17.12.1973

SUBKULTURVersprühter Ruhm

Heimlich haben New Yorker Teenager die meisten U-Bahn-Wagen der Stadt mit großen bunten Schriftzügen verziert.
Der junge Künstler stand vor seinem Werk und gab einem Fernsehreporter zu Protokoll, daß er seine Farben gewöhnlich klaue. Dann schwang er sich in einen U-Bahn-Wagen, und mit ihm rollte auch sein Gemälde davon.
Es war mit Ölfarbe auf den Waggon gesprüht: ein riesiger Namenszug ("Snake I"), grün mit silbernen Sternchen, mit hellblauem Rand.
Mit ähnlichem Dekor sind inzwischen fast alle der 6802 New Yorker U-Bahn-Wagen üppig bedeckt. "Tato 125", "Hondo", "Stitch", "Flip 108", "Stop II", "Lazar", "Spin": eine rollende Super- und Sondershow von "Graffiti"-Wandmalereien fährt täglich zwischen Coney Island und Rockaway Roulevard, aus Brooklyn über Harlem in die Bronx spazieren.
Die Namen sind die von vorwiegend schwarzen und puertoricanischen Teenagern aus den Gettos der Stadt -- allerdings nie ihre richtigen, sondern immer Spitz- oder Cliquen-Namen. Die Zahlen stehen für die Straßen, aus denen sie kommen, die römischen Ziffern für Rangordnung. "Snake I" ist prominenter als "Snake II".
Um Prominenz geht es den Künstlern, die sich nachts auf die Abstellbahnhöfe schleichen und lossprühen" vor allem. "Ich will berühmt werden", ist die Standard-Antwort an Reporter, die sie nach den Motiven fragen, und die Reporter fragen gern und oft. Die New Yorker Graffiti-Welle ist Straßenkultur plus Publizität.
Im Sommer 1970 war die Inschrift "Taki 183" so häufig auf den Mauern von Washington Heights, einer Getto-Gegend an der Nordspitze Manhattans, aufgetaucht, daß es Spekulationen darüber gab, ob sich damit ein Polit-Kommando, ein Verrückter oder eine neue Street-Gang bemerkbar mache. Ein Reporter der "New York Times" fand schließlich den Urheber der geheimnisvollen Schrift an den Wänden. Es war ein Junge: "Taki", aus der 183. Straße. von der George Washington High School. Die "Times" veröffentlichte ein ausführliches Porträt.
Taki hatte nur intensiver betrieben. was alle seine Kumpels auch taten -- wie vor ihnen Höhlenmenschen, Pyramiden-Bauarbeiter, Touristen. und Liebespärchen. Nur: In der gesamten, langen Graffiti-Geschichte waren die Namens-Schreiber letztlich doch nur sich selber bekannt geblieben. Erst "Taki" 183 wurde durch das "Times"-Porträt aus der Anonymität katapultiert.
Das spornte seine Altersgenossen an. Immer breitere. buntere Filzschreiber wurden eingesetzt, Zippo-Feuerzeuge zum Super-Breit-Schreiber umfunktioniert, dann kam die Entdeckung der Sprühdose. die wieder für Fein-Dekor (Wolken und Blumen) umgebaut wurde. Mauern waren bald überwuchert, die mobilen Ausstellungsflächen der U-Bahnen boten sich an.
Das Fernsehen stieg ein. Und obwohl verboten ist, was sie tun, drängelten sich die Schriftkünstler zu den Interviews. Im Fernsehen verrieten die Maler auch ihren inzwischen hochentwickelten sozialen Kodex. "Tan 108": "Man übersprüht niemals andere Namen. Wir wollen ja alle bekannt werden."
Die öffentliche Reaktion auf die Farb-Explosion am städtischen Gemeinbesitz war geteilt: hier empörter Burgersinn, da die liberale Intelligentsia mit Gespür für Getto-Reize. Bürgermeister Lindsay beschimpfte die Graffiti-Künstler als "unsichere Feiglinge", und selbst Graffiti-Papst Robert Reisner, der die Intelligenz- und Polit-Kritzeleien auf Untergrund-Klos publik gemacht hat. sah den "Zusammenbruch von Recht und Ordnung in den US-Städten" gekommen. Pop-Meister Oldenburg dagegen fand einen Lebenstraum erfüllt: "Ich wollte schon immer eine Blaskapelle mit tanzenden Mädchen auf einem flachen
Wagen über das U-Bahn-Netz durch die ganze Stadt schicken. Das hier ist beinahe genauso." Und Zeichner Saul Steinberg meinte, die Aktivität der sprühenden Getto-Kinder würde "in der Kunstszene dringend gebraucht".
"New York", das Magazin für ausgetüftelte City-Lebenskunst, stiftete den "Taki"-Preis, der, freilich ohne Geld, an "Spin", "Stop" und als Lob für die beste Kollektiv-Arbeit an die U-Bahn-Station 103. Straße vergeben wurde.
Ein Soziologie-Student vom City College, Hugo Martinez, gründete den Verband United Graffiti Artists (UGA), der die Sprühfarben-Maler von den Straßen weg- und ihr Tun dem Kommerz zuführen sollte. Der erste Auftraggeber: das Joffrey-Ballett. Während der Vorführung von "Deuce Coupe" hüpften im Hintergrund UGA-Artisten in Jeans und sprühten allabendlich neu die Dekoration mit ihren Namen voll. Eine Dame aus dem vornehmen" Vorort Riverdale bestellte die Ausschmückung ihres Eßzimmers bei den Getto-Künstlern. "Ray-B 954", der in drei Monaten viermal im Fernsehen aufgetreten war, wurde Manager bei UGA und koordinierte die Bestellungen für Leinwand-Graffiti. Stückpreis: 100 Dollar.
Doch damit war offenbar schon ein publizistischer Overkill erreicht. Eine für den Sommer geplante Graffiti-Schau im New York Cultural Center wurde vom Kuratorium abgelehnt. Für ein Graffiti-Buch fand "Ah" von den "Soul-Artists", einem Zusammenschluß der jungen Mauermaler, keinen Verleger.
Doch als er -- von einer in Brand geratenen Sprühdose schwer verletzt -- kürzlich im Krankenhaus landete, bekam er wieder Reporter-Besuch und konnte vom Krankenbett aus appellieren: "Hört auf, stoppt das Sprayen! Es lohnt sich nicht, Ich bin beinahe dabei umgekommen."

DER SPIEGEL 51/1973
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