter den Apothekern zu finden. Ihnen redeten sie bereits ein, der Verkauf von rezeptfreien Präparaten an die Laienkundschaft werde zum Erliegen kommen, wenn auf der Pillenschachtel die chemisch-pharmazeutische Bezeichnung und nicht mehr ein Markenname stehe. Denn mit der "Verständigung zwischen Apotheker und Kunde", so das Industrieblatt "Der informierte Apotheker", sei es dann vorbei.
Wundert sich der Generic-Promoter Stulz: "Daß die Apotheker sich so etwas nachsagen lassen! Schließlich haben doch gerade sie Pharmazie studiert."
Das positive Ärzte-Echo hat der gesetzeskundige Pharmakaufmann dagegen insgeheim erwartet. Denn nach den für alle Kassenärzte verbindlichen "Arzneimittelrichtlinien" müssen sie nicht nur therapeutisch" sondern auch ökonomisch sinnvoll rezeptieren und bei jedem Griff zum Verordnungsblock bedenken, daß "von "gleichartig wirkenden Arzneimitteln unter Berücksichtigung der Qualität das in Form und Menge wirtschaftlichste verordnet werden soll". Ausdrücklich fordern die Richtlinien-. "Es kann kostensparend sein, Arzneimittel nicht mit dem wortgeschützten (Marken-)Namen, sondern unter ihren chemischen Bezeichnungen zu verschreiben."
Westdeutsche Ärzte, die künftig wo immer möglich Generics verschreiben. hätten dann Honorarkürzungen "wegen unwirtschaftlicher Verordnungsweise" kaum mehr zu fürchten -- und würden dem Beispiel ihrer Kollegen in den USA folgen.: Dort erreicht der Generics-Marktanteil inzwischen zehn, bei teuren Präparaten sogar mehr als 30 Prozent.

DER SPIEGEL 51/1973
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/1973
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ARZNEIMITTEL:
Nerv getroffen

  • Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne
  • Stillgelegtes Kraftwerk: Vier Kühltürme gleichzeitig gesprengt
  • Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch