26.09.2005

„Die Union fürchtet uns“

Verbraucherschutzministerin Renate Künast, 49, über eine Öffnung der Grünen nach rechts und die Zukunft ihrer Partei
SPIEGEL: Frau Künast, werden Sie die Grünen für Bündnisse in alle Richtungen öffnen, wenn Sie als Fraktionsvorsitzende gewählt werden sollten?
Künast: Rot-Grün hat am 18. September keine Mehrheit bekommen, Schwarz-Gelb aber auch nicht. Das war kein Unfall, sondern wird womöglich ein Dauerzustand. Bei fünf Akteuren im Bundestag werden sich Koalitionen künftig entweder zwischen den zwei Großen bilden, oder Sie brauchen Dreierkonstellationen. Dabei ist keine Konstellation von vornherein ausgeschlossen.
SPIEGEL: Auch nicht mit der Union?
Künast: Das hängt vom jeweiligen Wahlergebnis ab. Die alten Verteufelungen wird es schon bei der nächsten Bundestagswahl nicht mehr geben. Doch eines muss auch klar sein: Bei uns geht der Inhalt immer vor, und je komplexer das Parteienspektrum ist, desto wichtiger werden die Inhalte. Sonst ergeht es uns so wie der FDP. Bei denen kommt erst der Ministerstuhl und dann der Inhalt.
SPIEGEL: Wenn der Inhalt stimmt, ist es Ihnen egal, wer den Stuhl hinstellt?
Künast: Wenn alles stimmt, ja. Aber Sie sollten nicht zu träumen beginnen.
SPIEGEL: Auch nicht von Jamaika?
Künast: Dazu reicht meine Kreativität im Moment nicht aus, und daraus wird derzeit auch nichts. Die Positionen der CDU sind mit unseren in entscheidenden Bereichen unvereinbar. Doch die Union fürchtet uns ja schon, weil sie merkt, wie wir mit unseren Themen das städtische Bürgertum ansprechen.
SPIEGEL: Die Grünen als linke FDP?
Künast: Nein, die FDP ist immer noch die Partei der Besserverdienenden. Wo bleibt da die soziale Gerechtigkeit? Wir sind etwas Neues, das sich über den Inhalt links von der Mitte definiert.
SPIEGEL: Und die SPD? Steht sie dann links oder rechts von Ihnen?
Künast: Mal so, mal so. Das alte Koordinatensystem stimmt eben nicht mehr. Die neuen Gerechtigkeitsfragen, etwa die zwischen den Generationen, passen nicht mehr in das Schema der Siebziger.
SPIEGEL: Welche Chancen und welche Risiken birgt der Rückzug Fischers?
Künast: Ich sehe keine Risiken. Wir blicken jetzt nach vorn. Keiner von denen, die für den Fraktionsvorstand kandidieren, sagt: Ich will die Fußstapfen von Fischer ausfüllen. Joschka hat den richtigen Zeitpunkt erwischt. Keine Hin- und Herzottelei. Respekt, das schafft nicht jeder.
SPIEGEL: Das klingt erleichtert.
Künast: Nee, ich war nicht erleichtert. Dank Joschkas Kraft haben die Grünen sieben Regierungsjahre durchgestanden. Aber jetzt geht es um die nächste Runde, um das 21. Jahrhundert. Welche Bedeutung hat die Globalisierung? Wollen wir Wettbewerbsfähigkeit durch niedrige Löhne oder durch moderne Technologie?
SPIEGEL: Mit Fischer ging das nicht?
Künast: Joschka war immer Vordenker. Aber er hat erkannt, dass Leuten, die für das alte rot-grüne Projekt standen, dieser Geruch anhängen bleibt. Jetzt haben wir die Chance, einen neuen Raum zu betreten.
SPIEGEL: Fischer war für mindestens zwei Prozent der Stimmen gut. Wie wollen Sie das ausgleichen?
Künast: Es wächst eine starke, junge Generation nach.
SPIEGEL: Sie sprachen mal vom Leitganter Fischer, dem die anderen Spitzengrünen folgen.
Künast: Inzwischen haben wir ja gelernt, dass sich die Wildgänse beim Formationsflug ablösen, damit nicht immer nur einer im Wind liegt. Jetzt ist der Leitganter Fischer aus der Führung rotiert. INTERVIEW: RALF BESTE,
KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN
Von Ralf Beste und Konstantin von Hammerstein

DER SPIEGEL 39/2005
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