17.12.1973

MODEZum Weinen

Untertrieben und teuer -- das ist die jüngste Devise der Mode-Snobs. Die Engländerin Jean Muir und die Französin Sonia Rykiel fuhren mit ihren Schlabber-Kleidern diesen Trend an.
Beide Damen hatten das nämliche Problem: Sie waren so mager und so klein, daß sie nicht von der Stange kaufen konnten. Da griffen sie selber zu Nadel und Schere -- mit Erfolg.
Heute haben die Engländerin Jean Muir und die Pariserin Sonia Rykiel aus der Not ein Geschäft gemacht: Sie verbreiten ihr Selbstgeschneidertes in exklusiver Massenkonfektion.
Längst haben sie in Paris, London und New York der Haute Couture manche Stammkundin abspenstig gemacht. Aber auch in der Bundesrepublik sammeln sich kennerische Anhängerinnen, die sich um die Kreationen der Modemacherinnen reißen.
Denn wie kein Mann in der Branche kultivieren sie jenen elitären Schlabber-Look, dessen untertriebenes Raffinement sich nur Eingeweihten auf Anhieb erschließt. Der Charme dieser Kollektionen, schwärmt die "International Heraid Tribune", sei "schwer zu beschreiben, aber unverkennbar".
Das Rykiel-Mädchen kuschelt sich fröstelnd in einen wadenlangen Faltenrock, einen engen Streifenpulli mit V-Ausschnitt und eine Po-lange, flauschige Mohair-Jacke. Auch in geschlossenen Räumen behält es gern Strickhut und Handschuhe an, als wäre das Heizöl schon länger knapp.
Besonderes Kennzeichen: Es putzt sich monochrom von Kopf bis Riemchenschuh -- am liebsten bläßlich weiß, aber auch resedagrün oder rabenschwarz. Sein fragiler Reiz, klagt "Tribirne" -Modereporterin Hebe Dorsay, mache "alle anderen im Raum fett und zu alten Schachteln".
Muir-Girls räkeln sich in fließenden, Seide imitierenden Rayon-Jerseykleidern, die jede Bewegung von den Schultern über die Schenkel bis zu den Waden modulieren. Auch sie sind uni eingefärbt, vom kleinen Turban bis zu den getönten Strümpfen: jadegrün, milchigrost, pflaumenblau und silbergrau.
Die Muir-Gewänder, die sich von Saison zu Saison wie bei Sonia Rykiel und bei der seligen Chanel nur in Details verändern, werden von Fachleuten wegen ihres ausgeklügelt simplen Schnitts und ihrer Präzision gerühmt. Zur Kollektionszeit werfen in der ganz in Weiß gehaltenen Muir-Boutique in der Londoner Bruton Street enthusiastische Einkäufer, so die "Tribune", "wie besoffene Matrosen mit Geld um sich".
Aber auch Sonia, die vor zehn Jahren ihre ersten Pullis an gierige Freundinnen verscherbelte, ist groß im Geschäft. Heute fabriziert die. "Königin der Strickwaren" ("Women's Wear Daily") 150 000 Sweater pro Saison, die in westdeutschen Boutiquen zwischen 120 und 250 Mark kosten. Und wer einmal ein Rykiel-Strickstuck besitzt, sagt eine Kundin, den quäle das dringende Bedürfnis. auch alle anderen zu erwerben.
Schon werden die rotschopfigen Stilistinnen wie große Meister immer schamlosem kopiert. Die Hamburger Boutiquen-Besitzerin .111 Sander hat bei ihren Rykiel-Pullis bereits die dicken Krempel-Ärmel glatt machen lassen, "weil zu viele Billigmacher auf dieser Welle reiten".
Aber auch Jean Muirs Kleidchen werden häufig und meist schäbig imitiert. Deshalb empfiehlt die Pariser Zeitschrift "Elle" ihren Leserinnen: "Gönnen Sie sich zu Silvester eine echte Jean Muir." In Deutschland hängen die teuren Originale (je nach Modell und Material zwischen 400 und 2000 Mark) vorerst nur in fünf bp-Boutiquen, in Berlin, Hamburg und München.
Für Geld allein sind sie allerdings auch dort nicht zu haben. "Vor allem genug Persönlichkeit" muß bei Jil Sander eine Kundin vorweisen, ehe sie ein Muir-Original erstehen darf. Und auch Bettina Lauer bei Horn in Hamburg findet, daß nur "starke Charaktere" für diese Kleider, "die ein bißchen weinen", in Frage kommen. "Die hängen doch an einer Frau, die von sich aus nichts mitbringt, nur traurig runter." So werden die wenigen Auserwählten stets telephonisch alarmiert, wenn eine neue Muir-Lieferung hereinkommt. Auf Laufkundschaft wird wenig Wert gelegt.
Den Kundinnen, die lautem Lob über die Kleider-Damen eher abhold sind, ist das gerade recht. Sie möchten, mit Twiggy und Jacqueline Onassis, gern unter sich bleiben.

DER SPIEGEL 51/1973
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