12.11.1973

FORSCHUNGMüll Im Gewebe

Den Stoff, der Menschen altern läßt, glauben US-Forscher gefunden zu haben.
Rudolf Virchow gab dem Rätselstoff, von dem seine Zunft damals kaum etwas wußte, einen griechischen Namen.
Amyloid = stärkemehlähnlich -- nannte der Berliner Pathologe die geheimnisvolle Substanz, die ihm bei der Obduktion von Leichen aufgefallen war: Starr, oft bretthart, speckig glänzend und durchscheinend wird Körpergewebe, das damit durchsetzt ist. Vor allem Patienten mit schweren Ernährungsstörungen und Tuberkulose, mit chronischen Eiterungen, Krebs und Syphilis leiden (und manche sterben auch) an diesen Ablagerungen, die besonders Milz, Leber und Nieren schädigen.
Wie Stärke zeigt Amyloid bei den Gewebeuntersuchungen ein typisches Farbenspiel. In Jodlösung wird es mahagonibraun, durch Zusatz von Schwefelsäure violett oder blau, unter Methylgrün wiederum rot.
Doch die Bezeichnung, seit hundert Jahren üblich, war irreführend. In Wahrheit hat Amyloid mit Stärke nichts gemein: es ist eine komplizierte Eiweißverbindung.
Viel mehr hatten auch die Forschergenerationen nach Virchow über den biochemischen Müll nicht herausgefunden. Nun aber sehen US-Wissenschaftler darin eine Schlüsselsubstanz des körperlichen und geistigen Verfalls.
Hinweise darauf verdichten sich neuerdings so sehr, daß die American Aging Association Mitte Oktober in New York eigens einen Kongreß über die Rolle dieses Stoffes im normalen Lebenszyklus abhielt. "Wir hatten Amyloid lange in einer bescheidenen Nische abgelegt", erklärte Dr. Edgar S. Cathcart von der Boston University, "dabei könnte es das wahre Protein des Alterns sein."
Ließe sich der Verdacht bestätigen, wären die Folgen unabsehbar: Sind etwa die Supergreise in Kaschmir und im Kaukasus nur deshalb so lange am Leben, weil sie durch Kost, Klima
oder andere Umstände von dem Stoff verschont bleiben, der das Altern beschleunigt?
Wird es womöglich doch ein Mittel oder Rezept geben, auch die Lebensspanne der Durchschnittsbevölkerung um ein halbes Jahrhundert zu verlängern? Wenn nicht Krankheit den Organismus ruiniert, so hatten Gerontologen ohnehin schon postuliert, müßte der Mensch in der Regel über 100 Jahre alt werden.
Bislang haben Mediziner, die dem Amyloid mit neuem Interesse nachspüren, nur einzelne Befunde vorzuweisen. Die aber stimmen mehr und mehr zusammen.
So konnte Dr. Evan Calkins von der University of Buffalo (US-Staat New York) im Gewebe von 30jährigen nur Spuren von Amyloid nachweisen. Hingegen hatte sich bei 90jährigen die Substanz in weit höherer Konzentration in Hirn, Herz, Bauchspeicheldrüse, Nieren und anderen Organen angesammelt. Auch im Körper betagter Tiere werden Amyloid-Ablagerungen gefunden, beispielsweise bei Hunden, Katzen und Pferden, aber auch bei Vögeln und gar bei Hummeln.
Wie kaum ein anderer Faktor scheint Amyloid überdies an der Senilität, dem Altersschwachsinn" beteiligt zu sein. Die sogenannten Plaques im Gehirn -- mikroskopisch kleine Zonen funktionsuntüchtig gewordener Nervenzellen -- sind mit dem dubiosen Eiweißstoff durchsetzt.
"Jeder von uns bekommt Plaques etwa vom 65. Lebensjahr an", erläuterte Dr. Denham Harman von der University of Nebraska in Omaha, der den New Yorker Amyloid-Kongreß leitete. Anscheinend lagert sich dann Amyloid aus den haarfeinen Blutgefäßen in der Großhirnrinde überall dort ab, wo Nervenzellen zugrunde gehen.
"Aber niemand weiß bisher", konstatierte Harman, "weshalb Amyloid sich im Körper verschiedener Menschen in unterschiedlichem Maße ansammelt." Bisher gibt es nur Forschungsansätze.
So hatten deutsche Fachzeitschriften. darunter "Virchows Archiv für Pathologische Anatomie", schon vor vier Jahrzehnten Spekulationen veröffentlicht, die Bildung von Amyloid könne mit einem der wichtigsten Mechanismen höherer Lebewesen zusammenhängen -- mit der Immunabwehr von Krankheitskeimen.
Versuchsergebnisse eines der bestausgestatteten amerikanischen Medizin-Forschungszentren stützen neuerdings diese Theorie. Dr. George G. Glenner und seinen Mitarbeitern von den National Institutes of Health in Bethesda (US-Staat Maryland) ist es gelungen, Teile des Amyloid-Moleküls zu entschlüsseln -- sie gleichen entsprechenden Molekülteilen sogenannter Gammaglobuline, die bei der Abwehr von Infektionen mitwirken.
Mittlerweile hat das Glenner-Team sogar Eiweißpartikel in der Retorte hergestellt, die sowohl dem Amyloid wie auch einer Globulin-Molekülkette verblüffend ähneln. Es sind Fäserchen von sieben bis acht Millionstel Millimeter Durchmesser und 100 bis 200 Millionstel Millimeter Länge.
Daraus folgerte Dr. Glenner, die Amyloid-Fasern im Gewebe alter Menschen seien womöglich nur entartete Moleküle der Infekt-Abwehr; "irgendein krankhafter Mechanismus" (Glenner) könne diese Degeneration der Immun-Eiweiße bewirken. Und vielleicht ließe sich dieser Mechanismus eines Tages aufdecken.
Das aber würde bedeuten: Auch wer mit 70 oder 80 Jahren stirbt, ist vorzeitig gealtert und stirbt zu früh.

DER SPIEGEL 46/1973
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1973
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FORSCHUNG:
Müll Im Gewebe

  • Webvideos der Woche: Tief gestürzt, weich gelandet
  • "Schmerzgriff"-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz bei Klimaprotesten
  • Uli Hoeneß: Kalkulierter Wutausbruch im Video
  • Mein Schottland: Zwischen Brexit und Unabhängigkeit