22.10.1973

Eine Nora namens Jane Fonda

Joseph Loseys Film mit Jane Fonds in der Hauptrolle, der nach den Filmfestspielen von Cannes gerade beim New Yorker Filmfestival mit großer Resonanz lief, kommt in dieser Woche in die deutschen Kinos. Losey nannte den Film ein „genossenschaftliches Abenteuer": Die Darsteller spielten ohne Gage, mit Gewinnbeteiligung.
Es sind ganz klar die Frauen - und im Grunde nur die Frauen -, die Joseph Loseys "Nora" -Verfilmung wirklich sehenswert und aufregend machen: Jane Fonda und Delphine Seyrig, die die weiblichen Hauptrollen spielen, aber eben nicht bloß spielen, sondern praktisch leben, soweit das in dem beklemmend altmodischen Kino, das Joseph Losey macht, möglich ist. Was dagegen die vielen Männer, die mit und in diesem Film zu tun haben, bringen, ist meistens entnervend verkrampftes und gekünsteltes Getue und Gerede. Sobald Männer und vor allem wenn nur Männer im Bild sind, geht der Film gegen die Sinne. Er wird dann einfach langweilig und tranig.
Die blanke, zügige, eigensinnige schauspielerische Arbeit dieser beiden sehr konkreten Frauen, ihr immer genau sichtbares Engagement und Temperament ohne eine Spur von Eitelkeit, angetrieben von einer seltsam abgeklärten, hellen, durchsichtigen Verbissenheit und einer so lustvollen wie aufgeklärten und dann plötzlich zart aufleuchtenden gebrochenen Professionalität, retten den Film davor, in cinéastisches Kunstgewerbe und männliches Pathos, beides gleich altmodisch wie angestrengt inszeniert, zu versacken.
Diese beiden schillernd souveränen Frauen, deren Physis zunächst mehr zum Begreifen als zum Verlieben anregt, Jane Fonda mit amerikanischem Eifer, naiv bis kokett, Delphine Seyrig mit französischer Übersicht, melancholisch bis rigoros, bringen in dieses von männlichen Unglückseligkeiten und Unfähigkeiten bestimmte norwegische Bürgermelodram eine Sinnlichkeit und Freiheit voller Gegenströmungen, Widerhaken und Überraschungen.
Freilich muß man in der Lage sein. sich auf diese beiden Frauen einzulassen, denn so leicht machen sie es einem in dem verklemmten dramaturgischen Gerüst dieses Films nicht, können sic auch gar nicht. Jane Fonda als Nora ist der Inbegriff einer glücklichen Fehlbesetzung. Sie stößt ab, zieht an, überzeugt nie vollkommen als Nora, aber vollkommen als Jane Fonda.
Daß sie kämpft, vor allem mit Loseys konventionell stilisierender Regie, sieht man; spürt man fast roh. Und die Unterwerfung ebenso wie die Befreiung der Nora ist zugleich die einer Schauspielerin, die zeigen will, zeigen muß, was sie kann, im traditionellen Kino. und dann immer mehr, was sie ist und will, als eine Frau, die mit exzessiver Intensität spielt und arbeitet.
Jane Fonda steigert sich in Noras anfängliche unwürdige Weiblichkeit mit einer Anstrengung hinein, und Losey inszeniert diese Nora auf eine perfide kalte Weise, als sollte geradezu physische Abscheu beim Zuschauer provoziert werden. Dafür wacht und lebt man später, wenn Nora sich selber entdeckt und sich auf ihre Befreiung zubewegt, genauso stark und physisch auf. Es ist ein Abenteuer, wie sich da dann Jane Fonda als immer souveräner und klarer und wagemutiger werdende Nora zeigt, so körperlich wie bewußt wird. Delphine Seyrig als ihre Freundin Kristine ist fast zu übertrieben Musterexemplar einer Frau, die so viel Kraft aus Enttäuschungen und Verzichten gewonnen hat, daß sie schier beängstigend stark und klar jede Situation, auf die es ankommt, scheint durchleiden und schließlich bewältigen zu können. Und auch Nora, so wie sie von Jane Fonda verkörpert wird, zieht sich allzu kühl überlegen aus der vertrackten Lage, in die sie zwischen zwei extrem gegensätzlichen, doch im Grunde gleich festgefahrenen und erschöpften Männern. ihrem Gatten Torvald und ihrem Erpresser Krogstad, geraten ist, denen der Film deprimierend wenig Hoffnung auf Veränderung und Erkenntnis mitgibt.
Die Utopie, so suggeriert der Film, liegt da ganz bei den Frauen. Ihnen, so muß es einem durch sie in Fleisch und Kopf übergehen. gehört die Zukunft. Aber welche, zum Teufel? Und vor allem: auf Grund welcher Vergangenheit, in welchen Verhältnissen? Denn mehr als einen schönen, aber abstrakten Morgenrotschein, den da zwei Schauspielerinnen sehr persönlich materialisieren, vermag Losey nicht zu vermitteln.
So bleibt der beunruhigende Eindruck einer im Grunde vergeblichen Arbeit zweier paktierender Schauspielerinnen, die im falschen Film mit den falschen Männern die richtigen Sachen machen.
Doch letztlich ins Leere, für die Katz, weil für ein moribundes, erstarrtes Kinotheater, das Emanzipation vorspielt. aber selbst nicht realisiert. Das bloß so tut als ob: Weil Joseph Losey es nicht wagte oder einfach nicht verstand, mit seinem Drehbuchautor David Mercer aus Ibsens arg konstruiertem und konfusem Melodram mehr herauszuholen als eine brav-ambitionierte Verfilmung, die zwar mit hübschen Kinobildern bezaubert, mit solidem Handwerk beeindruckt, doch jedes Risiko von Neuerung und Spontaneität scheut.
Damit sind wir bei den Männern, den mal unglückseligsten, mal ungeschicktesten Figuren in diesem Film. Die Schauspieler David Warner, Trevor Howard und Edward Fox ziehen in entsprechend theatralischen Situationen konventionelle und schlaffe theatralische Nummern ab, daß man plötzlich ganz unbegreifliches sentimentales Mitleid mit Männern überhaupt bekommt. Bestehen Männer tatsächlich nur aus solchen falschen Auftritten. trivialen Posen und Effekten, aus solchen eitlen, halbirren Kraft- und Gefühlsfarcen? Hat Joseph Losey wirklich nicht mitgekriegt, daß das Elend der Frauen vor allem, so illuminiert es sogar sein Film, aus dem Elend der Männer resultiert. Aber er läßt merkwürdigerweise seine Männer nur leiden, während die Frauen begreifen. Dieses Leiden der Männer stilisiert er in die private Sackgasse, indem er nicht den geringsten gesellschaftlichen Zusammenhang in seine bloß psychologische Genremalerei zu bringen wagt. Joseph Losey drückt sich vor der aktuellen Wirklichkeit, das ist sein Elend und das des Kunstkinos.
Die Emanzipationsproblematik seiner "Nora" ist bloß nostalgisch. In der Realität ist Noras spezieller Fall schon bewältigt, im Kino freilich nicht. Denn die Frauen. die in solchen Filmen spielen. sind in ihrer Emanzipation schon Meilen weiter als die Männer, die solche Filme machen. Torvald, der Mann Noras. wird von einer Frau verlassen. die weit mehr Möglichkeiten und Freiheiten hat als er, der sich aus seiner privaten Ohnmacht wieder in die öffentliche Macht wird retten müssen. So jedenfalls steht er am Ende in Loseys "Nora" da -- als trauriges, hilfloses Wrack. Ihm, dem Mann, gehört die Praxis, als etwas schon Geordnetes. Ihr, der Frau, gehört die Phantasie, als etwas noch Offenes. Losey zeigt die Trennung, die Abspaltung. Die wie auch immer utopische und imaginäre Verbindung aber von Praxis und Phantasie wäre der einzig wirklich aktuelle und der Sache der Frauen und Männer gerechte Film gewesen.
Von Siegfried Schober

DER SPIEGEL 43/1973
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