03.09.1973

Rudolf AugsteinDie F.D.P. ohne Flach

Karl-Hermann Flach war als Journalist nicht ungewöhnlich. von seiner publizistischen Statur gab und gibt es zu wenige, aber etliche. Ganz ungewöhnlich war er hingegen als Politiker.
In der Geschichte der demokratischen Parteien dieses Landes hat sich wohl nie ereignet, was auf dem Freiburger Parteitag der F.D.P. 1971 passierte: daß ein von der gesamten Partei berufener Nicht-Funktionär als Nothelfer erwartet wurde und diesem Ruf buchstäblich von der ersten Stunde an gerecht wurde. Die Antrittsrede, die er nach fast einstimmiger Wahl hielt, die erste schneidende Intervention gegen ein Geschäftsordnungs-Gequengel waren Offenbarungen einer ganz unangefochtenen Autorität.
Gewiß konnte er nicht für einen Außenseiter gelten, gewiß hat er sich als Bundesgeschäftsführer, zu dessen Amtszeiten das Traumergebnis der Mende-FDP von 12,8 Prozent erreicht wurde, einen Namen gemacht. Aber Mendes Ergebnis war hauptsächlich der von Mende verfochtenen Linie zu danken, die nicht die Linie des damals 31 jährigen Bundesgeschäftsführers Flach war. Wenn Autorität auch durch Urzeugung entstehen kann, so war man in Freiburg zehn Jahre später Zeuge solch eines Phänomens.
Dieser F.D.P., die ihren tiefsten Punkt gerade überwunden glaubte, tat nichts mehr not als Ermutigung und Integration, und Flach hielt, was er versprach. Er demonstrierte, was eine gekonnte Presse- und Medienpolitik vermag. Die Präzision seiner Ausdrucksweise, wohlüberlegt und abgestimmt auf die schematischen Bedürfnisse einer Partei, ist in Bonn von niemandem seit Fritz Erler erreicht worden, schon gar nicht von einem Parteimanager. Er strahlte gleichermaßen im Fernsehen politische Kraft aus wie in seinen Parteitagsreden und Presse-Erklärungen.
Dabei kam ihm die Geradlinigkeit seines politischen Denkens, ja sogar eine gewisse Einspurigkeit zugute. Liest man heute, mit verständlicher Wehmut, seine Streitschrift "Noch eine Chance für die Liberalen", so vermißt man eine zulängliche Auseinandersetzung mit den konkurrierenden Strömungen der Zeit. Flachs Schwäche war seine Stärke: was sich nicht unmittelbar in pragmatische Programmatik umsetzen ließ, lag außerhalb seines ideologischen Interesses.
So kam es, daß ein hinsichtlich seiner praktischen Vorschläge armes und hinsichtlich seiner Ideen nicht gerade überreiches Büchlein, hoffnungsgrün eingebunden, zu einer Art Mao-Fibel der Liberalen wurde, zur respektvoll und ohne alle Ironie so genannten "grünen Bibel" -- Und so kam es, daß der Verfasser, damals noch Geschäftsführender Redakteur einer der wenigen unentbehrlichen Zeitungen der Bundesrepublik, auf eine Stunde zutrieb, die er nicht bewußt angesteuert hatte und die wahrzunehmen er erst überredet werden mußte. Er war gerne Journalist seiner Zeitung, darum schwankte er. Dann freilich griff er beidhändig und mit ganzer Kraft zu.
Den liberalen Befund hatte Flach "alles andere als rosig" genannt. Es bedürfe einer "gewaltigen Anstrengung", der Freiheit in der Zukunft eine Chance offen zu lassen. Er selbst leistete diese Anstrengung. Und nicht nur er: Eine Kommission unter Werner Maihofer schaffte wider Erwarten ein zeitgemäßes Programm.
Flachs politisches Kredo war, daß die bis dato besitzbürgerliche F.D.P. sich von der CDU/CSU losmachen und zu einem Partner der SPD werden müsse; darum galt er zwangsläufig als ein "Linker". Aber gleichgültig, wie "links" er nun war und ob überhaupt "links": als Generalsekretär hatte er die auseinanderstrebenden Tendenzen der Partei zusammenzuhalten.
Das ging nicht ohne Schrammen ab, weil auch die geschliffene Formel nicht die Gegensätze verbergen kann, die zu verstecken sie bestimmt ist. Die "Linken" in Partei und Fraktion fühlten sich von ihm nicht so unterstützt, wie sie gehofft hatten -- er nahm es melancholisch, aber ohne Einbuße an Tatkraft.
Daß er sich zuviel zugemutet habe, würde er wohl so wenig gelten lassen wie der ebenfalls mit 43 Jahren verstorbene Wolfgang Döring, sein Freund und Mentor. Die Politik braucht und verbraucht, die sich nicht schonen. Daß er unersetzlich ist, wird sich spätestens zeigen, wenn das eigens für ihn geschaffene Amt des Generalsekretärs neu besetzt werden sollte.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 36/1973
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