26.09.2005

Reggae, Rum und feiner Sand

Nach der Wahl ist Jamaika in aller Munde. Reiseveranstalter jubeln, doch die Karibik-Insel befürchtet diplomatische Verstimmungen.
Als Außenminister Joschka Fischer am Montag nach der Wahl über die Chancen einer schwarz-gelb-grünen "Jamaika"-Koalition sprach, verzog er das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen: "Ich sah die plötzlich mit Dreadlocks da sitzen und einer Tüte in der Hand und im Hintergrund Reggae-Musik und Schwaden, die aus Bierkrügen dampfen." Das war zu viel des Guten, sogar für den Ex-Sponti Fischer. "Also, wie soll das gehen?"
Reggae, Rum und feiner Sand: Zwar sind die Aussichten auf eine Koalition von Union, FDP und Grünen kaum mehr realistisch, für manch einen Politiker ist das Karibik-Feeling in diesen Tagen gleichwohl die angenehmere Alternative zum Filterkaffee im Sitzungssaal. Auch rund 8500 Kilometer von Berlin entfernt ist man begeistert: Dankbar registrieren die etwa 2,6 Millionen Einwohner des Karibik-Staats die plötzlich boomende Aufmerksamkeit für ihre Insel.
"Jamaika - Gewinner der deutschen Wahl", titelte die Zeitung "Jamaica Gleaner" in der Hauptstadt Kingston nicht ohne Stolz. 30 Grad Celsius, kein Wölkchen am Himmel - und nun auch noch dies: Ein Glücksfall sei das für Jamaika, schrieb der "Gleaner", denn binnen Stunden sei der Name des Inselstaats in aller Munde gewesen.
Tatsächlich schwappte noch am gleichen Tag die Welle karibischer Begeisterung direkt in die Reisebüros. "Sensationell", sagt Marcel Bodenbenner, Leiter des jamaikanischen Fremdenverkehrsamts in Mettmann, und kann sein Glück kaum fassen. So viel Gratiswerbung gab es noch nie. In den Tageszeitungen werden euphorische Reiseberichte gedruckt: "Grünes Bergland, gelbe Strände, schwarze Musik", schwärmt die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung".
Auch bei Meier's Weltreisen ist man in Feierlaune: "Die Buchungen sind seit Montag um zehn Prozent nach oben gegangen. Jamaika spukt jetzt in den Köpfen der Urlauber", sagt Ines Batz, Produktmanagerin für die Insel. Beim Reiseveranstalter TUI ist von Steigerungen "im dreistelligen Bereich" die Rede.
Auch die kleine Botschaft Jamaikas in Berlin genoss die Aufmerksamkeit zunächst ganz unbekümmert: "Wir finden das lustig", strahlte Botschafterin Marcia Yvette Gilbert-Roberts in Interviews. Doch nun herrscht Katzenjammer.
In ihrem Büro in einem efeuumrankten Hinterhof Berlin-Friedenaus ringt die Diplomatin sichtbar um Fassung. Denn es gab ja nicht nur schöne Reiseberichte - zunehmend wurden in der deutschen Presse auch plumpe Klischees bedient: Wie nasse Säcke hingen Angela Merkel, Guido Westerwelle und Joschka Fischer auf der Titelseite der "Bild"-Zeitung. Ausgestattet als Ganja-Gang mit Rastazotteln und bunten Häkelmützchen, sahen sie aus, als könnten sie weder zählen noch sich selbst die Zähne putzen.
Botschafterin Gilbert-Roberts findet das alles nun gar nicht mehr witzig. Sie fürchtet gar diplomatische Verwerfungen: Man möchte die exzellenten Beziehungen zwischen Jamaika und der Bundesrepublik Deutschland nicht lächerlich gemacht sehen. Schließlich könne der Begriff Jamaika-Koalition auch als Einmischung ihrer Regierung in die innenpolitischen Angelegenheiten Deutschlands verstanden werden.
Das immerhin würde die Berliner Republik wohl gerade noch überstehen. KERSTIN KULLMANN
Von Kerstin Kullmann

DER SPIEGEL 39/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen