15.10.1973

VERKEHRGroßes Ohr

Bayerns reicher alter Mann, Bankier August von Finck, kämpft gegen eine Autobahn. Vor Gericht unterlag er, der Freistaat aber gab ihm recht: Innenminister Merk will das Projekt auf Jahre hinaus vertagen.
Das größte und umfangreichste Druckwerk der bayrischen Staatsregierung. der vierbändige "Gesamtverkehrsplan Bayern", bezeichnet es "als eine der vordringlichsten Maßnahmen": Die letzte Lücke der "großen internationalen Autobahn zwischen Schleswig-Holstein und Süditalien" im Raume München soll endlich geschlossen werden.
Um den Engpaß zu beseitigen, vor dem sich alljährlich die Autos der Urlauber kilometerweit stauen, hat der Freistaat schon vor Jahren den Bau eines Autobahnrings im Münchner Osten und einer 46 Kilometer langen Entlastungsstrecke parallel zur Salzburger Autobahn in die erste Dringlichkeitsstufe erhoben.
Für die Entlastungsautobahn "A 87" zwischen München und Rosenheim, die auf 380 Millionen Mark veranschlagt ist, wurde schon 1969 das Raumordnungsverfahren abgeschlossen und ein Jahr später im Einvernehmen mit den zuständigen Bonner Ministerien .die Linienführung festgelegt. Mittlerweile ist auch die letzte Stufe vor der baureifen Planung, der sogenannte Vorentwurf, "von Bonn und Bayern eingesegnet" (so das Münchner Autobahnamt).
Letzten August -- die Stauungen vor dem Nadelöhr München erreichten gerade neue Rekorde -- tat Bayerns Innenminister Bruno Merk unversehens seine Absicht kund, den einst so vordringlichen Bau der Autobahn doch lieber hintanzustellen. "Das würde bedeuten", so erläuterte der Minister. "daß mit dem Bau dieser Autobahn kaum vor Ende der achtziger Jahre zu rechnen ist."
Statt den Stau vor München zu beseitigen, hört der Minister nun plötzlich auf Argumente wie "die Harmonie des Wasser -- und Sauerstoffhaushaltes sowie der Pflanzen- und Tierwelt" (so eine Bürgerinitiative Lebensraum Grasbrunn-Neukeferloh) oder "die große Bedeutung von Waldungen am Rand des Ballungsraumes München" (so eine Eingabe der Gemeinde Grasbrunn). Es gehe, kurzum, um "das Glonner Land. den letzten schönen Flecken Bayerns" (Dr. Christian Petzke vom Landratsamt München). Die von dem Projekt betroffenen Grundbesitzer, so Dr. Petzke, stehen jedenfalls "wie ein Mann gegen die Autobahn".
Die vereinigten Grundbesitzer im Münchner Osten sind aber praktisch nur ein Mann: Laut Petzke gehören dem Großbankier und Großgrundbesitzer August von Finck, 75, "sicher 80 Prozent der betroffenen Wälder". Dem Grundeigentümer würden freilich nicht nur "viele Wälder zusammengeschlagen" (so der CSU-Stimmkreisabgeordnete Hermann Zenz), die geplante Trasse würde auch den Wohnsitz August von Fincks, das Gut Möschenfeld bei Grasbrunn, in einer Entfernung von zwei Kilometern tangieren.
Als Hauptbetroffener hat sich der reiche Bankier (SPIEGEL 21,"1970) nach Kräften gegen das Projekt gesträubt. Eine Klage Fincks vor dem Münchner Verwaltungsgericht (Aktenzeichen: M 30/111/73) wurde im September freilich abschlägig beschieden. Finck hatte mit seiner Klage versucht, das bereits in Angriff genommene Kreuzungsbauwerk für die geplante Entlastungsautobahn zu vereiteln.
Außergerichtlich fand der Edelmann mit seinen Sorgen aber schließlich mehr Gehör. Bürgermeister August Simader von Grasbrunn, einer Nachbargemeinde von Möschenfed, der sich "als Verbündeter von Finck" fühlt ("Wir unterrichten uns halt gegenseitig") und wie Finck "gegen das große Ohr der Autobahnkreuzung" klagen wollte, hat Minister Merk "natürlich schon mal auf unsere Sorgen angesprochen" -- er tut sich leicht, denn neben seinem Bürgermeisteramt ist Simader auch noch Oberregierungsrat (zuständig für Personenstandssachen) in Merks Ministerium --
Die vor Gericht erfolgreiche Autobahndirektion München ist zwar -- trotz Merks Sinneswandels -- nach wie vor zuversichtlich (Oberbaudirektor Armin Lorenz: "Wir gehen davon aus, daß die Entlastungsstrecke kommen muß"). will aber angesichts der Schwierigkeiten rund um Möschenfeld "sinnvollerweise lieber vom anderen Ende her bauen" (Lorenz). Das heißt, Fincks Territorien würden dann erst in zwei Jahrzehnten wieder berührt werden.
Da aber Fincks Latifundien den Großraum München wie eine Klammer umspannen, werden die Straßenbauer früher oder später mit anderen Projekten doch wieder auf den Großgrundbesitzer stoßen -- mit einem Autobahnprojekt nach Wasserburg und mit einem weiteren nach Passau.
Dem widerspenstigen Milliardär könnte nur dann aus dem Weg gegangen werden, wenn man dem kühnen Konzept des Ministers Merk folgt, der die 46 Kilometer lange Entlastungsstrecke durch die "tangentialen Autobahnen
Würzburg-Ulm--Füssen und Nürnberg-Regensburg-Traunstein, ersetzen möchte. Zusammen sind diese Strecken fast zehnmal so lang und zehnmal so teuer (geschätzte Gesamtkosten: über vier Milliarden Mark) wie das zurückgestellte Projekt.
Finck-Syndikus Dr. Karlheinz Herreiner bezeichnet die unheimliche Wandlung des Ministers als "den Clou der ganzen Geschichte": die ministerielle Meinungsänderung sei "ein bedeutender Schritt" und "entspricht völlig dem, was bisher von uns vertreten wurde". Fincks unmittelbarer Kontrahent, der Autobahnbauer Lorenz, hofft indessen, daß "die Grundbesitzer zur Einsicht kommen, daß diese Autobahn kommen muß" und "daß die Schneise ja im Wald drin liegt und der Finckschen Hauptverwaltung ja nicht weh tut".
Waldbesitzer Finck hinwieder (Simader: "Der hütet jeden einzelnen Baum") will künftig sogar hart gegen sich selbst sein. Zur Zeit läuft das Raumordnungsverfahren für eine 380-Kilovolt-Hochspannungsleitung quer durch das Finck-Land, und auch dagegen hat der Landedelmann bereits "Krach geschlagen" (Herreiner).
Zu einer Klage kann sich der Waldhüter in diesem Fall freilich nicht aufraffen. Herreiner: "Das steht nicht zur Debatte". Was Wunder: Die Stromleitung wird von den Isar-Amper-Werken geplant -- Aufsichtsratsvorsitzender: August Finck.

DER SPIEGEL 42/1973
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