05.11.1973

BAADER/MEINHOFSuppe bezahlt

Ungenaue und widersprüchliche Aussagen der Hauptbelastungszeugen gegen das BM-Mitglied Astrid Prall bringen die Ankläger vor dem Frankfurter Schwurgericht in Schwierigkeiten.
Im gutbürgerlichen Frankfurter Restaurant "Schultheiss im Westend" saß der Regierungsamtmann Michael Grünhagen vom Berliner Landesamt für Verfassungsschutz vor einer Tasse Suppe. Als ein junger Mann und ein Mädchen an einem Nebentisch zahlten und das Lokal verließen, folgte ihnen Grünhagen.
Aus einem beim "Schultheiss" geparkten Pkw stieg daraufhin der Kriminaloberkommissar Heinz Simons von der Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamts und folgte dem Verfolger Grünhagen. Von der nahen Staufenbergstraße bog das Quartett -- immer auf Distanz -- in die Unterlindau ein. Das Pärchen zögerte vor Haus Nummer 28, blickte kurz zurück und ging beschleunigt weiter.
Grünhagen und Simons schlossen dichter auf, und an der Einmündung der Unterlindau in die Bockenheimer Landstraße stellte Simons die Verfolgten: "Ausweiskontrolle". Es war 21.15 Uhr am Mittwoch, 10. Februar 1971.
Blitzschnell hielt ihm die "männliche Person", so Simons heute, eine Pistole vor die Nase und rief der "weiblichen Person" zu: "Hau ab, lauf weg." Simons hob beide Hände, das Mädchen 2. v. l.: Proll-Verteidiger wolf Dieter Reinhard
startete, zog ebenfalls eine Waffe und schoß aus fünf Metern Abstand, während nun der junge Mann floh. Seine Begleiterin rief: "Komm doch näher, Scheißbulle, damit ich dich umlegen kann."
Grünhagen war hinter parkenden Autos in Deckung gegangen, Simons ballerte los. Die Bedroher entkamen, die Beamten blieben unverletzt und erhöhten dann im Frankfurter Polizeipräsidium nach einem Photovergleich ihren Verdacht zur Gewißheit: Gegessen. geschrien und geschossen hätten Manfred Grashof und Astrid Proll, mutmaßliche Mitglieder des "harten Kerns" der Baader/Meinhof-Gruppe.
Grashof wartet in Untersuchungshaft auf Anklage und Prozeß, gegen Astrid Proll wird seit dem 28. September vor dem Schwurgericht III des Landgerichts Frankfurt verhandelt -- wegen Mordversuchs und Bandenraubs mit Waffen (SPIEGEL 39/1973).
In der fünften Verhandlungswoche, letzten Dienstag und Mittwoch. kam das Beweisgerüst der Staatsanwaltschaft just wegen des schwersten Vorwurfs -- Mordversuch an Simons -- heftig ins Wanken. Denn so klar erwiesen und rekonstruierbar, wie sich für Ermittler und Ankläger das Geschehen vom Februar 1971 darstellte, so wirr und widersprüchlich lief das prozessuale Playback in dem zum Gerichtsbunker umfunktionierten Beton-Bürgerhaus von Frankfurt-Sindlingen ab.
Erinnerungen und Erkenntnisse, Behauptungen und Beobachtungen der beiden Beamten Simons und Grünhagen, Kronzeugen der Anklage. differierten en gros und en detail derart, daß nicht nur der Hergang der Tat, sondern sogar die Identität der angeblichen Täter zumindest fragwürdig geworden ist.
Beim Vergleich der Aussagen des Verfassungsschützers und des Kommissars stießen Richter und Staatsanwälte auf gravierende Widersprüche:
* Simons, 27, will Grünhagen, 35, erstmals beim Verlassen des "Schultheiss"-Restaurants gesehen haben, Grünhagen aber will Simons schon vor dem Lokalbesuch im Observationsauto angesprochen haben.
* Simons will Grünhagen nicht über die geplante Ausweiskontrolle informiert haben, Grünhagen aber erinnert sich an Simons' Mitteiluhg, er wolle jetzt Personalien feststellen, weil die Observierung bemerkt worden sei.
* Simons sprach zuerst von "guten Beleuchtungsverhältnissen" an der Unterlindau, berichtigte sich aber dann, das Licht sei "recht diffus" gewesen -- er konnte das Gesicht der "weiblichen Person nicht wahrnehmen". ebenso nicht, "was Frau Proll in der Hand hatte".
* Simons wußte nicht mehr, ob am Kontrollpunkt Passanten -- und womöglich Augenzeugen -- waren, Grünhagen aber will Personen gesehen haben, die sich bei dem Schußwechsel zu Boden geworfen hätten.
* Simons sagte aus: "Auch Grünhagen hob die Hände hoch", der aber bestritt dies -- er habe sich vielmehr sofort "hinter parkende Autos gestellt".
Vor allem wußte Grünhagen nicht mehr, ob auf Simons direkt gezielt worden war, denn lediglich "die Richtung des Mündungsfeuers ging dorthin, wo Simons stand". Der Kriminalbeamte äußerte sich dazu präzise, aber anders als sein Kollege: "Sie zielte auf meinen Körper und schoß, ich hörte einen Knall, sah aber kein Mündungsfeuer."
Wenig später ergänzte Simons, die Schützin habe natürlich "nicht über Kimme und Korn" auf ihn angelegt; für das fehlende Mündungsfeuer habe er "keine Erklärung". In seiner ersten dienstlichen Äußerung hatte Simons sogar angegeben, "daß Astrid Prall die Waffe auf uns" gerichtet habe. Korrektur bei der Befragung in Sindlingen: Das sei falsch, denn die Waffe sei nur auf ihn gerichtet gewesen.
Nachdem Simons auf weitere Vorhaltungen aus früheren Aussagen mehrfach mit "Das ist so falsch", "Das weiß ich nicht mehr" oder "Ich weiß das heute nicht mehr genau" reagiert hatte, resignierten die beiden Ankläger. Besonders bedauerte Staatsanwalt Werner Dimde, daß Simons bei seinen Angaben von einem "fortgeschritteneren Erkenntnisstand" ausgehen konnte, denn nach dem Schußwechsel vom 10. Februar 1971 hatten die polizeilichen Ermittlungen zunächst sechs Monate geruht.
Beim Vergleich früherer Simons-Sätze kam dem Dimde-Kollegen Christoph Schaefer schließlich sogar der Verdacht, es könne am 10. Februar 1971 weitere Tatzeugen gegeben haben, die -- "aus welchen Gründen, weiß ich nicht" (Schaefer) -- später von der Polizei "zurückgezogen" worden seien.
Klarheit wenigstens über ein Detail schaffte der Proll-Verteidiger Professor Ulrich Preuss. Er fragte Grünhagen: "Haben Sie eigentlich die Suppe bezahlt, die Sie an jenem Abend im Restaurant bestellt hatten, aber wegen der Notwendigkeit, zwei observierten Personen zu folgen, nicht mehr essen konnten?"
Die Antwort des Berliner Verfassungsschützers legte geheimdienstliche Gepflogenheiten bloß: "In solchen Fällen pflegen wir vorher zu bezahlen"

DER SPIEGEL 45/1973
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