27.08.1973

PHILOSOPHENDer Mann mit dem Koffer

Ein grauer Holzkoffer mit Manuskripten und Briefen, den der marxistische Philosoph Georg Lukács im Jahre 1917 bei einer Heidelberger Bank deponierte, hatte eine ungewöhnliche Schatzsuche zur Folge.
Die philosophischen Ambitionen eines Heidelberger Bankangestellten lösten in Budapest, Hamburg, Berlin und London Freude und Ärger aus.
Bei der Lektüre der Rowohlt-Monographie des 1971 verstorbenen marxistischen Philosophen Georg Lukács -- verfaßt von Fritz J. Raddatz -- erinnerte sich der Angestellte der Deutschen Bank, Filiale Heidelberg, an einen grauen Holzkoffer, der seit über einem halben Jahrhundert im Tresorraum der Bank lagerte.
Dieser Koffer war am 7. November 1917 von einem Dr. Georg von Lukács "zur Aufbewahrung" hinterlegt worden. Seither hatte sich der Besitzer nicht mehr blicken lassen.
Ohne seine Lektüre fortzusetzen -- was den Ärger verhindert hätte -, informierte der Bankangestellte seinen Chef, daß er endlich den Besitzer des lästigen Gepäckstücks gefunden habe.
Hilfesuchend wandte sich die Deutsche Bank an den Rowohlt-Verlag mit
* Photo aus "Rowohlts Monographien" Band 193.
der Bitte, ihr die Erben dieses Herrn Lukács zu nennen. Kurt Kusenberg, Herausgeber der Taschenbuchreihe Rowohlts Monographien, witterte einen Schatz. Womöglich enthielt der Koffer unbekannte Lukács-Manuskripte, deren Veröffentlichung eine politisch-literarische Sensation bedeuten könnte.
Kusenberg kannte die in London lebende Lukács-Schwester Maria Popper und benachrichtigte sie von dem Fund. Der Bank teilte er Frau Poppers Anschrift mit, da diese "wohl auch die einzige Erbin ist".
Freilich, Kusenberg hätte es genauer wissen müssen, denn in der Monographie steht, wer die Rechte am literarischen Nachlaß des Philosophen besitzt: Stiefsohn Ferenc Jánossy, der das Lukács-Archiv bei der Ungarischen Akademie der Wissenschaften leitet.
Maria Popper, von Kusenberg auf die Spur des geheimnisvollen Koffers gebracht -- schließlich war es doch merkwürdig, daß sich Lukács um die Verwahrsache nie mehr gekümmert hatte -, glaubte wohl auch, auf eine Goldader gestoßen zu sein.
Obwohl sie das Testament kannte und zudem nach dem Tode ihres Bruders notariell auf alle Ansprüche verzichtet hatte, gab sie sich der Bank gegenüber als Alleinerbin aus.
Erleichtert schickte die Bank den Kofferinhalt nach London: Photographien, Manuskripte sowie etwa 1600 Briefe, darunter die vollständige Korrespondenz zwischen Lukács und seinem Jugendfreund Leo Popper, und außerdem Briefe von Ernst Bloch, Max und Marianne Weber und dem neuklassizistischen Dichter Paul Ernst.
Schließlich doch von Skrupeln geplagt, unterrichtete die Lukács-Schwester anläßlich einer Ungarn-Reise -- ihren Stiefneffen Jánossy von dem Fund. Wie Kusenberg und Maria Popper vermutete nun auch Jánossy, der Holzkoffer berge einen Schatz. Andererseits fürchtete er, die Veröffentlichung unbekannter Manuskripte aus der vormarxistischen Zeit des Philosophen könnte den gerade abflauenden Streit um Lukács' marxistische Gesinnung wieder beleben.
Doch Verdruß bereitete ihm zunächst einmal Maria Popper. Sie wollte den Inhalt des Koffers nur gegen einen angemessenen "Finderlohn" herausgeben. Schließlich einigten sich Tante und Neffe auf einen Betrag von 5000 Mark.
Als ihm Frau Popper nun auch von Kusenbergs Brief erzählte, glaubte Jánossy, der Rowohlt-Verlag habe an einer Intrige gesponnen. Verärgert ließ er die hart linke Kampfzeitschrift "Berliner Extra-Dienst" informieren. Prompt unterstellte das Blatt dem Reinbeker Verlagshaus, es hätte versucht, mit einem "nicht ganz koscher angelegten Fischzug" sich unbekannte Lukács-Manuskripte "unter den Nagel zu reißen ... deren Veröffentlichung eine literarisch-politische Sensation versprach".
Rowohlt reagierte mit einer Gegendarstellung und bezeichnete den "Extra-Dienst"-Bericht als eine "an den Haaren herbeigezogene infame Unterstellung". Doch damit war der Streit um das mysteriöse Lukás-Erbe -- bis dahin wußte noch niemand, ob es sich bei den gefundenen Manuskripten tatsächlich um unbekannte Lukács-Arbeiten handelt -- noch nicht zu Ende.
Auf der Rückreise von London, wo er den Kofferinhalt abgeholt hatte, machte Jánossy bei Frank Benseler, Herausgeber der im Luchterhand-Verlag erscheinenden Lukács-Gesamtausgabe, Station. Jánossy zeigte Benseler einige Manuskripte, darunter eine Disposition der "Heidelberger Ästhetik" und einen Aufsatz über "die deutsche Intelligenz und der Krieg". Mit Freund Jánossys Erlaubnis photokopierte Benseler Disposition und Aufsatz.
Nur ein Beteiligter an der Schatzsuche war nicht überrascht, als der "Extra-Dienst" Ende vergangenen Monats den Lukács-Aufsatz über die deutsche Intelligenz raubdruckte. Freilich nicht ohne sich vorher genügend zu distanzieren. "Wir haben", so zitierte das Blatt einen "Kenner der Materie", "in diesem sagenhaften Heidelberger Koffer die letzten Zeugnisse der bürgerlich-ziellosen Schreiberei dieses großen Denkers vor der marxistischen Wende."
Von wem der "Extra-Dienst" das Manuskript erhielt, will sein Chefredakteur, Carl L. Guggomos, nur andeuten: "aus einem westdeutschen Verlag". Tatsächlich war es Lukács-Herausgeber Benseler. Mit dem inszenierten Raubdruck wollte er vermutlich verhindern, daß die Koffer-Manuskripte unveröffentlicht nun statt in der Heidelberger Bankfiliale im Budapester Archiv für ein weiteres halbes Jahrhundert verschwinden.

DER SPIEGEL 35/1973
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