27.08.1973

MEDIZINGoldene Adern

Hämorrhoiden werden von alters her meist falsch behandelt. Muß das sein?
Er hat sie getragen manches Jahr.
Und bei Waterloo, so vermuten es manche Historiker, haben sie den Kaiser gar um den Sieg gebracht: Gepeinigt von Schmerzen, entschlußlos durch Schlafentzug und Opiumtropfen, unfähig, sich im Sattel zu halten, habe Napoleon das letzte Gefecht verloren,
* Experte für Mastdarmkrankheiten; von griech. proctos = After und logos = Lehre.
Thron und Reich waren perdu; die Hämorrhoiden blieben.
Dem Feldherrn, soviel ist sicher, gebrach es zwar nicht an Ärzten, aber an wirksamer medizinischer Hilfe gegen sein Leiden, dessen Existenz auch in der neuesten Napoleon-Biographie des britischen Autors Vincent Cronin wieder bestätigt wird. Und 158 Jahre später hat sich an dieser medizinischen Misere nicht viel geändert: Noch immer werden die schmerzhaften Aderknoten des Mastdarms von den Ärzten zu wenig beachtet.
Dabei leiden fast 70 Prozent aller Erwachsenen (über 30 Jahre) an Hämorrhoiden. Sie sind, wie die Krampfadern, eine Art Konstruktionsfehler beim Menschen -- Folge seines aufrechten Ganges: Die Gefäßwände erschlaffen bei der Aufgabe, beständig venöses Blut, gegen die Schwerkraft, zum Herzen zurückzutransportieren. Die betreffenden Venen werden dünnwandig; Bindegewebsschwäche begünstigt den Prozeß.
Bei jedem fünften Erkrankten werden die Beschwerden irgendwann so unangenehm, daß ein Arzt um Rat gefragt wird. Nur in Ausnahmefällen bedeutet die Konsultation auch Hilfe: In der Regel verordnen die Ärzte, meist ohne Untersuchung, schmerzstillende Zäpfchen und allerlei Salben. Das lindert bestenfalls die Symptome. Den Hämorrhoiden tut es nichts.
Denn die erweiterten Blutgefäße lassen sich nur durch eine Operation oder durch örtliche Injektionen wirksam behandeln. Auf diese Weise werden die schmerzhaften Knoten entfernt oder gesundgeschrumpft: Brennen, Juckreiz und Blutungen verlieren ihre anatomische Grundlage. Danach sind die Patienten "unglaublich dankbar", weiß Dr. Ulrich Esche aus Heilbronn. Er ist der einzige Proktologe* im Dreieck Stuttgart-Heidelberg-Karlsruhe und mithin zuständig für rund 300 000 Patienten.
Diese Relation ist keineswegs ungewöhnlich. Höchstens 100 bundesdeutsche Ärzte (von über 100 000) können zu den Proktologen gezählt werden, und nur ein knappes Dutzend widmet sich mit ganzer Kraft dem "analen Symptomenkomplex". "Es ist eben ein sehr unfeines Gebiet", sagt Dr. Werner Roschke, der in Bad Salzuflen dem einzigen deutschen "Institut für Proktologie" vorsteht. Jeden Tag werden hier von vier Medizinern 80 bis 100 Patienten verarztet -- allesamt ambulant und fast durchweg mit Spritzen. Roschke: "Diese Behandlungsmethode leistet Hervorragendes und kann praktisch in allen Fällen große, eingreifende Operationen ersetzen."
Freilich verlangt sie "geschicktes Vorgehen" und "ausgefeilte Technik"; Dem Kranken wird ein daumendickes Sehrohr, das "Proktoskop", in den Mastdarm eingeführt. Durch ein seitliches Fenster des Gerätes wölben sich die Hämorrhoidalknoten vor. Mit einer langen Spezialkanüle spritzt der Proktologe hinter den Blutbeutel wenige Tropfen einer chininhaltigen Flüssigkeit. Die so ausgelöste örtliche Entzündung verödet zu- und abführende Blutgefäße: Nach vier bis sechs Sitzungen sind die Hämorrhoiden eingeschrumpft.
Eine kunstgerechte "Verödungsbehandlung" schmerzt nicht, da in dieser Region sensible Nerven fehlen. Die weitverbreitete Befürchtung, bei Hämorrhoiden sei die Behandlung schwerer zu ertragen als die Krankheit, ist, bei sachgerechter Therapie -- ebenso unbegründet wie das Vorurteil, sitzende Tätigkeit verschlimmere das Leiden.
Solche proktologischen Erkenntnisse haben sich indes selbst unter Ärzten noch nicht allgemein herumgesprochen. In den Universitäten wird Proktologie nicht gelehrt, in den meisten Krankenhäusern nicht praktiziert. Das wird sich ändern, meint auch der schwäbische Kassenarzt Esche: "Hämorrhoiden sind so häufig, so gut therapierbar und so liederlich versorgt. Das kann und wird nicht so bleiben."
Mittlerweile honorieren die Krankenkassen eine ambulante Verödungsbehandlung im Durchschnitt mit 200 Mark. Das ist rund ein Zehntel der Summe, die fällig wird, wenn ein jahrelang verschlepptes Hämorrhoidalleiden schließlich im letzten Stadium doch noch stationär operiert werden muß.
Auch aus anderem Grund zahlen die Kostenträger ohne Murren: Die von den Proktologen praktizierte Austastung und innere Schau des Mastdarms stellt die einzig verläßliche Methode zur Frühdiagnose der dort lokalisierten Krebsform dar: Neun Prozent aller bösartigen Geschwülste haben in dieser Taburegion ihren Sitz.
Bei jedem fünften Patienten entfernt Roschke deshalb vorsorglich "Polypen". Das sind gestielte Geschwülste, die häufig zu Krebs entarten. Der lange ausgebuchte Arzt (er behandelt nur Privatpatienten): "Es ist bedauerlich. daß so verdammt wenig Ärzte von Proktologie eine Ahnung haben."
Das ist erstaunlich. Denn die kleine Zunft, deren Urahn vor 4500 Jahren der ägyptische Medicus Iry war (Ehrentitel: "Wächter des königlichen Darmausgangs"), gilt Kennern der Heilkunst als "gesucht und betucht" (Ärztemagazin "Euromed").
Schon der Ärztevater Hippokrates habe die Hämorrhoiden "goldene Adern" genannt. "Euromed": "Mancher Patient mag es anders sehen. Der Proktologe aber weiß: Hippokrates hatte recht."

DER SPIEGEL 35/1973
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