17.12.1973

PERSONALIENEgon Bahr, Herbert Wehner, Garret Fitzgerald, Hermann Schmitt-Vockenhausen, Lars Brandt, Willy Brandt, Ingrid Leodolter

Egon Bahr, 51, Minister für besondere Aufgaben, brauchte sich bei einer Bahnfahrt nach West-Berlin nicht nach der Vorschrift des von ihm ausgehandelten Transitabkommens zu legitimieren. Bei der Anreise zum Berliner SPD-Landesparteitag am vorletzten Wochenende hatte der bisherige Chef-Unterhändler seinen Personalausweis vergessen -- die DDR-Grenzer akzeptierten statt dessen auch den Bundestagsausweis des Ministers. Bahr: "Ich bin wohl einschlägig bekannt."
Herbert Wehner, 67, SPD-Fraktionsvorsitzender, erlaubte sich ungestraft eine ausfällige Bemerkung. Wehners Fraktionskollege Friedhelm Farthmann hatte vergangenen Mittwoch während der Parlamentsdebatte den CDU-Abgeordneten Friedrich Vogel wegen "nichtsnutziger Zwischenrufe" kritisiert und sich sofort von CSU-Bundestagsvizepräsident Richard Jaeger eine Rüge eingehandelt. Doch Jaeger schwieg, als Wehner nachhakte: "Nur so kann man Ungeziefer abwehren, Herr Präsident."
Garret Fitzgerald, 46, irischer Außenminister, mußte vergangenen Dienstag in Brüssel zu einem Treffen mit seinem US-Kollegen Henry Kissinger überredet werden. Nach der Nato-Tagung wollte Kissinger mit den Außenministern der EG-Länder über die wirtschaftspolitische Komponente der von ihm angestrebten atlantischen Deklaration sprechen -- die Europäer fanden den Iren, dessen Land nicht in der Nato vertreten ist, vor Ort: Er präsidierte einem von dem Londoner Wirtschaftsblatt "Financial Times" veranstalteten Wirtschaftsforum. Zum transatlantischen Plausch gebeten, verweigerte Fitzgerald zunächst die Teilnahme. Grund seiner Unlust: Kissinger hatte ihn während der Uno-Herbstsitzung nicht empfangen. Erst auf Zureden fand er sich schließlich gesprächsbereit. Als Kissinger dann das Konferenzzimmer im Brüsseler Hilton betrat, begrüßte er ihn: "Mein lieber Fitzgerald, wir müssen uns bald einmal sehen."
Hermann Schmitt-Vockenhausen, 50, Bundestagsvizepräsident, belehrte Parlamentarier über den rechten Gebrauch ihres Fragerechts. Während der Fragestunde vergangenen Mittwoch monierte er zu umständliche Fragesätze: "Wenn Sie erwarten, daß die Herren ... klare Antworten geben, dann müssen diese Fragen ... knapp und klar sein." Es gehe nicht an, "daß jeder ... versucht, zwei oder drei Zusatzfragen in einer unterzubringen". Und: "Ich habe das früher auch so versucht, aber ich bitte um Verständnis, daß das nicht geht." Lars Brandt, 22, Kanzler-Sohn, begleitete seinen Vater vorige Woche nach Prag, nahm aber nur an einem offiziellen Programmpunkt teil: an einem Essen, mit dem Willy Brandt, 59, am Mittwoch im Czernin-Palais die CSSR-Regierung bewirtete. Den Weg vom Verhandlungsort, dem Hradschin, zur Mittagstafel legten Vater und Sohn gemeinsam zurück (Photo). Ebenfalls als Gast geladen war ein Freund des westdeutschen Regierungschefs, den dieser in den dreißiger Jahren im schwedischen Exil kennengelernt hatte: der tschechoslowakische Schauspieler Valter Taub. Während des zweitägigen Aufenthalts der Bonner Delegation in der (SSR-Hauptstadt beherbergte der Mime den Brandt-Filius und betätigte sich für ihn als Reiseführer. Geoffrey Rippon, 49, britischer Umweltminister, erhielt vom "British Electricity Council" einen umweltfreundlichen Leihwagen. Mit dem umgebauten Austin Mini Traveller. der von acht Zwölf-Volt-Batterien angetrieben wird, kann der Politiker freilich nur kurze Strecken zurücklegen: Nach jeweils 25 Meilen muß das Elektro-Auto neu aufgeladen werden. Die Höchstgeschwindigkeit des Prototyps, der aus einem Serienfahrzeug entwickelt wurde, liegt knapp über 60 Stundenkilometern. Die Bedeutung dieser technischen Entwicklung, "bei der Großbritannien einen beträchtlichen Vorsprung hat" (Rippon). sieht der Minister weniger in der "Möglichkeit zu Benzin-Einsparungen", sondern vielmehr in dem Bereich, der ihm von Amts wegen obliegt: dem Umweltschutz.
Ingrid Leodolter, 54, österreichische Gesundheitsministerin und studierte Medizinerin, wurde von einem Kollegen beim Disziplinaranwalt der Ärztekammer angezeigt, weil sie "den gesamten Stand diskriminiert" habe. Die Ministerin hatte einem "Wochenpresse"-Redakteur freimütig offenbart, warum "die meisten Gynäkologen gegen den (neuen) Abtreibungsparagraphen" seien: "Die verlieren doch durch die Fristenlösung ihre Schweigeprämien. Und: "Was glauben Sie denn, wer die Abtreibungen vorgenommen hat? Schauen Sie sich doch nur die Villen und Paläste der Gynäkologen an." Obwohl die Ministerin nach der Veröffentlichung sogleich dementierte ("Willkürliche Darstellungen bzw. falsch zitierte Sätze"), erstattete der Präsident der steirischen Ärztekammer, Richard Piatym bei der Bundesärztekammer Anzeige, denn: "Ich schließe aus der Intimkenntnis im Umgang mit ihr, daß sie das wirklich gesagt hat."

DER SPIEGEL 51/1973
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