17.12.1973

FILMKeep smiling

„O Lucky Man!“ Film von Lindsay Anderson. England 1973, Farbe, 166 Minuten.
In der leichten Truppe der patenten Star- und Rührlichtspiele, die jetzt zum Jahresende in den Kinos wieder auf großen Zuschauerfang geht, wird sich Lindsay Andersons neuer Film "O Lucky Man!" schwertun. Zwar ist dieser Film auch ein durch und durch kommerzielles Produkt, dem glatte Bildeffekte und Menschentypisierung über alles gehen, aber er sperrt sich erstaunlich stark und nachhaltig gegen bequemen Verzehr.
"O Lucky Man!" ist ein großer, ungemein witziger und widerspenstiger Unterhaltungsfilm, der hartnäckig Reflexion fordert, und da wird dann aus dem Spaß oft Verstörung. Im Mittelpunkt steht ein ehrgeiziger junger Mann namens Mick Travis, der zu Beginn des Films Kaffeevertreter und am Ende Filmschauspieler wird. "Clockwork Orange"-Star Malcolm McDowell, der selber einst Kaffeevertreter war, spielt diese Rolle mit absoluter Hingabe. Eine wüste Odyssee führt ihn durch ein zeitgenössisches England, das sich in einem Zustand kompletter und makabrer Verkommenheit und Verrücktheit befindet
Auf seiner grotesken Kaffeefahrt quer durch England gerät Mick an Polizisten, die einen verunglückten Lieferwagen beklauen, in ein Hotelzimmer. wo sich Geschäftsleute, Beamte und Schieber regelmäßig zu Orgien einfinden, in ein Atomkraftwerk, wo er, als kommunistischer Spion verdächtigt, gefoltert wird, in eine Klinik, in der ein prominenter Wissenschaftler Menschen Stücke von Tieren anoperiert. Mick ist ein unschuldiger Held, der immer wieder auf die Beine fällt, weil er sich eifrig der Strömung der Verhältnisse anpaßt. Er wird schließlich Privatsekretär eines mächtigen Finanzmannes, dessen Skrupellosigkeit er bewundert; daß sein kapitalistisches Idol mit Napalm das schöne große Geld verdient, stört ihn nicht. Für Mick ist die Welt immer nur so, wie sie eben ist, und genau so nimmt er sie hin. Was hinter einer Sache steckt, wie sie mit etwas zusammenhängt, für solche Überlegungen ist kein Platz in seinem Kopf, der nur den einen Gedanken kennt: Wie komme ich weiter, und zwar erfolgreich?
Ohne Widerspruch geht er für seinen Chef ins Gefängnis, wo er, ohne daß es irritiert, die kapitalistischen Begierden in humanistische Schwärmerei umtauscht. Die Verhältnisse legen es ihm nahe. Aus dem Freibeuter ist ein Pilger geworden, der nach der Entlassung aus dem Gefängnis die Elenden in Londons Slums zur Menschlichkeit zu bekehren versucht. Sie geben ihm einen Tritt, werfen ihn in den Fluß, doch er ersäuft nicht. Dann läßt er sich als Bettler durch die Straßen treiben und gerät in eine Halle, wo ein Regisseur (Lindsay Anderson) aus einer Menge beschäftigungsloser Jugendlicher den Star für seinen neuen Film sucht.
Mick wurde einst für einen wichtigen Kaffeevertreterjob ausgewählt, weil er so gewinnend lächeln konnte. Das Lächeln ist ihm "inzwischen längst vergangen -- fast. Mehrmals fordert ihn Anderson auf, zu lächeln. Mick kann nicht, will wissen, warum er lächeln soll. Der Regisseur haut ihm das Drehbuch auf den Kopf und sagt, er solle einfach lächeln. Und Mick lächelt wieder, denn Mitmachen ist schließlich seine Stärke.
Von Siegfried Schober

DER SPIEGEL 51/1973
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