08.10.1973

JAPANFinger ab

Wie im Chicago der zwanziger Jahre haben sich Japans Gangster organisiert. Doch trotz Terror und Gewalt finden ihre Gruppenloyalität und Disziplin vielfach Bewunderung.
In Tokios Hoshoji-Tempel hatten sich über hundert Trauergäste eingefunden. In gedrückter Stimmung, nach strengem buddhistischem Ritus, nahmen die Versammelten Abschied -- doch nicht von einem Toten.
Die Trauergäste waren Gangster, und sie beklagten die Selbstauflösung ihrer berüchtigten Matsubakai-Gang. Prominentester Trauergast war der Gang-Leader Uichiro Fujita, der eigens
* Für den Chef der Nishikawa-Gumi in einer stillgelegten Kohlengrube.
für die Feier eine Woche aus dem Gefängnis beurlaubt worden war.
Wie die Matsubakai proklamierten vor ein paar Jahren zahlreiche Unterweltorganisationen ihr eigenes Ende. Gangsterchefs luden Mitglieder und Sympathisanten in Theatersäle und Tempel zur Teilnahme an selbstinszenierten Auflösungs-Shows.
Japans Polizei war erleichtert -- doch nicht lange und ohne Grund, wie sich bald zeigte. Die Matsubakai-Beerdigung war nichts als Bluff, eine makabre Komödie, durch die Öffentlichkeit und Polizei getäuscht werden sollten.
Heute zählen Japans Behörden bereits wieder 3500 Unterweltsgruppen, organisierte Banden wie im Chicago der zwanziger und dreißiger Jahre. Teils haben sie sich wohlklingende Namen wie die Matsubakai ("Kiefernnadeln") oder die Nippon Kokusuikai ("Seele Japans") zugelegt, teils nennen sie sich einfach nach ihren Boß. Mit ihren 140 000 "Yakuza" -- so die Gangster auf japanisch -- verfügen die Banden über mehr Personal als Japans Polizei und brauchen nicht mehr mit Trauer zu bluffen.
Ganz ungeniert reisten so in diesem Sommer über tausend Gangster der Gumi (Bande) Kamoda mit US-Luxus-Limousinen und in gecharterten Flugzeugen aus allen Landesteilen nach Chiba, um ihren Boß Shigemasa Kamoda aus dem Gefängnis heimzuholen. Im Triumphzug und mit einem lauten "Banzai" (Hochruf) geleiteten sie ihn zu einem Nobel-Hotel, wo die Freilassung gefeiert wurde.
Elf Jahre hatte Kamoda wegen Mord im Gefängnis von Chiba gesessen. Seine Untergebenen hatten ihm dennoch die Treue gehalten. Denn Ideale der Samurai-Ritter aus Japans Feudalzeit wie totale Loyalität zum Boß oder die Bereitschaft, für die Ehre der Gruppe in den Tod zu gehen, gelten in den Banden noch heute als oberste Grundsätze.
In der Nippon Kokusuikai müssen sich Neulinge in einjähriger Probezeit bewähren, bevor sie aufgenommen werden. Gleich vom ersten Tag an wird ihnen eingebleut, daß sich "keiner an das Mädchen eines Mitglieds heranmachen darf. Das sind negative Eigenschaften, absolut geschäftsschädigend", meint Kokusuikai-Boß Tanaka.
Immer noch wird in den Banden auch der alte Brauch des Fingerabhackens gepflegt -- zur Demonstration der Aufrichtigkeit. Als bei einer Bandenfehde einer der Bosse irrtümlich angeschossen wurde, besuchte ihn sein Rivale im Krankenhaus. Zum Zeichen, daß er es mit der Aussöhnung ernst meinte, überreichte er dem Verletzten 20 000 Mark und seinen kleinen Finger.
An der unbedingten Gruppenloyalität sind bisher auch alle Versuche der Polizei gescheitert, die Gangster wirksam zu bekämpfen.
Doch trotz der Mißerfolge startet die Polizei Jahr für Jahr neue Kampagnen. Denn wie eine Gesellschaft in der Gesellschaft haben sich die Gangs über ganz Japan ausgebreitet.
Die größte Gruppe, die Yamaguchi-Gumi, "beherrscht" ganz Westjapan. Von der Zentrale in der Hafenstadt Kobe aus regiert Kazuo Taoka wie ein Konzernchef über die 10 000 Mitglieder. Von Zweigniederlassungen, die als harmlose Geschäftsvertretungen getarnt sind, betreibt die Gang in 32 der 47 Provinzen Japans ihre Geschäfte.
Und es sind durchweg dunkle Geschäfte, denen die Banden nachgehen. Sie herrschen über Strip-Lokale, türkische Bäder, Massage-Salons, getarnte Bordelle, Restaurants, Bauunternehmen und den Rauschgiftmarkt. Zahlreiche Nachtklubs der Ginza -- Tokios bekanntestem Vergnügungsviertel -- werden von ihnen kontrolliert. Viele Kabaretts und Restaurants zahlen an die Banden regelmäßig "Schutzgelder". Die Garantie, von den Banden unbehelligt zu bleiben, kostet die Besitzer monatlich mehrere hundert Mark. Bei der Eröffnung sind sogar Tausender fällig.
Fest in den Händen der Gangs ist die Glücksspielbranche. Aus den sogenannten Pachinko-Hallen mit ihren Hunderten von Spielautomaten, in denen Abend für Abend Hunderttausende von Japanern kleine Silberkugeln flitzen lassen, ziehen sie Millionen. Auch im Berufssport mischen die Gangs eifrig mit: Pferderennen, Ringkämpfe und Baseballveranstaltungen werden von ihnen gemanagt und häufig manipuliert.
Manche Gruppen leben allein von Erpressungen. So machte die Sasaki-Gumi jahrelang Jagd auf Fehltritte von Wirtschaftsbossen. Hatten sie Handfestes ermittelt. drohten sie Nicht-Zahlungswilligen mit Veröffentlichung. Bis zur Festnahme des Sasaki-Chefs im Frühjahr wurden, so schätzt die Polizei, mindestens 200 Firmen angezapft.
Der Kampf der Polizei gegen die Gangs scheiterte freilich nicht nur an der Gruppenloyalität der Yakuza. Viele Gangster-Bosse haben sich auch durch Kontakte zur politischen Rechten abgesichert. So kamen angeblich sämtliche Leibwächter des Ex-Premiers Sato aus Yakuza-Kreisen. Und als sich die beiden konservativen Parteien Japans in den fünfziger Jahren zur heute regierenden Liberal-Demokratischen Partei zusammenschlossen, leisteten Bosse der Unterwelt Hilfestellung. Zögernde Parteimitglieder setzten sie unter Druck.
* Mitglieder der Nippon Kokusuikai mit Tätowierungen und in traditionellem Aufzug.
Tatsächlich sind zumindest die Grenzen zwischen der Unterwelt und den rund 300 rechtsextremistischen Gruppen des Landes mit ihren über 100 000 Mitgliedern fließend. Auf Kundgebungen der Ultras erscheinen die Bandenbosse, in Kreisen der Halbwelt verkehren Rechtspolitiker. Verbündet sind beide Lager schon durch eine gemeinsame Ideologie: militanter Antikommunismus, Verehrung des Kaisers und Stützung des Militärpaktes mit den USA.
Als die ultrarechte Kantokai Anfang der sechziger Jahre im mondänen Kurort Atami aus der Taufe gehoben wurde, war Matsubakai-Boß Fujita mit von der Partie. Lauthals stimmte er -- Seite an Seite mit Vertretern der Rechten -- die Nationalhymne an.
Ungeniert rühmt sich Fujita auch, beim Japan-Besuch des früheren stellvertretenden sowjetischen Ministerpräsidenten Mikojan Demonstrationen organisiert zu haben. Zur Begrüßung des -- stramm antikommunistischen -- Südkorea-Staatschefs Park mobilisierte er andererseits 10 000 Jubel-Japaner.
Und trotz der erpresserischen Sasaki-Gumi bestehen im allgemeinen auch gute Beziehungen zur japanischen Geschäftswelt. Yakuza fungieren als Arbeitsvermittler, als Streikbrecher bei Arbeitskonflikten, als Saalwächter und Schlägertrupps für das Management bei Aktionärsversammlungen.
Doch trotz Gewalt und Terror stoßen die Gangs in der Öffentlichkeit nur selten auf Kritik. Ihre Loyalität, ihre Disziplin werden vielfach sogar bewundert, in Dutzenden von Yakuza-Filmen werden die Banden glorifiziert.
Nachwuchssorgen kennen die Gangs folglich auch nicht. "Manchmal", so Kokusuikai-Chef Tanaka, "rufen sogar Eltern an. Sie wollen, daß wir aus ihren Söhnen Männer machen, damit sie nicht womöglich Hippies werden."

DER SPIEGEL 41/1973
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