14.01.1974

England vor dem Stillstand

Millionen sind ganz oder teilweise arbeitslos, Londons Straßen dunkel, die Stahlproduktion sank auf 50 Prozent. Um Energie zu sparen und die Gewerkschaften zu bezwingen, verhängte die britische Regierung die Drei-Tage-Woche.
Dies gekrönte Eiland, dies zweite Eden, halbe Paradies, dies Volk des Segens, diese kleine Welt, dies Kleinod, in die Silbersee gefaßt, der segensvolle Fleck, dies Reich, dies England.
Shakespeare, König Richard 11.
Der Premier versprach seinem Volk einen "radikalen Wandel", die "totale Revolution". Er wollte die "Geschichte dieser Nation verändern -- das, und nicht weniger".
Drei Jahre und sieben Monate regiert Edward Heath nunmehr über England, und gewandelt hat sich England tatsächlich -- aber wie.
"Scorpion" -Spähpanzer rollten zum Londoner Flughafen Heathrow, feldmäßig ausgerüstete Soldaten patrouillieren im Schloßpark der Königin, Sprengkörper explodieren im Zentrum der Londoner City, einer im Wachsfiguren-Kabinett der Madame Tussaud. Zehn wächserne Matrosen auf dem historischen Kriegsschiff "Victory" erlitten Blessuren, Seeheld Nelson, beruhigte der Direktor, "blieb unbeschädigt".
Doch weder die Bomben irischer Terroristen noch die Drohungen arabischer Guerillas lassen die Welt in diesen Wochen "auf England herabblicken, als seien wir eine Nation, dazu bestimmt, Selbstmord zu begehen", schrieb der "Daily Express". Todessüchtigen Lemmingen gleich, erkannte der Generaldirektor des britischen Industrieverbandes CBI, Campbell Adamson, schieben sich Engländer, vernunftbegabte Wesen, so schnell es eben geht, auf den Abgrund zu.
Aus scheinbar nichtigem Anlaß geriet ein Lohnstreit zwischen Bergarbeitern und staatlichen Grubenverwaltungen zum Show-down zwischen Regierung und Gewerkschaften, der England in ein "neues dunkles Zeitalter" ("Newsweck") stürzte.
Die Produktion von Kohle war letzte Woche um 40 Prozent gesunken, die von Stahl um 50 Prozent. Über eine Million Engländer sind bereits arbeitslos, über zwei Millionen nur noch teilbeschäftigt -- ein Schicksal, das in den nächsten Wochen über zehn Millionen Menschen droht, fast der Hälfte aller britischen Arbeitnehmer. Jede Kurz-Woche kostet die Briten 2,5 Milliarden Mark.
Um Kohle zu sparen -- und zugleich den Konflikt mit den Gewerkschaften auf die Spitze zu treiben -, entschloß sich die Regierung Heath zu einem in der Geschichte der Industriegesellschaft beispiellosen Kraftakt: Sie verordnete ihrem 56-Millionen-Volk die Drei-Tage-Woche.
Das "swinging London" der 60er Jahre ist inzwischen so düster geworden wie zu Zeiten von Charles Dickens, seine imperialen Avenuen sind spärlicher beleuchtet als die Slum-Straßen ehemals britischer Kolonialstädte. Kerzen flackern in Kontoren der City, Sturmlaternen sorgen in Warenhäusern für Notlicht, Lkw-Scheinwerfer erhellen Lagerhallen.
Den Amtssitz des Premiers in Downing Street Nummer 10 wärmt nur einer von vier Heizkörpern, an Londons U-Bahn-Stationen warnen Hinweis-Tafeln: "Diese Rolltreppe ist außer Betrieb, um Strom zu sparen. Bitte gehen Sie zu Fuß."
Das Kriegsministerium schließt -- wie andere Behörden auch -, sobald es dunkel wird: Offiziere antworten am Telephon: "We are on our last candle", unsere letzte Kerze verglimmt, "bitte rufen Sie morgen wieder an."
Brot, eben um einen Penny verteuert, wird knapp, Milch zuweilen nicht mehr ausgeliefert, weil die Flaschen fehlen. Das Fernsehen blendet 22.30 Uhr aus.
Dieses Land, das "dabei ist, zugesperrt zu werden wie ein verfallener Bahnhof" (so US- Kolumnist Russell Baker). regierte noch vor wenigen Jahrzehnten ein Weltreich, in dem die Sonne nicht unterging: seine Handelsflotte verdrängte mehr Wasser als die Kauffahrtei-Geschwader der restlichen Welt, seine Wirtschaft war konkurrenzlos, sein Selbstwertgefühl schien unüberwindlich.
Britisch, das war stets etwas Besonderes, allem "Unbritischen" weit voraus, nicht in einem Atem zu nennen mit dem, was "aliens", Fremde, hervorzubringen vermochten.
Dank überlegener Lebensart, der "Englishness", wie sie der Schriftsteller J. B. Priestley erst vor wenigen Monaten in einem Buch "The English" auf 256 Hochglanzseiten zu definieren und zu dokumentieren suchte, wähnte sich die Insel jahrhundertelang über andere Völker emporgehoben. Sie erlaubte den Briten, ein Weltreich mit einem Minimum an eigenem Einsatz zu beherrschen und selbst über zunächst siegreiche Feinde wie Napoleon oder Hitler schließlich zu triumphieren.
Zwar war England in jüngster Zeit schon einmal industriell zum Stillstand gekommen -- im Februar 1947, als ein extrem harter Winter die Nachkriegswirtschaft traf. Damals wurde wochenlang der Strom abgeschaltet, doch die Bevölkerung war noch an Mangel gewöhnt, und das Kriegserlebnis hielt sie zusammen.
Selbst damals noch mochte stimmen, was einst die "Times" unbefangen in einer Schlagzeile meldete: "Nebel über dem Kanal, der Kontinent isoliert", obschon England nicht mehr der Nabel der Welt war. Heute nun wirkt es eher wie ihr Blinddarm.
Heute, am Ende einer langen Reihe von Krisen, wagt England nicht mehr so recht zu fragen, was noch kommen wird. Allein Flagge zu zeigen, wie der nationalistische "Daily Express" seine Leser aufforderte, wird den Briten nicht weiterhelfen, auch wenn der "Express" das Papierfähnchen gratis zu liefern verspricht.
Ist mithin das Land, das als erstes die industrielle Revolution vollzog, der industriellen Gesellschaft auch als erstes überdrüssig? Englands größter Geschichtsphilosoph, Arnold Toynbee, stellte einst die Theorie auf, daß die Geschichte aller Gesellschaften, Nationen und Zivilisationen eine ständige Kette von "challenges" -- Herausforderungen -- und "responses -- Reaktionen darauf -- sei: je stärker die Herausforderungen, um so stärker auch die Reaktion.
Diesmal stimmt keine Relation mehr. Die Herausforderung ist übermächtig, die Antwort matt, der Anlaß absurd: Die Zukunft Englands scheint daran zu hängen, ob Regierung und Gewerkschaften sich darüber einigen können, wie viele Minuten nötig sind, um Kohlestaub aus den Ohren der Kumpel zu spülen.
Am 12. November hatten die Bergarbeiter sich geweigert, weiterhin Überstunden zu leisten, bevor sie besser bezahlt würden. 16,5 Prozent mehr Grundlohn gestand die Regierung ihnen zu -- den Höchstsatz bei großzügiger Auslegung der gültigen Lohnleitlinien. Nicht einigen konnten sich die Unterhändler über die Bezahlung der "waiting time" -- jener Zeit, in der die Arbeiter sich waschen und umkleiden. in die Grube einfahren und sie verlassen. Die Kumpel forderten 45 Minuten Lohn pro Tag für die waiting time und die Anrechnung von 60 Minuten -- statt wie bisher 30 -- für den Gruben-Einstieg und die Ausfahrt.
Die Bergleute fühlten sich dank Ölkrise stark, ihre Bedeutung für die britische Wirtschaft war gewachsen. Denn von 174 englischen Kraftwerken werden 120 mit Kohle beheizt, sie versorgen die Nation mit etwa 70 Prozent des gesamten Strom- Bedarfs (Bundesrepublik: 62).
Doch "dieser sture Kerl", so der Labour-Linke Michael Foot über den konservativen Premier, machte die Duschdauer zum Casus belli.
Monoton verlas Edward Heath 14 Minuten lang sein Kampf-Dekret: Die Energie-Versorgung der Nation sei durch die Oberstunden-Verweigerung der Kumpel nicht mehr garantiert: um Energie zu sparen, dürften Englands Industriebetriebe nur noch drei Tage in der Woche produzieren, von Montag bis Mittwoch die einen, von Mittwoch bis Samstag die anderen. Firmenbosse, die trotz Verbots produzieren und mithin Strom verbrauchen, erhielten Geldstrafen bis 400 Pfund und Haft angedroht.
Niemand glaubte zunächst, daß diese unerhörten Maßnahmen auch tatsächlich angewendet würden, doch am 2. Januar war es soweit -- Englands Industrie geriet an den Rand des Stillstands. Die von der Drei-Tage-Woche betroffenen Betriebe und Sparten sind nach undurchsichtigen Kriterien ausgewählt. Die Anwälte müssen sparen, die Richter nicht. Firmen, die Öl suchen, sind Restriktionen unterworfen, jene, die Geräte für die öl-Bohrungen herstellen, hingegen nicht. Die Regierung mußte eine Sonder-Genehmigung erteilen, damit der 265 000-Tonnen-Öltanker "NordiC Clansman" auf einer schottischen Werft zusammengeschweißt werden kann, dennoch verzögert sich seine Fertigstellung um Wochen. Ende Februar
die Ein-Tage-Woche?
TV-Geräte-Fabriken, die voll weiterarbeiten dürfen, müssen alsbald die Produktion einstellen, weil die Zuliefer-Betriebe sparen müssen. Zeitungen werden täglich gedruckt, die Druckereien von Magazinen hingegen müssen sich einschränken.
Niemand vermag bisher zu sagen, ob die Firmen für die von der Regierung verfügte Sonnabend-Arbeit Überstunden zahlen müssen, ob die mit den Gewerkschaften vereinbarten Garantie-Löhne trotz amtlich verfügter Kurzarbeit noch zu zahlen sind -- und wenn ja, wie lange und vom wem. falls die Betriebe es nicht mehr können.
Die Maschinenbau-Fabrik "Laughton" in Birmingham etwa will bis zum 18. Januar den vollen Lohn weiterzahlen, obgleich die 800 Arbeiter derzeit nur 25 1/2 Stunden arbeiten statt der mit den Gewerkschaften vereinbarten 34 1/2 Stunden. Die Chemie-Firma "Courtaulds" hingegen schickte Angestellten die Kündigung mit dem Hinweis, sie sei bereit, sie wieder einzustellen, wolle jedoch nur für tatsächlich geleistete Arbeit zahlen.
Je länger der Konflikt dauert, desto schärfer die lokalen Auseinandersetzungen zwischen Unternehmern und Arbeiterorganisationen. "Sollte die Stahlindustrie Ende dieses Monats schließen, dann werden wir Ende Februar nicht einmal mehr über die Ein-Tage-Woche reden", prophezeite der Chef von "Courtaulds".
Die Briten sehen ihm mit einem fast gespenstisch wirkenden Gleichmut entgegen -- so als ob die geballte Macht des Imperiums noch einsetzbar wäre, das Schlimmste zu verhüten,
Was in Frankreich unweigerlich zu Hysterie und Straßenschlachten geführt hätte, veranlaßte auf der britischen Insel keinen Arbeiter dazu, in der Downing Street zu demonstrieren, keinen Bürger, die Faust gegen die Kumpel zu erheben: Streik und Krise scheinen so "britisch" geworden wie Cricket oder die Queen. Dabei geben die streitenden Parteien. die England an den Abgrund manövrierten" durchaus Anlaß zu nationaler Gewissenserforschung.
Auf der einen Seite steht ein Premier, der sich wie ein "alternder Torero" (so Labour-Chef Harold Wilson> schlägt. persönlich vielleicht imponierend, politisch mit Sicherheit verheerend. "Seine Regierung". freute sich Wilson, "ist ein Gottesgeschenk für Militante und Ruhestörer."
Dieser Konservative scheint Vergnügen dabei zu empfinden, in einer opportunistisch gewordenen Welt für Prinzipien zu streiten und dies tunlichst auf dem Weg des größten Widerstands. Von den Briten verlangte er "starke Nerven" -- mit Recht:
* Gegen die Briten-Mehrheit führte Heath sein Land in die EWG.
* Gegen den Widerstand der Gewerkschaften brachte er den "industrial relations act" durch das Parlament, ein Gesetz. das die Macht der Gewerkschaften reduzieren soll. > Gegen den Widerstand der Gewerkschaften auch betrieb er eine Lohn- und Preispolitik, mit der er die britische Inflation bremsen wollte. Auf der anderen Seite fechten Englands ehrwürdige Gewerkschaften, bei Verfolgung ihrer Interessen kaum weniger stur als der konservative Premier. Sie glauben, daß Heath sie mit einer "Politik der kalkulierten Feindschaft" (Wilson) verfolgt. "Hat es das jemals zuvor gegeben, daß nach einem Überstunden-Boykott Notstandsmaßnahmen ergriffen werden mußten?" fragte Liberalen-Führer Jeremy Thorpe im Unterhaus.
Das hat es noch nicht gegeben. Und es hat auch keinen Staat gegeben, in dem Gewerkschaften derart wuchern konnten wie in England seit der frühindustriellen Zeit. Der Klassenkampf wurde in England erfunden und der Streik als eine seiner wirksamsten Waffen auch.
Die einst stärkste Macht wurde zum Industrie-Invaliden.
Schon 1786, drei Jahre vor der Französischen Revolution, begann auf der Insel ein Arbeitskampf, die Elite der Buchbinder trat in den Ausstand. Die fünf Führer wurden eingesperrt, andere nach Australien deportiert oder aufgehängt.
1819, als während einer Depression 60 000 Arbeiter und ihre Familien auf dem Petersfield von Manchester demonstrierten, sprengten Kürassiere mit blankem Säbel die Menge. Für Englands darbende Massen wurde der Tag, vier Jahre nach Waterloo, ein "Peterloo": elf Tote, über 400 Schwerverletzte.
Das Elend der englischen Arbeiter, von Marx und Engels analysiert, blieb bis weit in das 20. Jahrhundert bedrückend. Noch 1926, als die Arbeiter auf eine Aussperrung in den Kohlengruben mit einem Generalstreik antworteten. hungerten in den Midlands Kumpel-Familien.
Die Gewerkschaften suchten das Los der Arbeiter zu verbessern, aus dem direkten politischen Kampf wollten sie sich heraushalten. Deshalb gründeten sie 1900 eine Arbeiterpartei, seit 1906 Labour Party genannt. Sie setzte noch 1906 mit Hilfe der Liberalen das "Arbeitskonflikt-Gesetz" durch. Es gab den Gewerkschaften jene Privilegien, die sie in den vergangenen zwanzig Jahren -- häufig bis an die Grenze der Selbstzerstörung -- mißbrauchten.
Die Wortführer der Gewerkschaften in den Betrieben, die Shop Stewards, konnten willkürlich Arbeiter in den Streik führen und Tarifverträge brechen, Urabstimmungen waren nicht nötig. Für Schäden, die durch diese wilden Streiks entstanden, konnten weder Funktionäre noch Gewerkschaften haftbar gemacht werden.
Den Freibrief nutzten die Shop Stewards in den Betrieben zum Ausbau beispielloser Machtpositionen. Eigenbrötelei und Eifersüchtelei gegenüber den eigenen Kollegen war manchem Gewerkschafter wichtiger als der Kampf gegen die Unternehmer.
In den Fabrikhallen zeigten sich die Shop Stewards häufig ebenso herrschsüchtig wie die Firmenbosse in den Kontoren. "Sie kümmern sich mehr darum", klagte der linksliberale Professor Alan Day von der London School of Economics, "das Privileg von Lohnunterschieden zwischen einzelnen Kategorien von Arbeitern aufrechtzuhalten als die Interessen der wirklich Unterbezahlten zu verfechten."
Monatelang blockierten zum Beispiel zwei Gewerkschaften die Erprobung einer neuen Produktionsmethode in der staatlichen Stahlindustrie, weil jede für ihre eigenen Mitglieder das Recht beanspruchte, an den notwendigen Maschinen die -- gutbezahlten -- Jobs einzunehmen.
Die Hafenarbeiter sperrten sich gegen die Anlage moderner Container. Terminals, weil dort die Ladung nicht mehr von ihnen, sondern Kollegen aus einer anderen Sparte des Transportgewerbes übernommen worden wäre.
Englands modernster Superexpreß blieb fast ein halbes Jahr lang auf einem Nebengleis stehen, weil die Eisenbahner zwei Lokführer mitfahren lassen wollten, im Führerstand aber nur für einen Platz war.
Niemand bringt Ordnung in die Streitereien der Funktionäre. Denn Großbritannien zählt heute 466 Gewerkschaften, die Dachorganisation Trades Union Congress (TUC) aber ist ohnmächtig und ohne viel Einfluß auf die Mitgliedsverbände -- mächtiger freilich gegen die Regierung.
1969 zwang der TUC den Labour-Premier, eine Gesetzesvorlage fallenzulassen, die Macht und Einfluß der Gewerkschaften eindämmen sollte. Dabei hatte der Chef der von den Gewerkschaften gegründeten Sozialistenpartei die Annahme des Gesetzes als "wesentlich" für das Verbleiben seiner Regierung im Amt erklärt.
Gegen die Konservativen kämpften die Gewerkschaften noch wütender. 1972 gingen fast 24 Millionen Arbeitstage verloren, mehr als jemals seit dem Generalstreik von 1926.
Die Regierung bekämpfte die Streikwut mit einem Arbeitsgesetz, das nicht nur sogenannte Abkühlungspausen und Urabstimmungen vor Streiks vorschreibt.
Schließlich legte Heath ein Anti-Inflations-Gesetz vor, in dem er den Gewerkschaften für unbestimmte Zeit das Recht auf freie kollektive Lohnverhandlungen nahm. Geldstrafen drohen jedem Gewerkschafter, der extreme Lohnzuschläge erzwingen will.
Die Maßnahmen der Regierung verhärteten die Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Unternehmern noch, die ohnedies in kaum einem anderen Land noch so stark von Vorurteilen und Mißtrauen beherrscht werden wie in England.
Die schlechten Arbeitsbeziehungen sind nicht zuletzt Ergebnis mangelhafter Leistungsfähigkeit der britischen Industrie, so wie sie umgekehrt wiederum die Ineffizienz der Wirtschaft verschlimmern.
Hilflos sahen die Briten zu, wie in den letzten 25 Jahren die einst stärkste Industriemacht der Welt zum Industrie-Invaliden verkrüppelte. Liberalen-Chef Thorpe: "Wenn die Weigerung, Überstunden zu leisten, den Kollaps der Industrie bedeutet und die ganze Nation bedroht, ist das ein deprimierendes Symptom für den Zustand dieser Industrie."
Als Großbritannien mit den Kolonien seine billigen Rohstoffquellen und sicheren Absatzmärkte verlor, überholten -- gemessen am Bruttosozialprodukt je Einwohner -- Deutsche, Franzosen, Holländer und Belgier und schließlich die Japaner die Briten, die einmal die bei weitem reichste Nation der Erde gewesen waren.
Wie immer Englands Regierungen, ob konservativ oder sozialistisch, die Wirtschaft aus der Talfahrt zu reißen suchten, stets gerieten sie in die gleiche Sackgasse: Schaltete die Regierung auf Wachstum, liefen ihr die Preise davon, und die Zahlungsbilanz fiel ins Defizit. Bremste sie dann die binnenwirtschaftliche Entwicklung, um die Importe zu drosseln und Löhne und Preise zu drücken, stoppte sie damit zugleich die Investitionslust der Unternehmer und würgte das Wachstum ab.
Englands Wirtschaftsstrategen beschränkten sich darauf, lieber einmal mehr kurzfristige Notmaßnahmen zu ergreifen, als die langfristigen Ursachen der sich häufenden Krisen zu erkennen.
Großbritannien werde 1985 pro Kopf nur noch ein halb so großes Bruttosozialprodukt wie die Westdeutschen oder Franzosen erwirtschaften, warnte unlängst Heath-Berater Lord Rothschild, "wenn die Engländer nicht aufhören zu glauben, ihr Land sei eine der vermögendsten, einflußreichsten Nationen der Welt -- kurz: zu glauben. daß Königin Viktoria noch regiert". Unternehmer warten auf das Wirtschaftswunder.
Dieser Glaube war es im Grunde, der die überfällige Modernisierung der britischen Wirtschaft verhinderte. Zwar stehen einige der größten und leistungsfähigsten Unternehmen Europas in Großbritannien, etwa der Chemiegigant Imperial Chemical Industries (ICI), der Lebensmittel- und Waschpulverriese Unilever und der Ölkoloß BP. Von den 20 größten europäischen Firmen sind sechs britisch. Im Flugzeugbau, bei der Turbinenentwicklung und in der Computer-Industrie gehören englische Unternehmen zur Weltspitzenklasse.
Aber stärker als in jedem anderen Industrieland ist der Produktionsapparat der Firmen veraltet, ist Herkunft für die Besetzung von Managerposten wichtiger als Qualifikation. "Wir haben es zugelassen", klagt British-Airways-Chef David Nicolson, "daß diese schrecklichen sozialen Kasten unser ganzes System vergiftet haben."
Bis vor einem Jahr ausgesperrt vom Gemeinsamen Markt und mithin ohne scharfen Wettbewerbsdruck, warteten Englands Unternehmer auf ein Wirtschaftswunder, mochten aber selbst nichts unternehmen. Jahrelang investierten sie weniger in Maschinen und Anlagen als ihre Kollegen auf dem Kontinent. 1971 gaben die Briten im eigenen Land 7,6 Prozent weniger für Maschinen und Anlagen aus als 1970. Für 1972 stieg das Investitionsminus auf weitere 12 Prozent.
Statt auf der Insel zu investieren, suchten die Firmen ihre Zukunft auf dem Kontinent. In der Hoffnung auf höhere Gewinne legten sie allein 1972 rund 200 Millionen Pfund in der EG an, etwa das Dreifache der Investitionen von 1970, Weit über sechs Milliarden Pfund, so schätzen Experten, steckten die Briten in den letzten Jahren in hochspekulative Grundstücksgeschäfte jenseits des Kanals, die Rekordprofite versprachen.
Die Folge: Großbritannien hat von allen Industriestaaten den geringsten Kapitaleinsatz je Beschäftigten. Nur etwa 38 Prozent aller Werkzeugmaschinen sind weniger als zehn Jahre alt -- gegenüber 56 Prozent in Westdeutschland. 62 Prozent in Japan.
Entsprechend gering ist die Produktivität: Mit mehr Arbeitsaufwand werden weniger Güter produziert als bei der ausländischen Konkurrenz.
20 Milliarden Pfund -- etwa soviel wie die gesamten Bonner Staatsausgaben 1974 -- mußten die Briten noch in diesem Jahrzehnt ausgeben, so glauben Experten, wenn sie ihre Industrie wettbewerbsfähig machen wollen.
Was sie selber versäumten, sollen die Kontinentaleuropäer -- allen voran die Westdeutschen -- nun teilweise wettmachen: Aus dem geplanten EG-Regionalfonds zur Unterstützung rückständiger Gebiete will England Milliarden-Spenden kassieren; nach Ermittlungen der Brüsseler EG-Kommission ist das halbe Territorium der einstigen Weltmacht England mit 36 Prozent seiner Bevölkerung unterentwickelt.
Ökonomen wie der Cambridge-Professor Nicholas Kaldor hielten bereits vor Englands EWG-Beitritt die Wirtschaft des Landes für zu schwach, als daß die dem Wettbewerbsdruck einer erweiterten Gemeinschaft standhalten könnte. Und tatsächlich profitierten die Konkurrenten vom Kontinent mit einem Exportplus nach Großbritannien von 44 Prozent vom größeren Markt. Die Engländer hingegen lieferten nur 32 Prozent mehr Güter in die Gemeinschaft als im Jahr zuvor. Die schlechtest bezahlten Arbeiter Europas.
Entsetzt mußte Schatzkanzler Barber kurz vor Jahresschluß erkennen, daß in der Handelsbilanz eine Rekordlücke von weit über einer Milliarde Pfund klaffte. Die Briten hatten offenbar wieder einmal über ihre Verhältnisse gelebt.
"Wir können uns nur den Lebensstandard leisten, den wir uns verdienen", hielt das Massenblatt "Daily Express" den Insulanern vor, "offenbar machen wir nicht mehr das Geld, das wir brauchen, um in der Art zu leben, an die wir uns gewöhnt hatten."
Dabei ist die Lebensart von Millionen Briten bescheiden genug. In Großbritanniens unterentwickelten Gebieten leben die am niedrigsten bezahlten Arbeiter Westeuropas: in Nordengland, Schottland und Wales. Ihre Löhne liegen im Durchschnitt um 25 Prozent unter den vergleichbaren Verdiensten in den kontinentalen EG-Ländern. Nur die Einkommen in London und Südost-England liegen über dem Durchschnitt der Gemeinschaft, nur die Italiener und Iren sind im Europa der Neun schlechter dran als die Briten.
Der am schlechtesten bezahlte Ruhrkumpel hat immerhin einen Grundlohn von rund 220 Mark in der Woche, der britische Untertagearbeiter hingegen nur etwa 170 Mark. Allerdings: Viele Grundnahrungsmittel kaufen die Briten erheblich billiger als die Westdeutschen. Butter beispielsweise ist in der Bundesrepublik mehr als dreimal so teuer wie in Großbritannien, Milch kostet in Deutschland beinahe das Doppelte, Mischbrot ist um rund ein Drittel teurer (siehe Graphik Seite 62).
Mit einem Bruttosozialprodukt von 9240 Mark je Einwohner rangierte England 1972 an siebter Stelle auf der EG-Liste (Bundesrepublik mit 13 345 Mark hinter Dänemark auf Platz zwei).
Was sich Englands Arbeitnehmer in den letzten Jahren an Lohn hinzuerstritten, wurde zu einem größeren Teil als in anderen Ländern durch die steigenden Preise wieder aufgezehrt. Von 1968 bis Mitte 1972 erhöhte sich die Kaufkraft des Inhalts ihrer Lohntüten um magere acht Prozent, Westdeutschlands Arbeitnehmer hingegen hatten ein reales Lohnplus von 26, Franzosen und Holländer von 17 Prozent.
Denn dank der in England nur mühsam wachsenden Produktivität schlugen Lohnerhöhungen viel stärker auf die Preise durch als in den Partnerstaaten. Der Geldschwund wiederum zwang die Gewerkschaftsbosse, sich auf immer höhere Lohnziele einzuschießen.
Premier Heath hatte zunächst geglaubt, die marode Wirtschaft mit einem Kurrezept aus dem 19. Jahrhundert heilen zu können. Im Gegensatz zu Wilson, der die wirtschaftliche Prosperität mit staatlichem Dirigismus hatte erzwingen wollen, setzte er auf Laisser-faire. Er kappte Staatsausgaben, strich Subventionen und senkte die Steuern. Er gelobte, sogenannte "lahme Enten", unrentable Betriebe, notfalls auch untergehen zu lassen.
Er trimmte dann die Wirtschaft immerhin so weit auf Wachstum, daß die Arbeitslosenzahl, die nach seiner Amtsübernahme zunächst auf fast eine Million geklettert war, kontinuierlich fiel (im vorigen Dezember rund 513 000).
Doch die Inflation erreichte, schließlich ein Ausmaß, das "nicht mehr vertretbar" (Heath) war. Der Premier zog die Notbremse: Im Herbst 1972 verhängte er einen Lohn- und Preisstopp. Fünf Monate später verkündete er "Phase zwei": statt des totalen Stopps staatliche Preis- und Gewinnkontrollen. Leitlinien sollen die Lohnerhöhungen dämpfen: nicht mehr als acht Prozent. Durch "Phase drei", im vorigen November verkündet, wurde die Kontrolle der Preise massiv verschärft, die der Löhne zugleich gelockert. Fast vier Millionen Beschäftigte beugten sich dem Lohn-Limit von sieben bis acht Prozent.
Als dann Arabiens Öl-Herren die Hähne zudrehten, schien England wenig Gefahr zu drohen: Die Araber stuften ihre Ex-Kolonialherren als "befreundetes Land" ein. Dennoch schlug die Ölkrise auf der Insel stärker durch als selbst im "Feind"-Land Holland.
Denn die Bergarbeiter nutzten die Gunst der Stunde, die Arabien ihnen bescherte und verknappten die Kohle. Die Eisenbahner hängten sich an -- England landete jählings in seiner "schwersten Krise seit dem Krieg", so Schatzkanzler Barber. Sie war anders als alle vorherigen, "auch wenn wir es nicht gleich begriffen hatten" (Foot).
Viele Engländer haben noch nicht begriffen. Während die einen dem Stillstand ihres Industriestaats so gelassen entgegensehen wie Archimedes dem Untergang von Syrakus, kaprizieren sich die anderen darauf, sich die eigene Einzigartigkeit zu bestätigen. "England ist immer noch das beste Land, in dem es sich zu leben lohnt, und wird es auch bleiben", hämmerte der linke "Daily Mirror" zu Beginn der Krise seinen mehr als zehn Millionen Lesern ein.
"Dies ist ein herzwärmendes, ein lange ersehntes Buch", gratulierte der konservative Schatzkanzler Anthony Barber zwei "Daily Express"-Redakteuren zu ihrem Buch "The British Genius", in dem sie die Größe des Vaterlandes preisen, allen Pessimisten, allen Zweiflern zum Trotz: "In einer Zeit überschwappender Gewalt und Intoleranz ist England immer noch das zivilisierteste Land, in dem man leben kann. In Miltons Worten: "Laßt England nicht seine Berufung vergessen, die Nationen zu lehren, wie man lebt."
Sieht man von Dunkelheit, Streiks, Arbeitslosen, Drei-Tage-Woche ab, ist das Paradies oberflächlich noch in Ordnung. Englands Adel hält sich noch 600 Butler, 300 000 Menschen gehen auf der Insel dem Beruf eines Dieners, Chauffeurs und Gärtners nach.
Ungebrochen läßt Old England Fremde, die so verwegen sind, es zu besuchen, noch seine Verachtung spüren -- sie sind die "others", die "anderen". Englands Reiche verfügen auch zu Zeiten englischen Abstiegs noch über Auslandsvermögen von geschätzten 120 Milliarden Mark, mehr als jede andere Oberklasse, ausgenommen die Amerikas.
Acht Prozent englische Kinder haben Eltern, die bis zu 6000 Mark Schulgeld im Jahr bezahlen können, damit die Sprößlinge über die vornehmen "public schools" Spitzenbeamte, Vorstandsmitglieder und Generäle werden, so wie es in der glorreichen Vergangenheit war.
Die Vergangenheit läßt denn auch hoffen, Untergangs-Stimmung war großen Briten nicht fremd geblieben. Hatte nicht Wellington auf dem Todesbett geseufzt: "Ich danke Gott, daß es mir erspart bleibt, den Ruin zu erleben, der sich bereits abzeichnet"? Hatte nicht der große Disraeli 1849 "die Lage von Industrie. Handel und Landwirtschaft hoffnungslos" gesehen?
Und doch -- wenn sie von Bord ihrer Insel gehen, spüren die Briten den Wandel der Zeit. Auf dem Kontinent fühlen sie sich "als Europas neue Arme" ("Daily Express") gedemütigt. Einstige Insignien wie Pfund, Rolls-Royce und Fußball gelten nichts mehr. "Die Leute in den billigsten Absteigen, die in den Schnellimbissen. die in Schlafsäcken am Strand, das sind heute die Engländer", schauderte einen Briten, der seine Ferien in Frankreich verbracht hatte.
Spott fiel auf England. US-Kolumnist Russell Baker empfiehlt den Bewohnern der Insel, sich nach neuen Siedlern umzusehen, die noch jene "Energie und jenen Enthusiasmus haben, die man für solch ein Land braucht" -- etwa die Israelis. Ugandas Boxer-Premier Idi Amin rief voll Hohn für das notleidende einstige Mutterland zu einer Spenden-Sammlung auf, stiftete selbst 3000 Pfund und bot der Ex-Weltmacht Bananen an. Und schrille Töne sind, wenn auch nur peripher, erstmals selbst auf der Insel zu hören. Mick McGahey, Vize-Chef der Bergarbeiter, drohte: "Wir wollen keine Verhandlungen in der Downing Street, sondern Massen in den Straßen dieses Landes, um die Regierung zu stürzen."
Erstmals seit einem halben Jahrhundert, vermutet der Publizist Peregrine Worsthorne, beginnt das Establishment die -- wohl gar nicht bestehende -- Gefahr revolutionärer Subversion ernst zu nehmen. Parlamentarier sorgen sich, daß arbeitslose Massen ihre Wut gegen farbige Mitbürger wenden könnten. Der "Spectator" wollte einen Militärputsch schon nicht mehr ausschließen, der "Mirror" nur noch mit 99 Prozent.
Die Parteien denken an Neuwahlen. Heath hofft, mit seinem harten Stand gegen die Gewerkschaften Sympathie und Stimmen zu sammeln -- doch Neuwahlen würden keines der britischen Probleme lösen.
Trotz allem haben Regierung und Gewerkschaften die Freude am traditionellen Merry-go-round noch nicht verloren: Englands zweitgrößte Gewerkschaft. die "Amalgamated Union of Engineering Workers" (1,2 Millionen Mitglieder) verlangt Lohnerhöhungen bis zu 50 Prozent -- und will dafür streiken, sobald die Drei-Tage-Woche aufgehoben wird.
Schließlich machen sich britische Unternehmer schon Sorgen, ob die staatlich verordnete Drei-Tage-Woche den britischen Arbeitern nicht so gut gefällt. daß sie diese behalten wollen -- und notfalls dafür streiken.

DER SPIEGEL 3/1974
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