27.08.1973

KUNSTTrunken, begeistert

„Malen ist etwas unheimlich Gesundes“, behauptet der Maler Markus Lüpertz. Mit einem Trick will er einen längst vergangenen Kunst-Stil „wieder möglich“ machen.
So einen gibt es wirklich noch: Er sagt: "Ich bin ein Künstler, wie der Vogel in der Luft, wie die Blume auf der Wiese." Er trägt am schwarzen Strohhut eine Rose, Ringe an vielen Fingern und einen im Ohr. Er malt Ähren und Trauben, zwei oder auch drei Meter hoch -- und allemal "dithyrambisch".
Dieses vollmundige Kennwort, das der Duden mit "trunken, begeistert" übersetzt, fügt Maler Markus Lüpertz, 32, jedem seiner Bildtitel an; denn es bezeichnet, wie er sagt, umfassend "meine Einstellung zur Malerei".
Begeisterte Pinselführung im Dienst an Brot und Wein -- das war schon lange nicht mehr gefragt. Mit seinen übersteigerten Gesten und gestanzten Sprüchen ("Malen ist etwas unheimlich Gesundes"), mit Bohème-Attitüde und monumentalen Ackerfrucht-Stilleben stellt sich der pittoreske Maler eigentümlich quer zu Zeitströmungen. Dem Bild der gegenwärtigen Kunst versetzt er, genußreich, einen anachronistischen Farbfleck.
Dabei malt Lüpertz keineswegs fürs Kaufhaus oder zu bloßem Feierabend-Vergnügen. Er steht bei der solide "progressiven" Galerie "Der Spiegel" (Köln) unter Vertrag, und der Baden-Badener Kunsthallendirektor Klaus Gallwitz hat ihn schon 1969 in seiner Talentschau "14 x 14" vorgeführt.
Mit einer Einzelausstellung im gleichen Institut kommt jetzt das Werk des Malers, 136 Bilder und Zeichnungen, ganz groß heraus (bis 23. September). Zur Eröffnung spielte eine Zigeunerkapelle. als Katalog wird zum Preis von 20 Mark eine Lüpertz-"Festschrift" in grünem Leinen angeboten. Die Bauchbinde des Druckwerks vermittelt ein selbstbewußtes Künstler-Dictum: "Keiner verlangt von mir Qualität, dabei habe ich sie in hohem Maße."
Auffälligster Vorzug der solcherart angepriesenen Bilder ist der "heftige" Pinsel- oder Spachtelduktus, der -- "fast eine tachistische Idee" -- den Malvorgang als "Geschwindigkeitsproblem" definieren soll (Lüpertz).
Heftig, trunken und begeistert malt der Künstler mancherlei, das ihn "wirklich umgibt": Naturdinge von "spezieller Monumentalität" wie Eicheln und Schneckenhäuser, seinen eigenen karierten Mantel, Stahlhelme, wie er sie in einem Kriegsfilm gesehen hat, Nazimützen von einem Illustriertenphoto. Er verbindet Reales mit Erdachtem (Tunnel-Elemente auf Stengeln werden "Tunnelblumen") und komponiert private Symbol-Arrangements: Aus Schnecke (sie soll den Tod bedeuten), Fisch (Hunger), Stahlhelm (Krieg) und Schirmmütze (Pest) entsteht so eine "Apokalypse".
In seinem Berliner Riesenatelier malt Lüpertz auf Fünf- und Sechs-Quadratmeter-Leinwänden Motive, "die so groß sind wie ich", damit eine "Art Zwiegespräch" zustande kommt. Er bevorzugt ein Tarnfarben-Kolorit aus Grün, Braun und Ocker ("zur Einfarbigkeit hin"), und er umreißt die Formen mit schwarzen Konturlinien. Das, beispielsweise, erinnert an den Expressionisten Max Beckmann.
Wohl weil die Parallele allzu deutlich ist, möchte Lüpertz eigentlich "mit Expressionismus wenig zu tun" haben. Aber er hat einen Kniff gefunden, der die historische Malweise angeblich "wieder möglich" macht: Er wiederholt sich.
Früher hatte der Künstler mit Vorliebe serielle Motive ausgewählt -- ein "Westwall"-Bild (1968), das die militärischen Betonhöcker zu zwölfeinhalb Meter Breite addiert, gehört zu seinen stärksten Arbeiten. Heute bringt Lüpertz lieber ein und dasselbe Motiv auf mehrere Leinwände, und das nicht etwa, um Varianten und Verbesserungen zu erzielen, sondern um dem Sujet "Wichtigkeit" zu verleihen und die "Intensität" des Malens nachzuschmecken.
Aber das ist ein schwaches Alibi. Selbst wenn einmal die (einzeln gegen Summen zwischen 2000 und 8500 Mark verkäuflichen) Fassungen zu dritt oder zu fünft beisammenhängen wie jetzt in Baden-Baden, nützt sich der originelle Effekt rasch restlos ab -- genauso wie bei Lüpertz' Stilgenossen Georg Baselitz, der alle Gegenstände kopfüber malt und aufhängt. Eindrucksvoll bleibt die genialische Trotz-Reaktion eines "altmodischen" (Gallwitz) Künstlers. als der sich Lüpertz, mit schillernder Selbstironie, auch durch seinen Habitus präsentiert.
Sogar der Lebenslauf paßt zu dieser Rolle; denn schon mit 15 Jahren durfte sich Markus Lüpertz, in Böhmen geboren und im Rheinland aufgewachsen, als eine "gescheiterte Existenz" betrachten: Aus einer Lehre als Maler von Weinflaschenetiketten war er "wegen mangelnden Talents" entlassen worden, sein zweiter Lehrherr" ein Gebrauchsgraphiker, hatte Pleite gemacht.
Der weitere -- durch Zwischenspiele in einer Kohlenzeche und beim Autobahnbau unterbrochene -- Studiengang: Die Werkkunstschule Krefeld verließ Lüpertz als "volltrainierter", gleichermaßen auf Fresko wie Sgraffito gedrillter Maler. Im Kloster Maria Laach absolvierte er dann, mit einem Kreuzigungsbild beschäftigt, eine "fanatisch religiöse Zeit", und der Besuch der Akademie in Düsseldorf wurde wieder, wie sich"s gehört, ein "riesiges Fiasko". Ein Professor hätte "beinahe gekotzt", weil Lüpertz Cowboys am Lagerfeuer malte.
Inzwischen ist der Maler in eine ruhigere, doch ihm nicht minder angemessene Lebensepoche eingetreten. Er verdient jetzt mit Malen einen ausreichenden Lebensunterhalt, sitzt im Vorstand des Deutschen Künstlerbunds und übernimmt demnächst eine Gastdozentur (in Karlsruhe). Der heftig rotierende Kunstbetrieb schickt sich an, den Nach-Expressionisten einzuholen: Lüpertz ist zur "Biennale der Jugend" nach Paris und zur trendsetzenden "Prospect"-Ausstellung nach Düsseldorf eingeladen.
Fast scheint wahr zu werden, was Lüpertz, fatal dithyrambisch, für seine Baden-Badener Festschrift gedichtet hat: "Es geht kein Weg vorbei, es gibt kein Mittel gegen mich."

DER SPIEGEL 35/1973
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