14.01.1974

FERNSEHENRecken wie ein Hampelmann

Nach der progressiven Vorschulserie „Rappelkiste“, deren erste Staffel nächsten Sonntag ausläuft, zeigt das ZDF Konservatives: die Kleinkinder-Reihe „Kli-Kla-Klawitter“.
Einer jungen Mutter in Mönchengladbach "verschlug es die Sprache, auch einer Frau Therese in Ennepetal "fehlten die Worte". Dafür sagte es ein Berliner Professor um so deutlicher: Das ZDF, so protestierte er beim Kollegen Holzamer, betreibe "die gezielte Manipulation wehrloser Kinder".
Der Erzieher-Zorn galt weder "Schweinchen Dick" noch "Paulchen Panther" -- eine Vorschul-Serie war's, die verstörte und empörte. Denn wenn in den vergangenen 16 Wochen sonntags um zwei bei Einschaltquoten von 24 bis 27 Prozent die "Rappelkiste" aufging, dann gab sich Holzamers Medium so progressiv, daß schon Zweifel aufkamen: War Mainz noch Mainz?
Aus Magazin-Mischungen von Spots, Grotesken, Zeichentrick- und Realfilm-Geschichten erfuhren da beispielsweise die Kleinen, daß auch Vatis nicht ohne Fehl, auch Muttis bisweilen schlimm und auch Kinder manchmal im Recht sind.
Sie wurden belehrt, daß man über Befehle ebenso nachdenken muß wie über Besitz und Macht. Und nach der frohen Kunde, daß Jungen einen "Pimmel" und Mädchen eine "Muschi" haben, animierten die Puppen Ratz und Rübe mit Songs, die vernehmbar nach Revolutionsliedern klangen.
"Emanzipatorische Erziehung", so hieß das Bildungsgut der von drei Redakteuren und rund 100 Sozialpädagogen, Autoren und Filmemachern realisierten Serie. mit der endlich auch das ZDF ein kleines, doch anspruchsvolles Gegenmodell zur riesigen "Sesamstraße" auf den Bildschirm brachte.
Die "Rappelkiste", informierte "Rappelkisten"-Redakteur Elmar Lorey, solle ihren kleinen Zuschauern "kindliche Konflikte" zeigen und sie "zu selbstbestimmtem und sozialverantwortlichem Handeln ermutigen". Die "Rappelkiste", bestätigte Loreys Abteilungschef Ingo Hermann vom ZDF-Ressort Bildung und Erziehung, ziele "auf mehr Autonomie und Demokratie hin".
Verständlich, daß solche Botschaften auch innerhalb der Mainzer Anstalt schwere Gewissenskonflikte heraufbeschworen. Während die "Zeit" das "Rappelkisten"-Programm als "vorbildliche IV-Vorschulpraxis", ja sogar als "Vorschul-Fernseh-Wunder" rühmte, hörte Dr. Paul Schmidle, Caritas-Vertreter im ZDF-Fernsehrat" einen "unglaublichen Aufruf zum Klassenkampf" aus ihm heraus.
Auch ZDF-Chefredakteur Rudolf Woller überlegt "manchmal beim Betrachten von Kindersendungen", warum dort schon die Kleinsten des Landes "mit unerbittlichem Ernst" zur "politischen Pressure-Group herangebildet werden sollen" -- so jedenfalls klagte er gegen Unbekannt im vergangenen Oktober während der "Mainzer Tage der Fernsehkritik" im Hotel Hilton, wo 451 Programmemacher, Medienforscher, Pädagogen. Soziologen, Fernsehautoren und Journalisten in Referaten und Disputen ein weiteres Mal ihre Ratlosigkeit übers Tagungsthema "Kinder vor dem Bildschirm" kundtaten.
Und selbstverständlich betrachtet Intendant Holzamer, obwohl er der Serie sein Plazet gab, die "Rappelkiste" mit ähnlicher Skepsis. Dem alten Pädagogen paßt nämlich die ganze moderne, die "antiautoritäre" Pädagogik nicht: Er sieht in ihr "eine zweite Aufklärung, die noch schlimmer als die erste" sei -- als jene Geistesbewegung des 18. Jahrhunderts demnach, die Kant als "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" pries.
So offenbart sich denn der bundesweite TV- Vorschul-Streit um bildungspolitische Konzeptionen, um die Priorität von Unterhaltungswerten oder Verhaltensmustern, um den Vorrang "kognitiver" oder "sozialer" Lernziele noch einmal im verkleinerten Mainzer Maßstab -- und dies um so exemplarischer, als das ZDF, doppelt eifrig nach sündhaft langen "Lassie"- und "Flipper"-Jahren, ja noch ein zweites Kleinkinderprogramm zu bieten hat.
Denn am kommenden Sonntag (Wiederholungen Mittwoch, 16.30 Uhr, und Freitag, 10.30 Uhr) demonstrieren Ratz und Rübe, die Zeichentrick-"Millis" und die Plastilin-"Ompis" zum 17. und vorläufig letzten Mal ihre "Parteinahme für den jungen Zuschauer" (Hermann). Dann bleibt die "Rappelkiste", die nach Meinung des Hildesheimer Medien-Professors Heribert Heinrichs für Kinder "zupackender, anregender und mitreißender ist als die 'Sesamstraße'", bis Oktober 1974 zu -- Loreys Revolution entläßt ihre Kinder.
Sie entläßt sie in eine 13teilige Vorschulserie namens "Kli-Kla-Klawitter" (Start: 27. Januar, 13.55 Uhr), die für eines mit Gewißheit bürgt: Sie ist garantiert harmlos.
Da grüßen als Plüschmarionetten aus einem abgewrackten "Knallroten Autobus" "der lustige, siebengescheite Hase" Klicker, "der unermüdlich sammelnde Bastler" Klamotte und die Schildkröten-Oma Elvira Klawitter, die laut ZDF-Pressemitteilung "mit bedachtsamer Ausdauer am längsten Strumpf der Welt strickt".
Die Plastilin-Puppen Teddy und Freddy liefern ein Duett. Vier "Wilde Männer" aus Cineplast sind nett zueinander. Ein Zeichentrick-Känguruh spielt mit Buchstaben. Ein Jungschauspieler, der durch die Serie führt (Wolfgang Jansen), gibt sich infantil. Und inmitten folgsam hopsender Studio-Kinder singen mal Mary Roos, mal Peter Kraus das geistesschwache Trimm-dich-Lied vom ABC:
Recken, strecken, Arme hoch, etwas höher geht es noch. Recken wie ein Hampelmann, wie ein bunter Strampelmann.
"Kli-Kla-Klawitter", versichert die ZDF-Presseabteilung, bemühe sich um "eine umfassende Sensibilisierung des kindlichen Bewußtseins", um "das Aufzeigen von Umweltzusammenhängen im Erfahrungsbereich der Kinder".
Doch die Realität, die den kleinen Hampelmännern in den 13 Folgen etwa zum Thema "Haus", "Werkstatt", "Straßenverkehr", "Spielplatz" und "Baustelle" vor Augen geführt wird, ist karg bemessen, und ins kindliche Bewußtsein rückt allenfalls ein gemütliches Biedermeier: Wenn Mutter schimpft, dann tut sie es lieb; wenn das Thema "Fabrik" auf dem Programm steht, dann geht es folgerichtig um die Manufaktur von Gartenzwergen.
Dennoch hält Ingo Hermann, unter dessen Obhut die "Rappelkiste" entstand, auch "Kli-Kla-Klawitter" für passabel. Die Serie, sagt er, sei zwar nur "gefällige Konfektion". Aber "verantwortbar" sei sie doch, um so eher, "als niemand so ganz weiß, wie ein gutes Vorschul-Programm aussehen soll".
Was soll er auch anderes sagen? Schließlich ist er als Koordinator sowohl für die in seiner Abteilung gezimmerte "Rappelkiste" wie für die Auftragsproduktion "Kli-Kla-Klawitter" verantwortlich. Und er ist schon ganz zufrieden, daß die "KKK"-Serie, die anfangs den Namen "Der knallrote Autobus" trug, nicht das einzige ZDF-Vorschulprojekt geblieben ist.
So nämlich war es ursprünglich geplant -- sehr zum Wohlgefallen der marktbeherrschenden Münchner Filmvertriebsfirma "Beta", deren Dienste das ZDF schon immer mit Vorliebe in Anspruch genommen hat.
Denn auch die "Beta" hatte, beflügelt von der weltweiten "Sesamstraßen"-Euphorie, das Kleinkind entdeckt, und gern hätte sie auch die "Sesamstraße" fürs ZDF eingekauft. Nur: Der NDR schnappte ihr die Beute weg. Doch die "Beta" hatte noch eine kühnere Idee: Gemeinsam mit der Pariser Firma "Knowledge International Marketing" sollte die "Beta"-Tochter "Taurus" das großeuropäische TV-Vorschul- und Anti-"Sesamstraßen"-Modell entwerfen. Titel des Projekts: "Le Jardin Magique" (Der Zaubergarten), deutscher Titel: "Der knallrote Autobus"; "Beta"-Planungskosten: eine Million Mark.
Vorgesehen war die Produktion von Puppen- und Zeichentrick-Teilen, die in den einzelnen europäischen Ländern nach Belieben mit national-spezifischen Realfilm-Geschichten angereichert werden konnten.
Die Leitung der bundesrepublikanischen "Autobus"-Planung. für die von der Münchner Filmproduktionsfirma "TV-60" deutsche Real-Teile hergestellt wurden, hatte ein "Beta"- Mann, der inzwischen als ZDF-Abteilungsleiter Dienst tut: der Kinderprogramm-Experte und Kinderbuch-Autor Josef Göhlen ("Bill Bo und seine sechs Kumpane").
Aber gesamteuropäische Planungen sind riskant, auch beim Fernsehen. Das ehrgeizige Projekt fand allenthalben kein Interesse. Nur das "Beta"-hörige ZDF machte mit -- halbherzig. Auf den "Knallroten Autobus" allein nämlich mochte es dann doch nicht bauen. Die weisen Mainzer Herren gaben sowohl "Rappelkisten"- als auch "Autobus"-Piloten in Auftrag und entschieden sich nach Inspektion beider Muster für beides.
Der bereitgestellte ZDF-Vorschul-Etat von fünf Millionen Mark wurde geteilt: 2,2 Millionen bekam die "Rappelkiste", 2,8 Millionen der "Knallrote Autobus". Göhlens "Autobus" -Team -und das konnte der "Beta" noch weniger recht sein -- erhielt zudem die Auflage. die "Jardin Magique"-Portionen stark zu reduzieren. Resultat: Von den "Zaubergarten"-Früchten" die "Beta/Taurus" so teuer erkauft hatte, sind in den endgültigen sechseinhalb "Kli-Kla-Klawitter"-Stunden nur noch acht Minuten und fünfzig Sekunden übrig.
Was der "Beta" bleibt, das sind die Neben- und Auslandsrechte an einer nun nahezu rein deutschen Serie. Von deren Vermarktung jedoch ist kaum noch das einst erhoffte große Kleinkinder-Geschäft zu erwarten. "Es gibt", so verrät die Göhlen-Schülerin und "KKK"-Autorin Andrea Wagner, "ein Projekt, bei dem man in der 'Beta' ganz allergisch wird, wenn man nur den Namen hört: Es heißt 'Kli-Kla-Klawitter'."
Mittlerweile bereiten die Teams von "Rappelkiste" (für 2,4 Millionen Mark> und "Kli-Kla-Klawitter" (für 2,6 Millionen Mark) ihre zweite Sende-Staffel vor. Ab Oktober sollen 20 neue "Rappelkisten" wieder Revolution machen eine gemäßigtere freilich.
Der anfangs so renitente ZDF-Fernsehrat, versichert Hermann, habe inzwischen "Richtung und Ziele der 'Rappelkiste' grundsätzlich gebilligt. Desungeachtet wurden Empfehlungen gegeben, die darauf hinauslaufen, daß das Programm etwas leichter, etwas heiterer wird" -- "Rappelkiste" ohne Pimmel.

DER SPIEGEL 3/1974
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