08.10.1973

KIRCHENegative Polizei

Der Bonner Nuntius Corrado Bafile wollte den Limburger Bischof Wilhelm Kempf stürzen. Nun ist er selber seines Amtes nicht mehr sicher.
Der katholische Tübinger Pastoraltheologe Professor Norbert Greinacher geriet in Rage: "Das gehört zum Unerträglichsten, was ich je aus der Feder eines Erzbischofs gelesen habe."
Gemeint waren Erzbischof Corrado Bafile, 70, Apostolischer Nuntius in der Bundesrepublik Deutschland mit Sitz in Bonn, und ein vertraulicher Brief vom 26. August, den der päpstliche Diplomat an den ranghöchsten Vatikan-Beamten, Kardinalstaatssekretär Jean Villot, geschrieben hat.
In dem Schreiben machte Bafile seinem Dienstherrn im Vatikan einen "bescheidenen Vorschlag": Er möge Limburgs Bischof Wilhelm Kempf, 67, Oberhaupt von einer Million Katholiken, so schnell wie möglich zum Rücktritt zwingen (siehe Auszug Seite 73).
Das Schreiben wurde vergangene Woche bekannt, weil es ein unbekannter Vatikanbeamter einigen Priestern des Kempf-Bistums zugespielt hatte -- um aufzudecken (so sein Begleitbrief), "wie der Nuntius mit schlechteren als den sowjetischen Methoden" arbeite.
Ohne Kardinal Döpfner, den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz oder den betroffenen Kempf zu informieren, schlug Nuntius Bafile dem Kardinalstaatssekretär einen Eingriff vor, der einem Handstreich geglichen hätte und in der neueren deutschen Kirchengeschichte ohne Beispiel gewesen wäre: dem Limburger Oberhirten die bischöflichen Rechte zu entziehen und einen Apostolischen Administrator zu ernennen, der an Stelle Kempfs das Bistum Limburg leiten soll.
"Vorsicht und Rücksicht" empfahl Bafile für die zweite Aktion: Einmal entmachtet, müsse man den Bischof dazu bringen, "freiwillig auf den Bischofsstuhl zu verzichten". Ein Rücktritt aus Krankheitsgründen biete sich an.
Bafile glaubte, blitzschnell handeln zu müssen. An demselben Tage, an dem er seinen Brief schrieb, hatte er im Limburger Bistumsblatt "Der Sonntag" gelesen, daß Bischof Kempf den ehemals altkatholischen" jetzt römisch-katholischen Priester Otto Franzmann zum Pfarrverwalter der Frankfurter Pfarrei Maria Hilf berufen hatte.
"Man kann sich leicht vorstellen", beschwor der Nuntius den Kardinalstaatssekretär, "welche Wirkung diese Maßnahme hat -- nicht nur in Deutschland -- für die Gegner des kirchlichen Zölibats." Denn Franzmann ist verheiratet und Vater zweier Kinder*.
Bafile hält Kempf selbst für einen Gegner der Zölibatspflicht. Tatsächlich hat der Limburger Bischof sich öffentlich für die Weihe verheirateter Männer zu Priestern ausgesprochen und in der Bischofskonferenz angeregt, in dieser Sache beim Papst vorstellig zu werden.
Liberal verhielt sich Kempf auch in anderen Situationen. In seine Diözese, laut Bafile ein "Zentrum der Ausbreitung von Unordnung", nahm er häufig Priester auf, die in anderen Diözesen Schwierigkeiten hatten.
Priester, die ihr Amt aufgaben, fanden bei Kempf stets Unterschlupf, etwa als Religionslehrer oder in der Diözesanverwaltung. So ist der Leiter des
* Nach römisch-katholischer Lehre ist die Priesterweihe gültig, die in der vor hundert Jahren von Rom abgesplitterten altkatholischen Kirche erteilt wird. Ein Konvertit braucht deshalb nicht erneut geweiht zu werden, und wenn er verheiratet ist, darf er weiterhin mit seiner Frau zusammenleben. Solche Priester (in Europa allenfalls ein Dutzend) erhalten durchweg nichtöffentliche Ämter.
Limburger Synodalbüros ein Ex-Priester aus dem Erzbistum Köln.
Kempfs Diözese war die erste, in der diözesane Räte demokratisch gewählt wurden. Laien durften damit erstmals gleichrangig neben Priestern mitbestimmen. Limburgs Kirchensteuerrat kann den Bischof mit Zweidrittelmehrheit überstimmen.
Fairneß bewies Kempf Mitte 1971, als der Hofheimer Vikar Herbert Leuninger aus einem Jugendgottesdienst ein Meßfestival mit Cola, Würstchen, Tanz und Diskussion machte.
Damals bereits alarmierte Bafile den Vatikan. Der Bischof distanzierte sich zwar von der umstrittenen Messe und tadelte den Vikar, versetzte oder entließ ihn aber nicht. Statt dessen mahnte er in einem Hirtenwort: "Konflikte lassen sich nicht lösen, wo "autoritär" verfahren wird."
Kempfs romhörige Gegner, die aufs Autoritäre schwören, griffen daraufhin den Bischof an. Hans Milch, Pfarrer der Taunus-Gemeinde Hattersheim und geistlicher Chef der ultramontanen "Bewegung für Papst und Kirche", jammerte über das "immer problematischere Schweigen des Lehramtes".
Und der penetranteste Scharfmacher unter Deutschlands Priestern, der Frankfurter Franz Gypkens, meldete sich damals zu Wort, und er war es auch, der jetzt in seinem hektographierten "Schwarzen Brief" (Nummer 33) dem Limburger Bischof "Kurzschlüsse", "Instinktlosigkeit" und "Mangel an Courage zum entschlossenen Handeln" vorwarf.
Für verheerend hält Gypkens, ähnlich wie Bafile, daß Kempf den beweibten Franzmann zum Gemeindepfarrer machte: "Wenn das Experiment gelingt, hat die Antizölibatsbewegung eine Schlacht gewonnen."
Nuntius Bafile glaubte, in Limburg könne die Ordnung wiederhergestellt werden, wenn als Administrator der jetzige Münsteraner Weihbischof Reinhard Lettmann, 41, vom Vatikan eingesetzt werde. Begründung: "Er ist ein guter Jurist und hat viel Erfahrung."
In seinem Brief an Villot entwickelte Bafile ein Programm, das Lettmann realisieren sollte und das fast einen Umsturz bedeutet hätte: Es sollten
* alle Limburger Progressisten in "Schlüsselstellungen" entmachtet werden;
* alle "zu Recht oder Unrecht errichteten Räte" aufgelöst werden.
Bafile war davon überzeugt, daß die deutschen Bischöfe die Amtsenthebung ihres Kollegen "mit Erleichterung" aufnehmen würden. Das mag für die meisten, vermutlich aber nicht für alle deutschen Bischöfe gelten. Der Nuntius selbst gab in der vergangenen Woche zu, sein Vorschlag sei auf den Widerstand Kardinal Döpfners gestoßen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz wünschte Gespräche statt Gewalt. Sie werden vermutlich noch in diesem Herbst in Rom stattfinden.
Kempf selbst brach am Wochenende das Schweigen über seinen Fall. In einem Brief an alle Gemeinden seines Bistums versichert der Bischof, er sehe "keinen Grund zu resignieren oder gar mein Amt aufzugeben", und "mit Entschiedenheit" weist er Bafiles Vorwürfe gegen seinen Amtsstil zurück.
Damit ist das Gegenteil dessen eingetreten, was Bafile erreichen wollte. Und auch aus anderem Grunde kommt dem Vatikan die Affäre um den Bonner Nuntius äußerst ungelegen. Denn sie bestätigt nicht nur, daß die Nuntien tatsächlich "eine Art negative Polizei" des Vatikans sind, wie es Belgiens Kardinal Suenens, der schärfste Vatikankritiker unter seinesgleichen, formuliert hat.
Bafile hat sich selbst ins Aus manövriert. "Der Nuntius ist faktisch", so kommentiert der katholische Münsteraner Kirchenrechtler Professor Horst Herrmann die Affäre, "zur persona non grata in der Bundesrepublik geworden."

DER SPIEGEL 41/1973
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