17.12.1973

Diese Säue

„Libero“. Film von Wigbert Wicker. Deutschland 1973, Farbe, 78 Minuten.
Wir sind ein Heer Gleichgesinnter. Was uns eint, ist die Bewunderung für den Fußballspieler Franz Beckenbauer. Dadurch sind wir ein Wirtschaftsfaktor, eine Zielgruppe für die werbende Wirtschaft.
Seit wir eine Zielgruppe sind, kümmern sich einflußreiche Industriekreise darum, unser Gruppengefühl zu stärken. Wir verspüren Solidarität an der Tankstelle und vor dem Suppenteller. Wir hören B.-Platten und lesen B.-Bücher. Wir kennen die Konsumgewohnheiten von Franz und tun desgleichen. Wir wissen, Franz raucht und trinkt nicht, aber Frau Brigitte Beckenbauer, das erfahren wir soeben, raucht "Lord".
Diese Kenntnis verdanken wir dem Film "Libero", der für die Zielgruppe Beckenbauer gedreht wurde und am kommenden Freitag in den deutschen Kinos anläuft. Der Film zeigt: Auch zu Hause, im Garten, trägt Franz ein Leibchen der Firma Adidas. Frau Beckenbauer hüllt sich in Gezwirntes mit dem Kennzeichen "Marco Polo". Franz fährt Mercedes. Der befreundete Reporter raucht immer nur "Atika". Ferien machen Franz und Familie an Israels Stränden, dort begegnet man, wie inbegriffen, Shmuel Rodensky. Man muß nur ein paar Takte aus "Anatevka" flöten, schon dreht er sich um und lächelt.
Ein Film von 78 Minuten Länge, farbig auf Leinwand, dagegen kann das Werbefernsehen nicht an. Schöner und großer ist Beckenbauer der Zielgruppe nie nähergekommen. Selbst in Millionen Fernsehzimmern Suppe löffelnd, hat er nicht so lieb, aufrichtig und bescheiden gewirkt wie hier, wo er eine knappe Spieldauer lang einen geldgeilen Millionär abfahren läßt.
Selbstverständlich ist der Film nie indiskret. Ein einziges Mal lehnt Brigitte ihren Kopf schmusend an Franzens Wange, und ein einziges Mal glaubte man einen Blick auf Beckenbauers Suspensorium erhascht zu haben, aber gedankenschnell zuckt die Kamera davon. ein Rest Ungewißheit bleibt.
Die Sache mit dem Geldsack, der Franz nicht verführen kann, ist nur Rahmenhandlung. Der dramatische Teil des Films beginnt mit einem grauenvollen Schlüsselerlebnis Franz Beckenbauers: Ein Kamerad bricht sich ein Bein. Man muß den Mann bei der Diagnose brüllen gehört haben, um andeutungsweise erahnen zu können, was das für einen Fußballspieler bedeutet.
Den sensiblen Franz überkommen beim Anblick der Röntgenbilder von der Unterschenkelfraktur des Freundes Depressionen, fürchterlicher noch wirkt auf ihn kurz darauf während des Spiels ein starkes Nasenbluten, die Nase blutet, blutet, und er muß spielen.
Noch Ärgeres soll er erdulden müssen. Nach dem Spiel zünden vor seinem Haus in Grünwald, wo sonst solcher Plebs nicht hinkommt, Fanatiker die Klubfahnen an und brüllen Schlimmes.
Franz sinkt drin im Haus in einen Sessel, und dann sagt er es, tonlos spricht er es aus und guckt ins Leere: "Ich höre auf mit dem Fußball."
Das lähmende Entsetzen, das die Kinobesucher der Zielgruppe in diesem Augenblick befällt, vermag nur einer zu artikulieren: Harald Leipnitz, Schauspieler, sich selbst als Freund Beckenbauers darstellend. Niemals hat Leipnitz so vergessen lassen, daß er Schauspieler ist, wie in dieser Szene, wie in diesem ganzen Film, man merkt überhaupt nicht, daß er einer ist.
Leipnitz schreit auf, waidwund, bleichen Schrecken im Gesicht, das Unfaßbare nur mühsam erfassend, nein, schreit er, das geht doch nicht! Er begründet nicht weiter, aber wir im Parkett. wir wissen auch so, das geht doch wirklich nicht.
Noch stärker wird das Zusammengehörigkeitsgefühl der beiden berühmten Männer, als sie später gemeinsam einen infamen Zeitungsartikel lesen, voller Lügen, mit getürktem Photo.
"Diese Säue", knirscht Leipnitz. Franz, mehr traurig als böse, Franz, wieder einmal ganz unser Franz, nickt nur. Einig sind sich die beiden, daß sie keine Richtigstellung verlangen werden. Da kriegen sie doch wieder nur eine neue Schlagzeile, diese Säue.
Die Presse hat den Film natürlich einhellig verrissen, die Dialoge von Bernt Engelmann lägen nicht einmal innerhalb des Gebrauchswortschatzes ("tz"), Regisseur Wicker habe nur Peinlichkeiten aneinandergereiht, und die Schauspieler Leipnitz, Löwitsch und Born hätten sich selbst Rufschädigung angetan, meinte die "FAZ".
Das alles hat Beckenbauers verdienter Berater Robert Schwan kühl und sachlich zurechtgerückt. Als einziger in der Lage, das Phänomen Beckenbauer und was man damit anfangen kann. richtig zu bewerten, sagte er nach dem Presseverriß erleichtert: Nun sei er nicht mehr in Sorge um das Image von Franz, denn entscheidend sei, was die breite Masse von dem Film hält. Und da sei er nunmehr guten Mutes. Der Mann kennt die Zielgruppe.
Von Horst Vetten

DER SPIEGEL 51/1973
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