26.11.1973

BIOGRAPHIENWie ein Pfirsich Melba

Im Buch „Porträt einer Ehen enthüllt der Engländer Nigel Nicolson das ungewöhnliche Liebesleben seiner berühmten Eltern: Vater Harold, Diplomat, und Mutter Vita, Autorin, waren (auch) gleichgeschlechtlich aktiv.
Violet lag im purpurroten Samtkleid auf dem Sofa. "Sie nahm meine Hände, spreizte die Finger und zählte sie an den Spitzen ab. Sie sagte mir, warum sie mich liebe ... sie zog mich zu sich herunter, bis ich sie küßte."
So begann die stürmische Liebesaffäre zwischen der 26jährigen englischen Schriftstellerin Victoria ("Vita") Sackville-West und der 24jährigen Violet Keppel, Tochter einer Mätresse des Königs Edward VII. Die beiden Freundinnen waren -- im Weltkriegsjahr 1918 -- schöne Blüten der englischen Hocharistokratie. Aber während Violet damals noch ledig war, war Vita schon verheiratet: mit dem jungen Diplomaten (und späteren Schriftsteller) Harold Nicolson; auf dem Landsitz bei London, wo sich die Damen küßten, schliefen auch Vitas kleine Söhne Ben und Nigel.
Nigel Nicolson, heute 56, fand die autobiographischen Aufzeichnungen seiner Mutter über ihr dreijähriges Abenteuer mit Violet Keppel im Turmzimmer des Familien-Sitzes Schloß Sissinghurst nach Vitas Tod vor elf Jahren. Doch erst jetzt, nachdem Vater Harold (Nigel bearbeitete auch dessen "Tagebücher und Briefe") und auch Violet gestorben sind, hat der Sohn Mutters Beichte veröffentlicht -- mit zusätzlichen Familien-Interna zum "Portrait of a Marriage" aufgepolstert.
Das Eheporträt, erschienen im Londoner Verlag Weidenfeld and Nicolson (Mitinhaber: Nigel Nicolson), wird von englischen und amerikanischen Lesern gierig verschlungen: Die an erotischen Enthüllungen gewiß nicht arme zeitgenössische Literatur war doch mit authentischen lesbischen Details bislang noch ein wenig unterversorgt.
"Alle Feminität hat Harold in mir geweckt", so schreibt Vita Sackville-West in ihrem intimen Journal, "aber im übrigen waren meine Neigungen völlig anders:
Obwohl schon die 19jährige Vita mit einer adligen Ro-
* Mit Vita-Freundin Rosamund.
samund im Bett ertappt worden war (die Gouvernante, besorgt: "Denkt an eure illustren Namen!"), entbrannte sie erst richtig an Violet Keppel. Nach dem ersten Rendezvous verkleidet sich die junge Lady als junger Mann und strolcht mit der Geliebten nachts durch London.
"Einmal", so berichtet sie über einen besonders "kühnen" Abend, "fuhr ich mit Violet im Taxi bis Hyde Park Corner." Von dort schlendert die verkleidete Vita allein in Richtung Piccadilly, läßt sich stolz von einem Zeitungsverkäufer mit "Sir" anreden und genießt bewundernde Frauenblicke. Dann trifft sie Violet wieder und nächtigt mit ihr in einem Vorstadt-Hotel, wo sie die Freundin als "meine Frau" ausgibt. Am Morgen danach fahren sie zum Schloß der Sackvilles. und im Pferdestall zieht Vita sich wieder um.
Die Scharaden gefallen den Damen so gut, daß sie solche Spiele auch in Paris ausprobieren. Sie mieten sich eine elegante Wohnung im Palais Royal. "Dort fiel uns das Verkleiden leicht", schreibt Vita, "Violet nannte mich "Julian", wir dinierten jeden Abend im Restaurant und gingen ins Theater. Noch nie hatte ich mich so frei gefühlt."
Unheil droht dem Paar jedoch bald von einem blonden, blauäugigen Denys Trefusis, der sich mit Violet verloben will. "Ich hätte die Verlobung verhindern können", so Vita, "aber wir dachten, wir hätten dann mehr Freiheiten, und Denys hatte versprochen, Violet zu ihren Bedingungen zu heiraten -- das heißt: nur brüderliche Beziehungen: So erhört sie nicht Violets Flehen "Flieh, flieh, flieh mit mir!" und gibt den Plan, mit der Geliebten einen Tag vor deren Hochzeit fortzulaufen, wieder auf.
An Violets Hochzeitstag flüchtet sich Vita in die Arme ihres Gatten Harold, der gerade an der Pariser Friedenskonferenz teilnimmt. "Während der Affäre", so erläutert Nigel Nicolson die Umstände, "hatte mein Vater täglichen Kontakt zu Lloyd George, Clemenceau, Präsident Wilson und Balfour."
Denn natürlich war Harold Nicolson mittlerweile über die Gefühle seiner Frau völlig aufgeklärt. Trotzdem schrieb er ihr täglich und apostrophierte Violet nur einmal als "deine dreckige kleine Freundin", während Vitas Mutter sie schlicht "diese Viper" nannte. "ich bin nur ein nutzloser, unromantischer Ehemann", klagte er sanft, "ich hasse Violet nicht, so wenig wie ich das Opium hassen könnte, wenn du es nehmen würdest." Seinen Gemütszustand beschrieb er ihr so: "Mein Herz fühlt sich an wie ein Pfirsich Melba."
Harold Nicolsons Milde beruhte, wie nun vom Sohn Nigel zu erfahren ist, auf seinem eigenen Hang zur Homosexualität. Der Ehe waren nur fünf intime Jahre beschert gewesen, und schon vor der Affäre mit Violet hatte sich Vita bei ihrer Mutter über Harolds Kälte beklagt. "Mein Vater", erklärt Nigel Nicolson, "war niemals ein leidenschaftlicher Liebhaber. Sex war für ihn so zufällig und angenehm wie ein Museumsbesuch zwischen zwei Zügen."
Der Höhepunkt von Vitas Beichte ist damit indes noch nicht erreicht. Denn die Hochzeitsreise führt die frisch vermählte Violet Trefusis nach Paris und gleich wieder in Vitas Arme. Die Schriftstellerin erinnert sich: "Denys schluchzte im Nebenzimmer."
Erst recht dramatisch wird es ein Jahr später. Die Freundinnen beschließen, endgültig durchzubrennen, und Violet hat auch schon das Geld für einen Hauskauf auf Sizilien in der Handtasche. Aber sie kommen nur bis ins "Hôtel du Rhin" in Amiens dort holt sie zunächst Violets Vater ein, der Oberst Keppel, und bewacht sie bis zur Ankunft der alarmierten Ehemänner, die in einer zweisitzigen Privatmaschine herbeifliegen. Nach heftigen Diskussionen, bei denen beide Damen beiden Gatten ihre Abneigung bekunden, landet der diplomatisch versierte Harold einen Tiefschlag: "Glaubst du", fragt er Vita, "daß Violet dir so treu ist, wie sie behauptet? Denys jedenfalls hat deiner Mutter eine andere Geschichte erzählt."
"Ich dachte, ich werde wahnsinnig", schreit Vita in ihr Notizbuch. Sie stürzte hinaus, traf Denys und fragte ihn: "Bist du jemals richtig mit Violet verheiratet gewesen?" Denys: "Ich kann diese Frage nicht beantworten." Später versichert ihr Violet, daß es in einer Nacht mit Denys zwar weit, aber nicht bis zum Letzten gekommen sei -- Vita "hätte vor Erleichterung weinen können".
Obwohl Vita und Violet noch lange verliebte Reisen unternahmen, löste sich ihre Beziehung im Jahr darauf. "Meine Mutter". schreibt Sohn Nigel, "war physisch mehr von Frauen als von Männern angezogen. Der "normale Geschlechtsakt wurde ihr widerlich." Und er fährt in seinen Enthüllungen fort: "Meine Eltern suchten gleichzeitig, und ohne daß es ihre Liebe zueinander belastete, Vergnügungen mit Leuten vom gleichen Geschlecht."
Belde Nicolsons luden ihre jeweiligen Partner zum Wochenende ein und plauderten offen zu viert am Kamin. "Es war ein Glück", sagt der Sohn, "daß beide so veranlagt waren ... In der Ehe meiner Eltern gab es das Bett nicht mehr, aber beide fanden als Schriftsteller unendliches Vergnügen daran, ihre Gefühle zu analysieren."
Vitas Gefühle loderten mit 30 Jahren noch einmal -- für die 40jährige Schriftstellerin Virginia Woolf. Wenn das Ehepaar Woolf die Nicolsons besuchte, hockte Vita zu Füßen Virginias und ließ sich von ihr das Haar kraulen. Aber das delikate Befinden der berühmten Kollegin schreckte sie: "Ich bin nur zweimal mit Virginia ins Bett gegangen", berichtete Vita ihrem Harold, "das ist alles, und ich habe tödliche Angst, körperliche Gefühle in ihr zu erwecken, wegen ihres Wahnsinns."
Virginia Woolf verewigte die Freundin in der androgynen Titelfigur ihres Romans "Orlando". Das "Orlando"-Manuskript -- Nigel Nicolson: "Der
* Gemälde von Jacques-Emile Blanche.
charmanteste Liebesbrief der Literatur" -- machte sie Vita zum Geschenk.
Den Vorwurf, er habe mit seinem Eltern-Report eine unverzeihliche Indiskretion begangen (Schriftstellerin Rebecca West: "Er hätte Vitas Tagebuch ins Feuer werfen sollen"), hat der heutige Herr auf Sissinghurst schon vorsorglich zurückgewiesen. Nigel Nicolson im Vorwort zum "Porträt einer Ehe": "Möge der Leser nicht in zehn Minuten eine Entscheidung verdammen, über die ich zehn Jahre lang nachgegrübelt habe."
Und tatsächlich formulierte Vita Nicolson in ihren Violet-Konfessionen schon vor 53 Jahren einige Sätze, die sich nur an neugierig aufgeweckte spätere Leser richten können.
"ich schreibe das nicht zum Spaß" -- schrieb sie etwa, "sondern ... ich bin davon überzeugt, daß sich im Laufe der Jahrhunderte die Geschlechter immer mehr angleichen werden und man Fälle wie meinen nicht mehr unbedingt als unnatürlich ansehen wird." Und: "Es gibt Fälle. in denen die femininen und die maskulinen Elemente in einer Person wechselnd das Übergewicht haben. Ich kann aus intimer Kenntnis sprechen, die ein Wissenschaftler erst nach langen Studien und aufgrund indirekter Informationen erwerben kann. Und die meisten Leute sind doch nie ganz offen. Ich aber kann nichts verbergen." "Vitas Autobiographie", prophezeite denn auch die "New York Times", "wird ein Trost für alle Leute von Vitas Art sein, die sich noch immer verstecken, und sie wird denen, die dafür auf die Straße gehen, als Banner dienen."

DER SPIEGEL 48/1973
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